Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

Das erste Mal Tod

Wie war das für Sie, als Sie verstanden haben, was Sterben bedeutet? Meine kleine Geschichte.

Den Text vorlesen lassen:

Der Tod beginnt nicht mit der Geburt. Wir alle werden in eine Welt hineinge­boren, in der noch niemand gestorben ist. In den schlimmsten Fällen sterben wir, wenn wir auf die Welt kommen oder in den ersten Lebensjahren. Für alle anderen aber gilt: Der erste Tod ist immer der Tod eines anderen.

Über etwas, das Alexander Kluge mir im Gespräch sagte, dachte ich lange nach: „Es gibt den subjektiven Wunsch im Menschen, dem Tod die Zeit abzukaufen. Jeder Mensch stirbt am Tag ein kleines Stück.“ Auch wenn ich glaube, dass Kluges Beobachtung auf einen Großteil unseres Lebens­ zutrifft, beginnen wir erst dann vor dem Tod wegzulaufen, wenn wir wissen, wovor wir eigentlich fliehen. So gibt es im Leben eines jeden Menschen einen entscheidenen Moment, in dem die kindliche Sorglosigkeit die ersten Brüche bekommt. Das ist dieser Moment, in dem wir unsere Unschuld verlieren: das erste Mal Tod.

Meine erste Erfahrung vom Sterben handelt von einem Frosch

Meine erste Erfahrung kommt mir früher oder später immer in den Sinn, wenn ich über das Sterben nachdenke. Und anders als so viele frühkindliche ­Erinnerungen wurde es nicht durch ­Erzählungen meiner Eltern oder durch Fotos verwischt. Ganz einfach, weil ich die Geschichte bis heute niemandem ­erzählt habe und meine Eltern sie ­bestimmt schon vergessen haben. Sie handelt von einem Frosch.

Ich war fünf Jahre alt, als ich im Familien-Urlaub in einem verschlafenen Dorf die Straße entlang lief. Wie immer war ich zum Leidwesen meiner Eltern weit voraus, um auch noch den letzten Meter der Landschaft zu erkunden. Und wie ich so daher ging, fand ich etwas, das ich zunächst für ein Spielzeug hielt. Damals, Anfang der Neunziger, gab es alles in Plastik, warum also auch nicht dieser zweidimensionale Frosch, der da einfach auf der Straße lag. Es mag sein, dass es mich schon damals verwunderte, dass der Frosch so platt war. Echte Frösche – die kannte ich aus dem Garten von meinem Großvater – sahen ja ganz anders aus. Aber daran kann ich mich nicht mehr richtig erinnern.

Das Leben endet immer mit dem Tod

Noch ziemlich genau weiß ich allerdings, wie entsetzt meine Mutter mich anblickte, als ich ihr stolz den Frosch präsentierte und wie ich mir in der Ferien­wohnung sofort die Hände waschen musste.

Erst als mir meine Eltern dann erklärten, dass das in Wirklichkeit kein Spielzeug war, sondern ein echter Frosch, der von vielen Autos platt gefahren wurde, begann ich die Aufregung zu verstehen. Ich weiß noch genau, dass es mir sehr um den Frosch leid tat, und ich mich fast ein bisschen schämte, dass ich mich so sehr über den Fund gefreut hatte.

Heute weiß ich: Der Frosch ist nicht ganz umsonst gestorben. Denn durch ­seinen Tod hat er einem kleinen Jungen das erste Mal eine Idee vom Sterben gegeben. Nicht, dass ich mir einbilde, ­so schlaue Sätze sagen zu können wie ­Alexander Kluge. Aber eines habe ich durch den Frosch auf jeden Fall gelernt: Das Leben endet immer mit dem Tod.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Barfuss: Ick bin kein Berliner

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 3/2015 des gedruckten „The European“.

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