Es wäre inhuman, wenn Fleiß, Talent und Lebensentscheidungen keinen Unterschied mehr machten. Christian Lindner

Bitte zurückbleiben

Es geht voran und zwar mit Bus und Bahn. Wo in Hamburg noch artig Platz gemacht wird, erfreut sich der Berliner an seiner eigenen Schnauze. Hauptsache, es wird nicht langweilig.

Eine Stadt ist wie ihr Nahverkehr. In Berlin bedeutet das vor allem: laut, lärmend und leider häufig verspätet. Und damit meine ich nicht nur den alltäglichen S-Bahn-Wahnsinn, der uns seit fast zwei Jahren an den Nerven zerrt. In U- oder S-Bahn-Waggons, Trams oder Bussen lässt sich das Wesen einer Metropole erleben. Selten habe ich die Unterschiede zwischen meiner Herkunftsstadt Hamburg und meiner Heimatstadt Berlin so deutlich erlebt wie am vergangenen Wochenende im ÖPNV zwischen Wellingsbüttel und Moabit.

Hamburger Ordnung

Durch einen verpassten Fernzug und eine weitere Verspätung war ich Sonnabend erst um halb zwölf nachts im Hamburger Hauptbahnhof angekommen. Abgekämpft von der Arbeitswoche und der strapaziösen Zugfahrt geriet ich zu allem Überfluss mitten in die Besucherscharen des Alstereisvergnügens. Gruppen von Erwachsenen und Jugendlichen schoben sich mit mir in die S-Bahn und ich rechnete mit dem Schlimmsten. Doch zu meinem großen Erstaunen kehrte in dem Moment, als die Türen schlossen, sofort Ruhe ein. Teenager überließen den älteren Passagieren die Sitze, die Handys verstummten, Gläser und Flaschen waren plötzlich nicht mehr zu sehen. Außer in meiner Hand. Hatte ich – ganz Berliner – doch noch vor der ersten Haltestelle den Kronkorken von meinem Pilsner geploppt. Dass der Alkoholkonsum in den Fahrzeugen des Hamburger Verkehrsverbunds verboten ist, erfuhr ich erst durch zwei junge Männer in Uniformkampfanzügen, die mich wenig später zum Aussteigen komplimentierten. Immerhin: Die Zahlung von 40 Euro Strafe blieb mir erspart.

Hamburger Ordnung auch am Montagmorgen auf dem Rückweg vom Alstertal in die Innenstadt. Adrette Männer und Frauen, selbst die in die City pendelnden Schüler fragten immer erst, bevor sie sich an meinen überschlagenen Beinen vorbeidrängen mochten. Von Ärger oder Ungeduld wegen meines offensichtlichen Imwegseins war nichts zu spüren. Während der ganzen halbstündigen Fahrt hörte man kaum mehr als die Geräusche der fahrenden S-Bahn und die Stationsansagen aus dem Lautsprecher.

Berliner Schimpfkanonade

Zwei Stunden später im 245er-Bus vom Berliner Hauptbahnhof nach Alt-Moabit beobachtete ich zwei Teenagermädchen mit gigantischen Rucksäcken, die den Plan in ihrem Reiseführer studierten. Keine zehn Sekunden vergingen, bis ein weißhaariger Flaschensammler mit einer Art Einkaufswagen an sie heranrückte und lauthals erklärte: „Sie müssen an der Turmstraße umsteigen, hier sind sie falsch.“ Dann drängte eine fettleibige Frau von vorne durch den mehrgliedrigen Bus. „Es tut mir leid, dass ick so jebaut bin“, erklärte die Dicke schnaufend und lachte noch, als sie links und rechts die Mitfahrgäste touchierte. Trotzdem dauerte es wieder nur einige Sekunden, bis eine andere ältere Frau ihr zur Entlastung die schweren Tüten abnahm und auf ihren Schoß abstellte. Ich wuchtete derweil meinen Rucksack auf den Rücken zurück und trat zum Ausgang. Der Flaschensammler war sofort alarmiert. „Raus aus dem Türbereich“, befahl er und nickte glücklich, als der Busfahrer diese Anweisung wiederholte. Fünf Minuten lang dauerte die Schimpfkanonade von bald immer mehr Passagieren, die auch meine immer verzweifelteren Platzmachbemühungen nicht beruhigten. Als ich endlich ausstieg, blickte ich mich noch einmal um. Und sah in fröhlich-erboste Gesichter.

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