Die neue Kohl-Hörigkeit

Thore Barfuss8.10.2014Medien

Ein Buch führt zu einer Diskussion um Helmut Kohl und Journalisten aller Lager führen sich auf, als wäre der Altkanzler ein harmloses Opfer. Eine Wutrede.

Pressekonferenzen sind ziemlich langweilige Veranstaltungen. Am Anfang redet immer ein offizieller Vertreter von der Organisation, die den Spaß bezahlt – leider geht diesem in den allermeisten Fällen jegliches Redetalent ab. Nach dem ersten Dämpfer wird dann von den Protagonisten der PK (Journalistendeutsch für Pressekonferenz) eine halbe Stunde lang das erzählt, was durch Pressemitteilungen oder Medien schon vorher bekannt war. Danach werden viele überflüssige und ein paar ganz interessante Fragen gestellt und Antworten gegeben. So weit, so Standard.

Was gestern allerdings auf der Pressekonferenz zur Buchveröffentlichung von Heribert Schwans und Tilman Jens’ „Vermächtnis – Die Kohl-Protokolle“ passiert ist, lässt mich an meiner eigenen Branche zweifeln. In einer mir nicht bekannten Obrigkeitshörigkeit wurden Fragen um Fragen gestellt, die Helmut Kohl mal als armen alten Mann, mal als missverstanden, mal als Opfer eines Racheakts, als Hintergangenen darstellten.

Die Doppelmoral der „Bild“-Zeitung & die Schröder-Protokolle

Vorneweg ging ausgerechnet die „Bild“-Zeitung. Chefredakteur Kai Diekmann hatte auf Twitter bereits vor Tagen die Stoßrichtung vorgegeben:

Bis heute ist kein einziger Artikel auf “bild.de zu dem Thema erschienen”:http://www.bild.de/suche.bild.html?query=helmut+kohl! Ein Schelm, wer diese Zurückhaltung der „Bild“ mit der freundschaftlichen Nähe Kohls zu Diekmann und Friede Springer erklärt. Sonst ist die „Bild“ selten so zimperlich.

Doch das Einzige, woran offensichtlich gearbeitet wird, ist ein Angriff auf Kohls „Ghostwriter“ Heribert Schwan. Der auf der PK anwesende Alexander Schönburg, Textchef der Bild, ging Schwan persönlich an, wirkte dabei allerdings wenig souverän. Sein Verweis auf das “Gerichtsurteil in der Causa”:http://www1.wdr.de/themen/panorama/kohl-tonbaender104.html wurde vom anwesenden Anwalt des Heyne Verlags kassiert – es entstand der Eindruck, Schönburg habe die Urteile entweder nicht richtig gelesen oder nicht richtig verstanden. Aber es kam noch schlimmer: Schönburg versuchte es auch über die moralische Schiene.

Nun stehe ich wirklich nicht im Verdacht, zur Schar der Tausenden „Bild“-Kritiker zu gehören (siehe “meine letzte Kolumne zum Bildblog”:http://www.theeuropean.de/thore-barfuss/8656-10-jahre-bildblog), aber es ist schon perfide, wenn sich gerade die „Bild“-Zeitung auf die moralischen Standards unserer Branche beruft. Es könne doch nicht sein, dass das Buch ohne Kohls Zustimmung veröffentlicht werde, so die Stoßrichtung der Bild’schen Argumentation. Man müsse sich da an den journalistischen Kodex halten. Also die Regeln, die die „Bild“ (das vom Presserat meistgerügte Medium) gerne und immer wieder vergisst.

Liebe Kollegen von der „Bild“, stellt euch doch mal vor, die Protokolle wären zu Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt erschienen. Dann wären eure Titelseiten tagelang mit nichts anderem gefüllt als Enthüllungen über Sigmar Gabriel, Andrea Nahles, Joschka Fischer oder wen auch immer. Wenn ihr dann kritisiert würdet, doch allzu private Details aus dem Leben des SPD-Kanzlers preiszugeben, würdet ihr euch auf das öffentliche Interesse berufen. Es ist dieselbe Doppelmoral, die ihr immer wieder euren Kritikern vorwerft, mit der ihr hier argumentiert.

Die anderen Medien sind nicht besser

Es waren aber weniger die „Bild“-Leute, die mich überraschten, als die anderen Kollegen. Von den ca. 15 gestellten Fragen gingen zwei Drittel die Autoren oder den Verlag kritisch an. Kollegen und Kolleginnen von namhaften Medien wie „Spiegel Online“ oder den „Stuttgarter Nachrichten“ stellten Fragen wie: „Ist die Veröffentlichung nicht unfair gegenüber Kohl? Ist der Zeitpunkt mit Absicht gewählt? Ist der Altkanzler nicht wehrlos? Ist das nur Rache an Kohl?“

Mit jedem weiteren Angriff fragte ich mich mehr, ob es da noch einen zweiten Helmut Kohl, vielleicht aus einem Parallel-Universum, gibt, der plötzlich der Liebling der Medien geworden ist. Denn der Kohl, den ich kenne, war über Jahrzehnte hinweg Lieblingshassobjekt der linken Presse und hat einen – freundlich formuliert – wenig eleganten Abgang aus der Politik hingelegt. Wo sonst aus viel harmloseren Gründen draufgehauen wird – man denke an Christian Wulff, an Hans-Peter Friedrich, an Horst Köhler, an Karl-Theodor zu Guttenberg –, herrschen bei Kohl auf einmal Bedenken. Ich dachte immer, der Begriff _altersmilde_ beschreibt, wie sich Politiker im Alter verhalten, nicht wie Journalisten sich ihnen gegenüber gebaren.

Noch schlimmer: Die Angriffe auf den eigenen Kollegen Schwan passierten ohne äußeren Anlass. Die Aufregung haben die Journalisten in die Debatte gebracht, nicht die Politiker. Normalerweise attackieren Politiker Medien oder andersherum, verteidigt wird fast immer die eigene Branche. Hier aber greifen Journalisten ihren eigenen Kollegen an: Das Interview gestern Morgen im “Deutschlandfunk war mehr Verhör als Fragestunde”:http://www.deutschlandfunk.de/kohl-zitate-das-denkmal-wird-nicht-gestuerzt.694.de.html?dram:article_id=299570. Und die Politik hat sich bisher, bis auf wenige Ausnahmen wie “Peter Hintze”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/helmut-kohl-und-nachlass-cdu-politiker-ruehe-fordert-kohl-stiftung-a-995426.html oder “Wolfgang Thierse”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/helmut-kohl-spd-politiker-thierse-kritisiert-altkanzler-a-995620.html, noch gar nicht geäußert.

Die „Spiegel“-Geschichte war überspitzt

Helmut Kohl hat einen fairen Umgang verdient, aber es gibt ebenso ein öffentliches Interesse an den Äußerungen von ihm. Wenn jetzt beispielsweise Nils Minkmar in der „FAZ“ schreibt: “„Sensationen würden anders klingen“”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/helmut-kohl-trauriges-tonband-13192478.html, dann ist das ein bisschen wahr – das gab auch Schwan auf der PK zu –, daraus spricht aber auch ein bisschen Neid für die ganze Aufmerksamkeit, die der „Spiegel“ bekommen hat. Denn natürlich hat der seinen eigenen Dreh für die Geschichte gefunden, und in einer sehr effektiven Titel-Geschichte journalistisch zugespitzt, was in dem Buch unter anderem steht. Da wurden gezielt die krassesten Zitate gesucht, eine einfache Buchrezension hätte auch viel weniger Leute interessiert.

Diese Art von Zuspitzung passiert jeden Tag in den Medien. Die Kollegen, die das kritisieren, haben es Hunderte Male selbst gemacht. Und wenn man sich ähnliche Bücher anguckt, greift immer dieser Reflex. Am besten sieht man das bei Taylor Branchs „The Clinton Tapes“: Viele Stunden Tonbandaufnahmen haben zu einem dicken Buch geführt, in dem man sehr viel über Bill Clinton erfährt. Aber worüber wurde damals berichtet? Wie Boris Jelzin betrunken durch Washington irrt oder “welche Witze über Al Gore gemacht wurden”:http://www.welt.de/politik/ausland/article5832794/Clintons-Gestaendnisse-aus-der-Sockenschublade.html. So funktioniert Journalismus, und das wissen die Kollegen auch.

Erster Eindruck: differenziert

Ich habe von dem Buch, das ich gestern Mittag erhalten habe, bisher die ersten 50 Seiten gelesen. Den Eindruck, das Buch sei eine Abrechnung oder ein Racheakt, kann ich nicht bestätigen. Es wird ein differenziertes Bild von Kohl gezeichnet, positiv wie negativ, sogar selbstkritisch mit der eigenen Rolle umgegangen. Viele der in den Medien gemachten Vorwürfe werden direkt angesprochen und entkräftet – so gab es zum Beispiel nie einen Vertrag zwischen Kohl und Schwan oder eine Schweigepflicht. (Schwan: „Hätte ich nie unterschrieben!“)

Bevor sich Journalisten also zum Retter der Kohl’schen Ehre aufschwingen, sollten sie zumindest das Buch lesen. Wir dürfen nicht vergessen, es geht hier nicht um irgendwen, es geht um ein Stück Zeitgeschichte, personifiziert durch Helmut Kohl. Und Journalisten in Deutschland, so mein Glaube, sind die vierte Macht im Staat und nicht die fünfte Kolonne des Altkanzlers.

Nachtrag: Das Stück von “Alexander Schönburg (und Ralf Schuler) ist inzwischen online”:http://www.bild.de/politik/inland/helmut-kohl/der-krimi-um-die-tonbaender-38061088.bild.html. Ebenso ein “BILD-Kommentar von Béla Anda”:http://www.bild.de/news/standards/bild-kommentar/vertrauen-darf-man-nicht-zerstoeren-38062114.bild.html.

Nachtrag 2: In ersten Version des Textes stand, dass Alexander Schönburg für die letzte Seite der Bild verantwortlich ist, das stimmt nicht, ich bitte das zu entschuldigen. Der Hinweis kam von Schönburg selbst:

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