Es ist nicht Sache eines Politikers, allen zu gefallen. Margaret Thatcher

Gut Park will Weile haben

Der Flughafen Tempelhof ist Geschichte und Berlin um eine riesige Freifläche reicher. Ideen für die Nachnutzung gibt es viele. Da ist Streit vorprogrammiert.

„The Berg“ hieß das Konzept von Architekt Jakob Tigges, das noch heute als gerahmte Grafik in einigen Hipsterbars zu bestaunen ist. Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof wollte der Dozent der TU 2009 ein 1000-Meter-Massiv von fast alpinen Dimensionen aufschütten lassen. Andere Pläne sahen eine Umrandung mit Hochhäusern oder sogar eine weitgehende Flutung der Riesen-Brache vor. Das war kein typisch Berliner Größenwahn, sondern eine dem Ort, der Geschichte und den Dimensionen angemessene Spinnerei.

Plötzlich gab es diese große Freifläche

Denn nirgendwo sonst gibt oder gab es in einer vergleichbar großen, gewachsenen, westlichen Metropole so eine enorme Freifläche. Und nirgendwo kam eine Stadt so plötzlich dazu wie in Berlin, nachdem 2008 mit dem Tempelhof-Volksentscheid klar war, dass der Flugbetrieb hier für immer eingestellt wird. Da musste man ja auf dumme Ideen kommen.
Der Senat unter Federführung der bis zum vergangenen Jahr amtierenden Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und Senatsbaudirektorin Regula Löscher entwickelte einen Nutzungsplan, der von Anfang an Schwachstellen aufwies. Das riesige Flughafengebäude von Ernst Sagebiel etwa, in dem eine Eventlocation und ein Kreativ- und Gründerzentrum entstehen sollten, wurde vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) handstreichartig an die Modemesse Bread & Butter vergeben. Durch die zweimalige Nutzung pro Jahr werden aber viele andere Veranstaltungen oder gar dauerhaften Ereignisse blockiert. So wichtig die Messe für Berlin sein mag und so erfolgreich sie sich in den Hangars entwickelt hat, sie ist ein Entwicklungshemmnis für den Standort.

Zweiter politischer Streitpunkt auf dem Rund: Die geplante Zentral- und Landesbibliothek, die auf einem Areal am Tempelhofer Damm entstehen soll. In den ansonsten sehr harmonischen Koalitionsverhandlungen zwischen den Sozialdemokraten und der CDU war das Projekt der große Zankapfel. Ob der Baustart tatsächlich wie geplant 2016 erfolgen kann, ist noch lange nicht klar. Dass die Planungen am Südwestrand die Nachbarschaft eines Gewerbeparks für saubere Zukunftstechnologien mit ausgerechnet einem Zentralen Omnisbusbahnhof vorsehen, klingt für sich schon wie ein Witz.

Berlin hat schon genügend Erholungsgebiete mitten in der Stadt

Und natürlich stoßen auch die Pläne für die Gestaltung des Ostrandes auf Kritik. Soll hier doch ein Kiez erweitert werden, in dem gerade der Mietenkampf tobt und in dem die verblendeten Aktivisten offenbar nicht verstehen wollen, dass zusätzlicher Wohnraum genau das Mittel ist, um dem Anstieg entgegenzuwirken. Die Protestierenden des Bündnisses „100 % Tempelhofer Feld“ wollen, wie schon damals bei der Eröffnung des jetzigen Parks, alles, immer und nur nach den eigenen Vorstellungen haben. Das Tempelhofer Feld soll ihrer Meinung nach bleiben, wie es jetzt ist: eine riesige Schönwetterfreizeitbrache. Das Bürgerrecht auf unverstellten Weitblick. Als hätte Berlin mit dem Tiergarten oder dem gerade entstehenden Mega-Park am Gleisdreieck nicht schon genügend Erholungsgebiete mitten in der City.

Vor diesem Hintergrund sind auch die jetzt zu besichtigenden Pläne des Büros Gross.Max aus Edinburgh einzuordnen. Die Schotten haben den Zuschlag bekommen, ab dem nächsten Jahr 240 von 380 Hektar des Geländes zum echten Park umzubauen. 61,5 Millionen Euro für Streuobstwiesen, Sportanlagen, gigantische Wasserflächen oder einen absurden Mega-Kletterberg stehen ihnen zur Verfügung. Wer allerdings einmal an einem warmen Wochenende auf dem Tempelhofer Feld gewesen ist, wird gemerkt haben, dass die Berliner diesen Park so schon längst angenommen haben. Die Ausgaben sind, wenn nicht unnötig, so doch verfrüht. Viel besser wäre es, die wirtschaftliche Entwicklung ringsum abzuwarten, um dann tatsächlich längerfristig planen zu können.

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