Bekenntnisse eines analogen Besserwissers

Thore Barfuss26.10.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Im Internet streiten ist wie Schachspielen mit einer Taube. Egal, wie gut du das Spiel beherrschst: Am Ende wird die Taube die Figuren umschmeißen und das Spielfeld zuscheißen.

Ich weiß alles besser. Also wirklich. Wie, glauben Sie nicht? Fragen Sie mal mein Umfeld, schon seit jeher treibe ich jeden mit noch der kleinsten Information in den Wahnsinn. Seit jeher suche ich aber auch eine Kur dafür. Wie die allermeisten Besserwisser habe ich äußerst ungern unrecht. Noch viel unangenehmer ist es aber, zugeben zu müssen, unrecht gehabt zu haben. Um mich zu überzeugen, braucht es einen langen Atem und vor allem gute Argumente.

Anfangs hatte ich gehofft, das Internet könnte mich heilen. Aber: ­Diskussionen dort erspare ich mir. Dabei sollte es in der Theorie doch so schön sein: Der Austausch mit Menschen, die nicht meiner Meinung sind, hilft, an dieser doch so menschlichen Schwäche zu arbeiten. Aber leider wurde das alte Versprechen von Enzensbergers Radiotheorie nicht eingehalten. So ist zwar heute theoretisch „jeder Mensch sein eigener Sender“. Aber nur, weil jeder sendet, ist der Diskurs nicht breiter oder differenzierter geworden.

Sie sind erzkatholisch, homosexuell, ernähren sich vegan und wählen die AfD? Kein Problem!

Das Netz bietet sich förmlich dafür an, in Meinungsblasen zu verschwinden. Meinungsblasen, fragen Sie, was soll das sein? Natürlich erkläre ich Ihnen das gerne. Schön, dass Sie fragen! Da gibt es zum Beispiel die “Pro-Russland-Blase”:http://www.handelsblatt.com/gabor-steingart/1986826.html, die “Anti-Springer-Blase”:https://www.taz.de/ oder die “Berlin-ist-doof-Blase”:http://www.tape.tv/kraftklub/videos/ich-will-nicht-nach-berlin (alles Blasen, denen ich nicht angehöre).

Anders als früher sind die Blasen viel spezifischer und kleiner geworden. Man muss sich nicht mit einem ­bestimmten Set an Meinungen zufrieden geben. ­Gehörte früher automatisch zu SPD-nah, amerikakritisch, kapitalismusfeindlich auf jeden Fall auch das Attribut atheistisch in das Set, kann man sich das heute frei zusammenstellen. Sie sind erzkatholisch, homosexuell, ernähren sich vegan und wählen die AfD? Kein Problem!

Mit jeder neuen digitalen Verknüpfung, mit jeder Erweiterung des eigenen Netzwerkes wird es einfacher, sich sein eigenes Weltbild nur noch bestätigen zu lassen. Für Besserwisser wie mich perfekt! Wenn alle in der Blase meiner Meinung sind, muss ich nie zugeben, mich geirrt zu haben.

Die Besserwisserei wird mir das ­Internet bestimmt nicht austreiben

Das Problem habe ich – es wird Sie nicht wundern – schon länger erkannt und ­arbeite stets dagegen an. Ich bilde mir ein, mich bisher nur den besonders radikalen Meinungsblasen fernzuhalten: dort, wo keinerlei Widerrede erwünscht ist, wo nur Nachrichten und Meinungen aus einer Quelle verlinkt werden. Dort, wo nur solche Argumente verwendet werden, die laut Volksmund eine Stufe unter dem Mord angesiedelt sind.

Aber ich merke auch immer ­wieder, wie es mir das Internet leicht macht, mich Diskussionen zu entziehen. Ein Freund verlinkt eine unseriöse Seite, die Israel zum alleinigen Schuldigen im ­Nahostkonflikt macht – ignoriert. ­Kritik an meiner Kolumne bei Twitter, die ich nicht nachvollziehen kann – ignoriert. Nein, die Besserwisserei wird mir das ­Internet bestimmt nicht austreiben. Wobei: Ein erster Schritt zur Besserung ist ja ­bekanntermaßen die Einsicht. Und vielleicht kann man mich eines Tages ja doch davon überzeugen, das man schon Tauben hat Schach spielen sehen.

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