Es gibt zur Zusammenarbeit zwischen den Nationen keine Alternative. Barack Obama

Was wird man wohl noch sagen dürfen?

Die Debattenkultur in Deutschland ist auf einem Tiefpunkt angekommen. Das ganze Land leidet unter zwei extremen Lagern: Das eine fordert ultimative Toleranz für alles, was es sagt. Das andere fordert ultimative Toleranz für alles.

„Ich bin nicht nur überzeugt, dass das, was ich sage, falsch ist, sondern auch das, was man dagegen sagen wird. Trotzdem muss man anfangen, davon zu reden.“ So beschreibt Robert Musil 1922 in seinem Essay „Das hilflose Europa“, wie man gegen die geistige Orientierungslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg vorgehen könnte. Seine Aussage ist aktuell wie lange nicht. Denn in den vergangenen Jahren hat sich in Deutschland ein scheinbar unüberwindbarer Graben aufgetan, ein Graben der Intoleranz.

Zwei Seiten stehen sich unerbittlich gegenüber. Die eine fordert ultimative Toleranz für alles, was sie sagt. Die andere Seite fordert ultimative Toleranz für alles. Während für die eine Seite schon das Wort „Schwarzer“ ein Skandal ist (aktuell politisch korrekter Begriff: „Person of color“), verwenden die anderen immer skandalträchtigere Wörter wie „EUdssR“, um die dramatische Situation darzulegen, in der sich die Gesellschaft angeblich befindet. Beide Seiten eint dasselbe Problem, obwohl sie das natürlich nie zugeben würden: Sie sind Opfer von Tretmühlen.

Die Sprache wird krasser, die Umstände bleiben gleich

Der Psychologe Steven Pinker beschreibt ein Phänomen, dass euphemistische Wortneubildungen stets die negativen Assoziationen der Vorbegriffe aufnehmen und nennt das die „Euphemismus-Tretmühle“. Wörter werden zwar immer wieder ausgetauscht: Aus dem Neger wird der Schwarze wird die Person of Color – die Diskriminierung wegen der Hautpigmentierung (noch so ein Wort, keiner sagt mehr Hautfarbe) bleibt gleich. Und die andere Seite? Dort hat sich eine Dyphemismus-Tretmühle etabliert: Aus dem Demokratiedefizit der EU wird die Eurokratie, wird die EUdssR – die Wörter werden immer bedrohlicher, die Kritik an der EU bleibt im Kern die gleiche.

Dieses zunächst rein sprachliche Phänomen deutet auf ein großes Problem hin. Denn wenn sich an den äußeren Umständen wenig ändert, die Sprache aber krasser wird, dann wird es immer schwieriger, einen Diskurs zu führen. Wer die richtigen Vokabeln nicht kennt, darf nicht mitreden. Wer die falschen Vokabeln verwendet, wird ausgeschlossen. Der Debattensprech zwischen diesen beiden Polen ist auf einem Tiefpunkt angekommen: Anstatt sich inhaltlich auseinanderzusetzen, wird auf der einen Seite die Verrohung der Sprache angeprangert, auf der anderen Seite ständig „Zensur!“ gerufen.

Das ist ein Problem, das der Rest des Landes zu spüren bekommt. Dort sind die Debatten zwar wie eh und je: also langweilig (im Parlament), mit leichtem Einschlag nach links (in den Medien) oder mit Hang zum Krawall (an Frühstücks- und Stammtisch). Was sich verändert hat, sind die Störfeuer, die die alte Ordnung kaputt machen. Wo früher höchstens Journalisten und Politiker mit Pressemappe mitbekommen haben, was im Land geschrieben und gesendet wurde, ist man heute innerhalb kürzester Zeit über die Meinungslage informiert.

Vieles von dem, was sich früher versendet hätte oder im Altpapier gelandet wäre, wird heute bei YouTube hochgeladen oder als Screenshot rumgereicht. Und es geht noch weiter: Während früher eine hohe Zahl aufgebrachter Menschen nötig war, bis bei Medien oder Politik des Volkes Zorn ankam, reicht heute ein Blog-Eintrag, ein Tweet oder eine Online-Petition.

Anstatt sich diesen neuen Möglichkeiten zu stellen, sie gar zu nutzen, sind die Mächtigen bisher wenig souverän mit den neuen Störfeuern umgegangen. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ als „nicht hilfreich“ bezeichnet – ohne es gelesen zu haben –, ist vor allem ihre Äußerung nicht hilfreich. Wenn die Medien Sarrazins Bücher ignorieren, obwohl sie immer wieder die Bestsellerlisten stürmen, gilt das Gleiche. Noch immer fühlen sich Journalisten als die einzigen Gatekeeper und die Politiker als die einzigen Entscheider.

Der Untergang des Abendlands

Es fehlt die Erkenntnis, dass manche Themen auch abseits der alten Kanäle gesetzt werden. Das kann man kritisieren, man darf es aber nicht runterspielen. Natürlich macht es die Debatte nicht einfacher, wenn einem ein wütender Mob im Internet gegenübersteht. Und wie hilfreich Sarrazins Meinungen tatsächlich sind, darüber lässt sich trefflich streiten. Aber eine Demokratie sollte es aushalten, über ein Buch zu diskutieren, ohne dass gleich das Abendland untergeht.

Der aus Kreisen der EUdssR-Verschwörer und Konsorten vorgebrachte Vorwurf, einzelne Themen würden tabuisiert oder gar zensiert, ist natürlich nicht haltbar. Für jede erdenkliche Meinung gibt es eine Plattform. Und bis eine Meinung Konsequenzen hat, muss schon sehr viel passieren. Der Großteil der Meinungen trägt vor allem zur Pluralität der Meinungen bei.

Man muss aber nicht gleich von Sprechverboten und Zensur reden, um sich kritisch mit der deutschen Debattenkultur zu beschäftigen. Um zu erfahren, wie es nun wirklich um sie bestellt ist, haben wir mit Menschen gesprochen (siehe unten), die es wissen müssen. Denn sie waren und sind selbst Teil einer Debatte. Ihre Diagnose, so viel vorweggenommen, fällt ernüchternd aus: Die Debattenkultur in Deutschland schwächelt in beiden Wortteilen, bei den Debatten wie bei der Kultur.

Um zu verstehen, wie fatal das ist, muss man noch einmal Robert Musil lauschen. Der schreibt nämlich weiter: „Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern rundherum wie ein Sack, der mit jeder neuen Meinung, die man hineinstopft, seine Form ändert, aber immer fester wird.“

Die Interviews, die wir im Rahmen dieser Debatte geführt haben, waren

Birgit Kelle: „Pöbeln, beleidigen, bedrohen – alles im Namen der Toleranz“
Roger Willemsen: „Man sieht, wie sich Haltung zersetzt“
Gabriele Pauli: „Auf einmal fielen alle über mich her“
Rainer Brüderle: „Hauptsache Knaller gesetzt und ’ne schöne Auflage“
Jörg Kachelmann: „Jeder Scharlatan bekommt ein Forum für seinen Stuss“
Thilo Sarrazin: „Man kann zweifeln, ob Merkel eine Demokratin ist“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Barfuss: Ick bin kein Berliner

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