Manche verwechseln Colgate mit Golgotha. Karl Lehmann

Fünf gewinnt nicht

Weniger wäre mehr: Die vielen ARD-Talkshows verwässern die Qualität. Ein Plädoyer fürs Absetzen.

Ein klassisches Gespräch morgens in der Redaktion beginnt so: „Hat gestern jemand Jauch/Will/Plasberg/etc. gesehen?“ Darauf folgt meist nur Schweigen. Denn immer wenn einer der Kollegen sich mal wieder durchgerungen hat, eine der sechs großen Talk-Sendungen anzusehen, findet er keinen, der sie auch gesehen hat. Dabei ist es ja nicht so, dass die Sendungen immer schlecht sind: Mal ist Jauch unterhaltsam, mal Plasberg, mal führt Beckmann ein erstaunlich gutes Gespräch, mal wird bei Maischberger die Agenda für den nächsten Tag gesetzt. Das größte Problem in dieser Aufzählung ist aber eindeutig das „mal“.

Konstant inkonstant

Denn politische Talkshows im Ersten sind nur in einem konstant: in ihrer Inkonstanz. Dadurch, dass man als Zuschauer zwischen der größten Grütze und unterhaltsam & informativ alles serviert bekommt, weiß man einfach nicht, wann es sich lohnt, einzuschalten. Natürlich können Themen einen Hinweis bieten (wer bei Plasbergs Real-Satire zum Thema Baumarkt ernsthaft eine hochwertige Sendung erwartet, ist selber schuld).

Aber man muss die Vorankündigungen schon intensiv studieren und fundiertes Gästewissen haben (Klaus von Dohnanyi, Michael Spreng, Ranga Yogeshwar: hui. Christian Pfeiffer, Peter Scholl-Latour, Karl Lauterbach: pfui.), um eine Ahnung zu bekommen, wie es werden könnte. Trial & error – so wie die meisten Deutschen ihre Sendungen auswählen – hilft wenig bis gar nicht.

Produkt und keine Summe

Als Sabine Christiansen noch talkte, wusste man, was unter der Woche „talk of town“ war. So sehr Christiansen immer wieder nervte und unterdurchschnittliche Sendungen produzierte, war doch klar: Wer sonntags nicht eingeschaltet hatte (oder Montag früh nicht schnell die Einordnung in der Nachtkritik gelesen hatte), der konnte nicht mitreden.

Heute haben wir mit den insgesamt fünf bzw. sechs Talkshows ein Problem, das sich anhand einer mathematischen Gleichung sehr leicht aufzeigen lässt: Die Gesamtqualität der Shows ist nicht ihre Summe, sondern ihr Produkt. Einmal überdurchschnittlich mal dreimal Durchschnitt mal zweimal unterdurchschnittlich führt unterm Strich halt zu einem ziemlich miesen Ergebniss.

Plasbergs Stärke war der Anfang vom Ende

Dabei lassen sich recht schnell zwei Schuldige ausmachen: Sabine Christiansen im negativen und Frank Plasberg im postiven Sinne. Mit „hart aber fair“ füllte er ab 2001 , obwohl „nur“ im WDR gesendet, immer mehr das Vakuum aus, das Sabine Christiansen mit ihrer schwächer werdenden Sendung erzeugte. In einem weniger sozialistischen Betrieb als den Öffentlich-Rechtlichen hätte man weit vor 2007 die Konsequenz gezogen und Plasberg statt Christiansen am Sonntag gebracht.

Dass Plasberg am Mittwoch sehr gut funktioniert hat, wurde dann 2007 fälschlicherweise so intepretiert, dass man ihn 2007 zusätzlich zu Anne Will ins Erste geholt hat. Und schwups hatte man statt drei (Christiansen, Beckmann, Maischberger) vier Talker. Und weil das 2007 irgendwie noch funktioniert hatte, hat man das 2011 nochmal mit Jauch wiederholt. Spätestens hier war der Bogen dann überspannt.

Weg vom institutionalisierten Talk

Wie problematisch das ganze ist, zeigt sich im viel beachteten „Geheim-Papier“ der Intendanten, das viele Wahrheiten ausspricht: Zu viele Doppelungen, zu wenig Varianz bei den Gästen, zunehmend politisch irrelevant.

Dazu kommt: In entscheidenden Wochen (Wulff-Weihnachten und Euro-Sommer), sind die Talker dann im Urlaub. In Wochen medialer Flaute dagegen werden die Sendungen gefühlt einfach nur weggesendet. Und wenn ein einzelnes Thema die Agenda beherrscht, bekommen sie es nichtmal hin, wenigstens verschiedene Aspekte zu beleuchten.

Eine Lösung dafür könnte sein, die Talks weniger oft zu senden und immer mal ausfallen zu lassen. Dazu müsste aber so was wie Flexibiltät in der Programmgestaltung möglich sein. Und das ist ungefähr so wahrscheinlich wie eine Gewinnausschüttung einer kubanischen Aktiengesellschaft.

Wer weg muss

Die Conclusio ist also eine ganz einfache: Mindestens eine Sendung muss weg. Die Durschnittsqualität der Talks steigt, je weniger Sendungen es gibt. Wer die besten Chancen hätte zu bleiben, lässt sich ziemlich leicht in eine Rangliste bringen:

  1. Günter Jauch: Der Solide. Liefert bis auf einige Aussetzer immer zumindest gute Sendungen ab. So wichtig wie früher Christiansen (und mit Abstrichen Will) für die politische Agenda ist er trotzdem nicht.
  2. Anne Will: Die Überraschung. Wie so oft: wenn nichts erwartet wird, fällt das Urteil gnädig aus. Immer wieder mit Ausschlägen nach oben muss sich die Sendung aber mit ihrem Konzept noch deutlicher von Jauch absetzen.
  3. Frank Plasberg: Das Sorgenkind. Sicherlich der Talker mit dem größten Potenzial. Eigentlich ein Unding, dass er nie den Sonntag bekommen hat. Auf dem Montag fällt er aber in letzter Zeit viel zu häufig negativ auf.
  4. Reinhold Beckmann: Der Unfähige. Mit Abstand der am wenigsten fähige Talker unter den fünfen. Unterscheidet sich durch sein boulevadeskeres Herangehen zumindest im Ansatz von den anderen.
  5. Sandra Maischberger: Der Durchschnitt vom Durchschnitt. Ist mir persönlich zwar die Sympatischste, aber bei Themen, Gästen und Gesprächen leider ziemlich schwankend. Ohne eigenes Alleinstellungsmerkmal und somit erster Streichkandidat.
Ändern wird sich eh nix

Ernsthafte Hoffnungen, dass sich etwas ändert, braucht man nicht zu hegen. Bis die Öffentlichen etwas entscheiden, ist mehr Zeit ins Land gegangen als die Bundesregierung für die Neuregelung des Wahlrechts braucht. Stattdessen tagen lieber noch ein paar der Gremien-Gremlinge oder es wird ein weiterer Koordinator-Posten geschaffen, der dann doch nicht verhindert, dass Michel Friedmann dreimal die Woche in Talkshows zu sehen ist. Und so heißt es bald wieder:

„Und, gestern Plasberg gesehen?“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ramin Peymani, Alice Weidel, The European Redaktion.

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