Wir sollten mit dem Wort Krieg vorsichtiger umgehen. Tilman Brück

Ein Lob den Zugezogenen

In der Hauptstadt wird Neu-Berlinern die Schuld am Wandel der Stadt gegeben. Ohne sie geht es jedoch auch nicht.

Für manche Berliner sind dies die schönsten Tage des Jahres: Wenn in Prenzlauer Berg plötzlich zu jeder Tages- und Nachtzeit Parkplätze zu bekommen sind, wenn in Kreuzberg nur noch Türkisch und Icke gesprochen wird, wenn in der Ringbahn auf einmal Sitzplätze frei bleiben.

Schuld sind die Neu-Berliner

Diejenigen, die sich da so freuen, sind vor allem Eingeborene (Thilo Sarrazin würde sagen: autochthone Berliner). Aber dazu gehören interessanterweise auch solche Niederbayern, Bremer oder Kurpfälzer, die gänzlich in ihrem Hauptstadtdasein aufgegangen sind. Sie bezeichnen die anderen 15 Bundesländer ganz ernsthaft als „Provinz“, sie haben jede ursprüngliche Mundart aus ihrer Sprache getilgt und sie klagen täglich über den traurigen Wandel, den ihr Kiez genommen hat, seitdem sie vor etwa 30 Jahren dort angekommen sind.

Schuld an allem ist der Neu-Berliner, der die Stadt kommerzialisiert, der vereinheitlicht und verdrängt.

So ist diese Zugezogenendebatte natürlich ein Teil der Gentrifizierungsdiskussion. Das Altabgeranzte wird bedingungslos verherrlicht, historische Besonderheiten wie Mauer, Kommunismus oder Berlin-Hilfe vergessen. Die Stadt existiert gleichsam in einer riesengroßen Blase, isoliert von Marktwirtschaft und Geschichte.

Dass ausgerechnet die Schwaben in dieser Welt als Antichristen herhalten müssen, ist eigentlich nur logisch. Schließlich gelten die Bundesbürger aus dem Südwesten als besonders fleißig. Und nichts ist dem kieztümelnden, antifortschrittlichen Berliner ungeheuerlicher als Erfolg.

„Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ lautete das Motto einer Kampagne, die den Schwaben 2009 zynisch eine „Gute Heimreise“ wünschte. Im vergangenen August gab der Zeitungszusteller Maik D. „Hass auf Schwaben in Prenzlauer Berg“ als Motiv dafür an, warum er elf Kinderwagen in Hausfluren angezündet hatte.

In der Neuköllner Weserstraße konnte man im selben Sommer Schilder lesen, die das Englischsprechen verboten, wurden bei der Bar eines Mexikaners die Scheiben eingeworfen.

Das ist die neue, noch besorgniserregendere Seite dieser Debatte: Dass nun „der Tourist“ oder gar „der Ausländer“ als Feind herhalten muss.

Berlin braucht die Neu-Berliner

Natürlich ist es gerade in einer von Armut geplagten Stadt wie Berlin wichtig, die alte Bevölkerung vor explodierenden Mieten und Verdrängung zu schützen. Etwa durch verlässliche Mietverträge und Sozialwohnungen für Bedürftige. Und gerade ausländischen Großinvestoren müssen dabei Grenzen gesetzt werden.

Aber gleichzeitig sollten sich die betonköpfigen Bewahrer darüber klar werden, dass die Sanierung der maroden Quartiere vom Geld der Zugezogenen abhängt, auch dass Berlins Aufstieg zur Szene-Hauptstadt Europas, dass das ungebremste Aufblühen der Galerie- und Partyszene nicht ohne die Kreativität, den Einsatz und auch das Geld der Neu-Berliner zu schaffen war und ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Schröder: Die gute Integrations-Stube

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