Die Kunden hätten sich gegenüber ihren Banken einen kritischeren Umgang angewöhnen müssen. Georg von Boeselager

Irgendwie unverdient

Die Affäre um Christian Wulff darf nicht der Grund sein, einen ohnehin ungeliebten Politiker loszuwerden. Doch ein genauerer Blick auf Vita und Amtsführung des Bundespräsidenten zeigen, dass seine Karriere irgendwie unverdient erscheint.

Peinlich kleinlich klingen die Fragen, die sich Bundespräsident Christian Wulff in diesen Tagen gefallen lassen muss. Wo hat er seine Urlaube verbracht? Hat er für den Aufenthalt gezahlt? In welcher Verbindung stehen die Wulffs zu dem Paar, das sie kostenlos in ihrem Anwesen wohnen ließ? Für die Beantwortung dieser und anderer Erkundigungen hat der erste Mann im Staat eigens eine Anwaltskanzlei beauftragt.

Auch die Fragen nach dem Privatkredit für seinen Eigenheimbau in Großburgwedel müssen für manche Menschen, die nicht in der Politik oder den Medien beschäftigt sind, in erster Linie spitzfindig klingen. Interessiert das den gemeinen Wähler überhaupt? Sind das nicht bloß langweilige Details?

Titelblatt-Kampagne

Die Debatte um die Freundschaften Christian Wulffs zu niedersächsischen Unternehmern und etwaige Vorteilsnahmen wirkt in ihrer Detailversessenheit wie eine reine Politik- und Medienbetriebsdiskussion, ein Streit der Abgeordneten und Redakteure. Erstaunlich einträchtig beteiligen sich daran linke und rechte Blätter. Fast scheint es, als hätten die Journalisten nur darauf gewartet, diesen Bundespräsidenten abzuschießen.

Am deutlichsten belegen lässt sich diese Vermutung bei der Lektüre des „Spiegel“. Das Nachrichtenmagazin titelt zur Affäre zweideutig „Der falsche Präsident“ und nimmt damit unverhohlen den Kampagnenfaden auf, den es bereits vor der Wahl im Sommer 2010 gesponnen hatte. Damals hieß es auf der Seite eins unter dem Foto von Gegenkandidat Joachim Gauck: „Der bessere Präsident“.

Irgendwie unverdient

Der „Spiegel“ ist zwar besonders laut und meinungsstark, aber beileibe nicht alleine. Die Gründe für eine vielmehr sehr allgemeine Abneigung gegen Christian Wulff liegen auf der Hand. Er gilt als der klassische Berufspolitiker im negativen Sinn: aufgestiegen in der Parallelwelt einer Partei, unterstützt von Seilschaften (Anden-Pakt), gesponsert von Wirtschaftsbossen. Neben der zweifelhaften Vergangenheit im niedersächsischen Sumpf wird dem Osnabrücker auch angelastet, dass er nur durch einen Schachzug der Kanzlerin in sein Amt kam. Irgendwie unverdient wirkte das. Sein Lebensumstand, Oberhaupt einer jungen Familie zu sein, erschien dadurch nicht wie eine erfrischende Neuheit, sondern wie ein weiterer Beleg für die mangelnde Eignung. Hinzu kam die Zaghaftigkeit seiner Amtsführung. Seit eineinhalb Jahren ist Christian Wulff schon im Amt, doch in Erinnerung bleibt nur die Aussage, dass der Islam irgendwie auch zu Deutschland gehöre.

Doch all das darf bei der momentanen Diskussion keine Rolle spielen. Jetzt geht es nur um die Frage, ob Christian Wulff gegen Gesetze verstoßen hat. Sollte das der Fall sein, muss er gehen, schon um weiteren Schaden vom Amt abzuwenden. Aber die Affäre darf nicht ein Vorwand sein, einen ohnehin Ungeliebten loszuwerden.

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