Die letzte Abwehrschlacht

von Thore Schröder8.01.2013Wirtschaft

Erkenntnis des erneuten BER-Desasters: Dem Regierenden Bürgermeister geht es hier nur noch um sich.

Das ist also die Reaktion von Klaus Wowereit (SPD) auf den nächsten größten Tiefschlag seiner Laufbahn: „Der Aufsichtsratsvorsitz geht vom Land Berlin zum Land Brandenburg.“ Der Regierende Bürgermeister kündigt an, sich raus zu rochieren. Jetzt soll bitte Partei- und Ministerpräsidenten-Kollege Matthias Platzeck den meisten Ärger abbekommen. Was Wowereit macht, ist das Gegenteil von Verantwortung und Krisenmanagement, es ist Abwälzen und Flucht.

Wowi schmollt

Acht Monate sind vergangen, seit dem Tag, der die erste Zäsur für ihn bedeutet. Am 8. Mai 2012 platzt der (schon zweite geplante) Eröffnungstermin des Großflughafens. Nur wenige Wochen vor der geplanten Riesen-Party für die coole Metropole und ihr lässiges Oberhaupt geht die politische und wirtschaftliche Bombe hoch: Der Aufsichtsrat und die Öffentlichkeit erfahren, dass dieser von außen zumindest in der Substanz fertig wirkende Flughafen im Innern ein Chaos ist. Zu kurze Rolltreppen, zu wenige Gepäckbänder, zu eng, zu undurchdacht. Eine Brandschutzanlage, die nicht funktioniert, ist der Hauptgrund für das Scheitern. Der geplant modernste Flughafen Europas ist Murks made in Germany. Deutschland und die Welt lachen über die Hauptstadt, die „Taz“ titelt: „Berlin kriegt keinen hoch“.

Der Regierende Bürgermeister reagiert mit einer fatalen Abwehrstrategie: Der Aufsichtsrat könne nur das wissen, was man ihm mitteile, schuld seien die Planer und Techniker. Den Ober-Bruchpiloten, Geschäftsführer Rainer Schwarz, lassen er und die Kollegen im Amt, sodass auch weiter jemand da ist, der im Zweifel alles verbockt haben kann. (Ob er jetzt gehen muss, ist unklar.) Mitten im Fluss wechsele man doch nicht den Reiter. Dass aber – um im schlechten Bild zu bleiben – das Pferd davongejagt wird, zeigt die Fehlerhaftigkeit dieses Arguments und macht alles nur noch schlimmer. Mit dem Planungsbüro werden die Pläne davongejagt; über Monate stehen alle Arbeiten still. Der neue Planungschef muss sich erst mühsam einen Überblick verschaffen, viel kostbare Zeit verrinnt. Die erneute Eröffnung wird wieder und wieder verschoben. Erst heißt es Spätsommer oder Herbst 2012, dann Frühjahr und schließlich 27. Oktober 2013. So viel Zeit muss doch genügen, denkt sich der prokrastinierende Bürgermeister Berlins.

Die Menschen aber nehmen Klaus Wowereit den hilflosen Getäuschten nicht ab: Eben noch locker wiedergewählt und im Koalitionspoker mit den Grünen kaltlächelnd triumphierend, stürzt er in Umfragen vom beliebtesten Politiker auf die hintersten Plätze ab; der eigentlich kaum schillernde Koalitionspartner CDU überholt die Versager-SPD. Wowi schmollt. Noch in seiner Neujahrsansprache erwähnt er stolz Tourismus-Rekorde und Wirtschaftsdynamik. Das BER-Fiasko sei nur ein „Rückschlag“. Verantwortung zu übernehmen bedeute, „die Dinge anzupacken. Das gilt besonders für den Flughafen.“ Nur wenige Tage nach dieser Rede will der Anpacker mal wieder nichts gewusst haben.

Wegschauen und Verantwortungslosigkeit schädigt alle

Gestern in seiner schmallippigen Erklärung wendet er sich nicht an die vielen verschiedenen Geschädigten des Desasters. An Zehntausende Berliner in Spandau, Reinickendorf und Pankow, die für weitere Monate unter dem Tegel-Fluglärm leiden. An Dutzende Kleinunternehmer und Mittelständler, die wegen geleisteter Investitionen um ihrer Existenz bangen. An die Air Berlin, die schlimmer trudelt denn je. An alle Brandenburger und Berliner, die wegen Wegschauens, Verantwortungslosigkeit, Eitelkeit und Egoismus in einem Land und einer Stadt leben werden, in der weniger Schlaglöcher geflickt, Lehrer eingestellt und Bibliotheken gebaut werden können – wegen des BER.

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