Der Ursprung des Humors liegt im Banalen. Helge Schneider

Henkels heikelster Fall

Auch wenn man momentan den Eindruck bekommt, der heikelste Job der Stadt sei der im Schloss Bellevue, hat Berlin noch eine Reihe anderer schwieriger Posten zu vergeben. Einer davon ist seit bald acht Monaten nicht besetzt: Es gibt keinen ordentlichen Polizeipräsidenten.

Seitdem Dieter Glietsch im Mai 2011 in den Ruhestand gegangen ist, ist Berlin eine Stadt ohne Sheriff. Wie lange das noch so bleibt, ist weiterhin unklar. Doch der Reihe nach: Der damalige Innensenator Ehrhart Körting (SPD) wollte in einer einsamen Entscheidung Udo Hansen, einen SPD-Mann und Ex-Chef des Bundesgrenzschutz-Präsidiums Ost, durchdrücken. Dagegen klagte der unterlegene Bewerber Klaus Keese und bekam Recht. Die Wahl wurde wegen Verfahrensfehlern für ungültig erklärt. Körting, der nicht zuletzt mit der weitestgehenden Befriedung des 1. Mai eine gute Figur in seinem Amt gemacht hatte, setzte mit Hansen aus noch anderen Gründen aufs falsche Pferd. Weil der Sozialdemokrat als Hardliner gilt, konnte ihn der damalige Senatspartner Linke nur schwer ertragen. Enthüllungen um einen vorläufigen Ruhestand, währenddessen er aber als Sicherheitsberater des Luftfahrtkonzerns EADS in Saudi-Arabien gearbeitet hatte, machten ihn dann eigentlich für alle Seiten untragbar.

Ein neuer Name kursiert

Nicht so für die SPD, die Hansen auf Vorschlag des mittlerweile scheidenden Senators Körting in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU kurzerhand noch mal auf den Schild heben wollte. Frank Henkel (CDU), von der plötzlichen Glücksaussicht des Mitregierens nach der Explosion von Rot-Grün noch ganz benommen, schluckte die Personalie mit offensichtlichem Ärger. Körting hatte seinem Nachfolger als Innensenator ein faules Ei ins Nest gelegt.

Doch womöglich ahnte Frank Henkel zu diesem Zeitpunkt schon, dass die Entscheidung noch gar nicht durch war. Denn Anfang Dezember stoppte das Verwaltungsgericht die Inthronisierung zum zweiten Mal! Dieses Mal, so die Richter, waren die Zeugnisse der Kandidaten nicht ausreichend beachtet worden.

Während die Grünen schon eine Neuausschreibung forderten, schmiedete Henkel einen eigenen, ebenso heiklen Plan. Der Senator beantragte beim Landespersonalausschuss, den Polizeipräsidenten direkt zu ernennen, ganz ohne Ausschreibung. Ein neuer Name kursierte auch schon: Klaus Kandt, Leiter der Polizeidirektion Berlin – CDU-Parteigänger und über Fraktionsgrenzen hinweg geachtet.

Auf ein paar Wochen kommt es nun auch nicht mehr an

Gestern Henkels erneute Kehrtwende: In einem RBB-Interview stellte er klar, dass der Name Kandt keinesfalls gesetzt sei, und dass neben dem Faktor Zeit vor allem Rechtssicherheit entscheidend sei. Das kolportierte Verfahren der direkten Ernennung bezeichnete er lediglich als „eine von mehreren Optionen“. Ob bei der nächsten Sitzung des Landespersonalausschusses eine Entscheidung gefällt werde, ließ er offen.

Damit tut Henkel das einzig Richtige. Zwar ist er als CDU-Chef nach dem Fehlstart um den Rücktritt von Justizsenator Michael Braun und als neuer Innensenator mit schwierigem Erbe auf einen schnellen Erfolg angewiesen, um sein Profil zu schärfen. Gleichzeitig aber darf er sich in der beispiellosen Präsidenten-Hängepartie nicht noch einen Fehltritt leisten, oder die Personalie haftet für immer an ihm.

Der Polizeipräsident von Berlin ist Herr über 22.500 Beamte, steht im Visier von Linksautonomen und muss sich im täglichen Kampf gegen Autoabfackler, internationale organisierte Kriminalität und andere Verbrecher bewähren. Seit Mai 2011 macht diesen Job relativ geräuschlos und gar nicht schlecht Margarete Koppers, die ehemalige Stellvertreterin von Dieter Glietsch. Auf ein paar Wochen mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an.

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