Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Stille nach dem Knall

Mit dem Abriss der Deutschlandhalle geht Berlin eine ihrer wichtigsten Traditionsbühnen verloren. Trotz aller modernen Neubauten fehlt es der Vergnügungshauptstadt an einem zentralen Feierort.

Keine Sitzblockaden, kein Anketten, nicht mal Buhrufe gab es am Sonnabendmorgen, als um 9.53 Uhr das Ende der Deutschlandhalle besiegelt wurde. Nach der Explosion von über 40 Kilogramm Semtex-Sprengstoff fiel das berühmte Laternendach in sich zusammen. Der Sekundentod der Traditionsbühne nach 76 Jahren bewegter Geschichte.

„Völlig banale Kiste“

Eingeweiht wurde die Deutschlandhalle 1935 als „weltgrößte Mehrzweckhalle“ im Beisein Adolf Hitlers, 1943 von Bomben zerstört, 1957 wieder aufgebaut. Und danach der Vergnügungsort West-Berlins. Sechstagerennen, British Tattoo, „Menschen, Tiere, Sensationen“, Led Zeppelin, Rolling Stones, Santana, alle großen Bands spielten hier. Unvergessen etwa der Auftritt von David Bowie im Kinofilm „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Doch seit gut zehn Jahren schon lag der graue Klotz ungenutzt. Gesperrt wegen Unfallgefahr, weil Betonteile von der Decke fielen. Marode, ungepflegt, abgegriffen. Eine Sanierung der innen hölzern-heimeligen Halle sollte 100 Millionen kosten. Für die florierende Messe war die Arena an der Avus mit ihrer großen Vergangenheit immer mehr ein Klotz am Bein. Umso fröhlicher zeigte sich Technikchef Dieter Pasierbsky nach der Sprengung.

Bis 2013 soll der Nachfolgebau entstehen. Aber schon bei der Vorstellung der Pläne im Sommer gab es Kritik. Der Architekten- und Ingenieurverein bezeichnete den Entwurf als „völlig banale Kiste“. Auch der Name „City Cube Berlin“ spricht nicht dafür, dass sich die Hauptstädter hier jemals so zu Hause fühlen werden wie im Vorgängerbau.

Ein Grundsatzproblem in Berlin. Der durch die Goebbels-Rede zum Totalen Krieg verrufene, aber auch für Jahrzehnte heiterer Veranstaltungen berühmte Sportpalast in Schöneberg wurde 1973 abgerissen. An seiner Stelle entstand ein Fanalklotz des sozialen Wohnungsbaus. Wo in Friedrichshain einst das legendäre Plaza-Varieté stand, vom Volksmund „Theater der 3000“ genannt, wirkt heute die O2-World wie ein anonymer, in die Brache gestellter Klotz. Auch von der gewollt versteckten Max-Schmeling-Halle am ehemaligen Mauerstreifen in Prenzlauer Berg geht kein Festspielzauber aus.

Dass der Palast der Republik mit seiner berühmten Bühne weichen musste und an seiner Stelle einstweilen ein großes Loch klafft, ist eine andere Geschichte. Dass sich echte Begeisterung, ob bei Fußballfesten oder Riesenkonzerten, im renovierten Riesen-Rund des Olympiastadions meist verliert, ist schon lange bekannt.

Der Vergnügungshauptstadt fehlt der Festplatz

So bleibt die benachbarte Waldbühne mit ihren Steilrängen und der scheinbar natürlichen Einbettung in die Naturlandschaft der einzige Ort für ein architektonisch-kulturelles Gesamterlebnis in der Hauptstadt. Aber sie ist eben nur für sommerliche Freiluftveranstaltungen geeignet.

Mit seinen Paraden, Festivals und Konzerten, nicht zuletzt auch der weltläufigen Clubkultur ist Berlin mehr denn je in den vergangenen 20 Jahren die Vergnügungshauptstadt. Einen Identifikation stiftenden gemeinsamen Festplatz hat sie aber nicht. Stadtplaner und Architekten sind aufgerufen, an einer Lösung zu arbeiten. Ob in Tempelhof, Tegel oder anderswo, genug Platz gibt es ja.

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von Gunnar Sohn
25.06.2014
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