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Fanmeile ohne Fans

Nur Feiern in der Masse ist gutes Feiern? Die Fanmeile Berlin zumindest bietet keinen Anreiz, EM-Spiele zwischen Wurstbuden und Vuvuzelas zu gucken. Dann lieber mit bunt gemischtem Publikum in der Kiezkneipe, ganz ohne die üblichen Fanatiker.

Gewöhnen kann ich mich nicht an dieses Bild: auf dem Weg zur Arbeit, morgens und abends, eine leere Straße des 17. Juni. Vor lauter Aufgeregtheit fahre ich Schlangenlinien über die sechs Spuren, springe über die Kabelkeile und tauche dicht an den Buden vorbei. Eine Fanmeile meist ohne Fans. Denn tatsächlich werden hier nur sieben von 31 Spielen gezeigt.

Schon mal habe ich mich hier in meiner Kolumne über den Irrsinn am Brandenburger Tor ausgelassen. Über Sperrungen wegen Christopher Street Day, Modewoche und eben Fußball-Europameisterschaft. Über einen Sommer, in dem die Hauptstraße im zentralsten Zentrum für Autofahrer wochenlang gesperrt bleibt. Über Staus auf den Umfahrungsstraßen. Über ein nationales Wahrzeichen, umringt von Kränen, Bildschirmen, Werbeflächen.

Transformation zum Fan

Doch eigentlich ist alles noch viel schlimmer, kann ich jetzt sagen. Denn ich war da, auf der Fanmeile. Einen Kilometer nimmt der Budenzauber ein vom Brandenburger Tor in Richtung Großer Stern, wo dieser Tage die Zelte für die Fashion Week aufgebaut werden. Gesponsert wird die „Fanmeile Berlin“ von einem koreanischen Autohersteller. Und wo nicht dessen Logo prangt, wirbt natürlich ein amerikanischer Brauseriese. Der bietet in einem Durchgangszelt die ultimative „Transformation“ zum Fan an: schwarz-rot-goldene Hawaii-Kette um den Hals gehängt, die Flagge auf die Wangen geschminkt und fertig ist der Fußball-Aficionado.

Wem das nicht reicht, findet an mehreren Ständen Trikots made in China (20 Euro), Klapperhändchen und natürlich die nervtötenden Vuvuzelas (je 5 Euro). Bratwurst in trocken Brötchen gibt es für 2,50 Euro, das Bier kostet 3,50, die Cola 3 Euro. An den Eingängen der Fanzone achten gepierct-tätowierte Menschen darauf, dass keine Glasflaschen oder größere Plastikgefäße oder Alkoholika hineingetragen werden. Aus reinen Sicherheitserwägungen natürlich.

Erst mal angekommen, ist die Nachschubversorgung jenseits der Buden tatsächlich schwierig. Eingebettet in den Tiergarten, flankiert von Botschaftsviertel, Potsdamer Platz, Hauptbahnhof und Regierungsviertel, ist die nächste Kneipe, der nächste Späti reichlich weit. Und so drängeln sich bei den Deutschland-Spielen tatsächlich 400.000 Menschen vor diesen Hütten, stehen auf hartem Beton, warten teilweise schon Stunden vorher vor Regen ungeschützt auf den Anpfiff. Faszinosum Fanmeile: Warum tun sich das diese Leute an? – Wahrscheinlich, weil seit 2006 der Gedanke gereift ist, dass nur Feiern in der Masse gutes Feiern ist. Und dass die Stimmung proportional zur Menschenmenge steigt.

Kein nivellierendes Lärmen

Schwachsinn. Fußball, vor allem bei den großen Sommer-Turnieren, sollte tatsächlich in der Gruppe konsumiert werden. Aber es ist nicht verboten, dabei auch mal zu sitzen, ordentlich gezapftes Bier und leckeres Essen zu konsumieren. Auch liegt der Reiz des Fußball-Sommers darin, dass eben nicht nur die üblichen Fanatiker die Spiele verfolgen, sondern auch Eltern, Kinder, hübsche Frauen. Und die vielen Ausländer in der Stadt natürlich. Die findet man eben nicht auf der Betonmeile, sondern in den Kneipen der Kieze.

Wie vergangenen Sonntag in Kreuzberg. Wir schauen das Spiel England gegen Italien in einer spanischen Bar am Görlitzer Park. Tommy-Fans und Italiener im Gleichgewicht, Deutsche mit fair verteilten Sympathien. Ein Riesen-Spiel und Hochstimmung trotz Regenwetter. Bei der Zigarette vor der Tür vernehmen wir Jubel und Schimpfen aus den anderen Pinten am Platz. Kein großes gemeinsames, alles zudeckendes und nivellierendes Lärmen, sondern der Jubel der Gruppen und Blöcke. Dit is Berlin!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Schröder: Die gute Integrations-Stube

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