Der Westen blüht, trotzdem

von Thore Schröder7.06.2012Gesellschaft & Kultur

In der Berliner Stadtplanung regieren Geschmacklosigkeit, Spießertum und Langsamkeit. Ein Wunder, dass die Stadt trotzdem blüht.

Der Kudamm lebt auf. Immer beachtlicher wirken das Comeback von Geschäftigkeit und Attraktivität in der City-West. Gegenüber der gerade wegen Renovierung eingeplatteten Gedächtniskirche entsteht mit dem Projekt Bikini-Berlin ein New-York-artiger Dachgarten über einer Shoppingpassage. An der Ecke Joachimstaler und Kantstraße eröffnet hoffentlich noch in diesem Jahr das Waldorf-Astoria im neuen Zoo-Fenster, dem neuen höchsten Haus des Berliner Westens. Die Luxushotel-Kette hatte sich ganz bewusst für den Standort am Zoologischen Garten entschieden und somit von der Hauptkonkurrenz in Mitte abgesetzt. Daneben soll mit dem Atlas-Tower bald ein weiteres, noch höheres Hochhaus für ein Hotel und Büros Platz schaffen. Das luxuriöse Cumberland-Haus, weiter den Kudamm hinauf, soll bis Dezember eröffnen. Die Wohnungen darin sind längst alle verkauft. In der Nachbarschaft baut der britische Star-Architekt David Chipperfield mit dem neuen Kudamm-Karree an einem weiteren Wohn-Gewerbe-Kultur-Leuchtturmprojekt. Nicht zuletzt belegen die vielen Neueröffnungen internationaler Groß-Ketten – unter anderem werkelt Apple derzeit an einem Mega-Store nahe dem Kranzler-Eck – die wiedergewonnene Attraktivität des Boulevards 125 Jahre nach seinem Geburtstag.

Geschmacklos und langsam

All das geschieht nicht wegen, sondern trotz der Rahmenbedingungen der Politik. Denn in der Bezirkspolitik im Westen regieren Kleinmut, Geschmacklosigkeit und eine unglaubliche Langsamkeit. So sorgten Mandatsträger und BVG gemeinsam dafür, dass sich die Tunnel- und Straßenbauarbeiten vor dem KaDeWe auf der Tauentzienstraße seit 2008 bis heute hinziehen. Ergebnis der Marathon-Buddelei: eine Ansammlung funzeliger Eiben, eingefasst in helles Granit, das vielleicht nach Miami aber nicht nach Schöneberg oder Charlottenburg passen will. Beim Bahnhof Zoo, der zur Eröffnung des Hauptbahnhofs vom ICE-Fernverkehr abgekoppelt wurde, wird eine Wiederbelebung gleich vielfach behindert. Eigentlich wurde bereits 2007 beschlossen, dass die Autos am Hardenbergplatz in einer Tiefgarage verschwinden sollen. Einzig gebaut wurde noch nicht, weil Politiker von Grünen und SPD die Größe im Vornherein auf so klein festlegten, dass sich der Bau für einen privaten Investor nicht lohnt. Den Wiederbetrieb der Zooterrassen, einem einstmals beliebten Lokal im Bahnhofsgebäude, steht unter anderem der Denkmalschutz entgegen. Eine Verlegung der Bushaltestellen auf die andere Seite der Schienen in die Jebensstraße lässt sich bisher gegen den Willen der BVG nicht durchsetzen. Das staatliche Verkehrsunternehmen möchte mit seinem Betrieb nicht gegen die Verwahrlosung durch den Obdachlosen-Hotspot angehen.

Die Politik schafft die Rahmenbedingungen für Kitsch

Dauerbaustellen, bezugslose Gestaltung, blockierende Bestimmungen. Eine neue Geschmacklosigkeit hat nun der Charlottenburg-Wilmersdorfer Stadtentwicklungsstadtrat Marc Schulte gemeinsam mit seinem Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann vorgeschlagen: Die SPD-Politiker möchten Buddy-Bären auf dem Mittelstreifen des Kudamms aufstellen. Naumann argumentiert, die übermenschengroßen, bunten Kitsch-Monster, die mit ihrem Aussehen eher an ein zerkautes Kaugummi als an das Wappentier erinnern, würden dem Bild „von den zu tiefgründigen und zu humorlosen Deutschen“ entgegenwirken. Der Chef des Auktionshauses Villa Grisebach, Bernd Schultz, hat die Idee in der „Berliner Morgenpost“ als das bezeichnet, was sie wirklich ist: Sie stamme „aus der Schreckenskammer der Verlegenheitslösungen, mit denen unsere Stadt überzogen ist“. Der falsch verstandene Lokalpatriotismus sei einfach „Piefigkeit“. Da hat er recht. Denn obwohl in der City-West die Beispiele für kleinmütigen Städte- und Straßenbau besonders zahlreich sind, findet man die Beispiele gerneweltstädtischer Buntheit schon in der ganzen Stadt. So etwa beim grässlich-hollywoodfernen Boulevard der Stars am Potsdamer Platz oder dem Erinnerungskitsch am Checkpoint Charlie. Bei diesem Thema sollte den Berlinern also tatsächlich das Lachen vergehen.

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