Die gute Integrations-Stube

von Thore Schröder19.07.2012Gesellschaft & Kultur

Der Späti ist in Berlin eine soziale Institution. Da kann man auch ein Auge zukneifen, wenn er es mit dem Gesetz nicht so genau nimmt.

Späti – für Nicht-Hauptstädter muss der Begriff allein schon gaga klingen. Aber für uns Berliner ist er selbstverständlich; genauso wie die Möglichkeit, zu fast jeder Tages- und Nachtzeit dort Zigaretten, Wasser, Bier, Zeitschriften oder gar Eier einzukaufen. Und das soll jetzt vorbei sein?

Eine Institution ist in Gefahr

Die Institution Berliner Spätkauf ist in Gefahr. Auslöser ist ausgerechnet ein Spätverkäufer selbst. Ein Ladenbesitzer aus Prenzlauer Berg hatte nämlich vor dem Oberverwaltungsgericht geklagt, weil ihm das Bezirksamt Pankow verboten hatte, am 1. Mai zu öffnen – wegen der angeblichen Gefahr, dass sich Demonstranten bei ihm munitionieren oder auch nur betrinken könnten. Nicht nur wiesen die Richter seine Klage ab; sie erklärten auch, das Berliner Ladenöffnungsgesetz erlaube Geschäften, die Montag bis Sonnabend ein breites Angebot verkaufen, überhaupt gar nicht, auch noch am Sonntag oder an Feiertagen zu öffnen. Der schlafende Hund der Politik war nun endgültig geweckt. Denn vorher hatte bereits ein Bauarbeiter aus Prenzlauer Berg 47 Inhaber angezeigt, weil er sich echauffierte über den institutionalisierten Gesetzesbruch, am Sonntag länger als die eigentlich erlaubte Zeit von 7 bis 16 Uhr offen zu haben. „Es gibt Gesetze, da müssen sich alle dran halten“, lautete die krause Erklärung für sein Denunziantentum. Mehr als 1000 Spätis bangen in Berlin um ihre Existenz. In Prenzlauer Berg haben sich Betreiber zusammengeschlossen und lassen sich juristisch beraten. Einigen drohen bei genauer Auslegung der Gesetze empfindliche Einnahmeeinbußen, andere könnten gar ihre Konzession verlieren. Pankows Stadtrat Torsten Kühne (CDU) weiß, dass mit dem Urteil „im Prinzip die Rechtsgrundlage für die Öffnung von klassischen Spätverkaufsstellen an Sonn- und Feiertagen entfallen“ ist. Aber er weiß auch, dass eine Schließung mehr bedeuten würde als nur schlechtere Versorgung am Wochenende. „Das ist eine Kiezkultur, die sich in Pankow über Jahrzehnte entwickelt hat“, so Kühne.

Der Späti hat den Schutz der Politik verdient

Recht hat er. Der Späti ist der Mittelpunkt des Kiezes. Hier kaufen die Suffkis vom Platz ihr Bier, die Kinderwagenmuttis ihr Eis und die gesetzteren Herren ihre Zeitung. (Manchmal variiert der Konsum.) Wer seinen Spätiverkäufer erst richtig gut kennt, hat ein zweites Wohnzimmer gefunden. Ali, der Besitzer des Spätis hier am Helmholtzplatz (besser gesagt: Helmi), registriert jedes Reisegepäck, jede Frisurveränderung und jede neue weibliche Begleitung. Er weist mich auf neue Produkte hin. Er lässt mich am Sonntag minutenlang in Zeitungen und „Spiegel“ stöbern, ohne dass ich sie kaufen muss. So ein Späti ist im Idealfall auch eine Art Bücherhalle. Der Spätverkäufer besitzt den Ehrgeiz, sein Sortiment immer mehr zu diversifizieren, weil nämlich die Konkurrenz so groß ist, und immer größer wird. In unserem Kiez haben wir je einen Späti, der sich in Whisky, Gemüse, Paketannahme, Wein, Bier und Feinkost spezialisiert. Freuen kann man sich in den Verkaufsstellen auch über die in deutschen Supermärkten kaum bekannten, orientalischen Güter. Die Spätis sind nämlich ein Ort der Integration. Nicht Tante Emma, sondern Onkel Mehmet steht hier hinter der Theke, oder sein Sohn, oder sein Neffe. Ein eigener Spätkauf ist nicht nur für Türken, sondern auch für viele Chinesen und Vietnamesen in Berlin eine einfachere Möglichkeit, sich durch harte Arbeit bei noch geringen Sprachkenntnissen eine Existenz aufzubauen. Das Thema Sonntagsarbeit und die Sicht der Kirche, die der Ladenschlussregelung zugrunde liegen, fallen bei so vielen Argumenten für die uneingeschränkte Öffnung kaum ins Gewicht. Der Späti ist Kiez, der Späti ist Integration. Der Späti hat den Schutz der Politik verdient.

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