Die FDP ist der Wandzeitungsagitator des Kapitalismus. Nils Pickert

Ick bin kein Berliner

Warum man auch als Urberliner 
nur Zugezogener ist.

Kennense den Rosenthaler Platz? Da wo früher oder später alle Touristen landen (wobei, meistens ist es dann schon später). Bevor ich angefangen habe, in Berlin-Mitte zu arbeiten, wusste ich nicht, wo der liegt. Bis heute muss ich mich anstrengen, um ihn nicht mit dem Rosa-­Luxemburg-Platz zu verwechseln. Dass der Rosen­thaler Platz samt quasi anliegender Kastanienallee mal für kurze Zeit der angesagteste Treffpunkt der Berliner Hipster war, hab ich natürlich erst mitbekommen, als der Hype schon lange vorbei war.

Als Berliner fühle ich mich in meiner eigenen Stadt oft fremd, einfach weil so viel passiert, was ich nicht mitbekomme. Anders als in anderen deutschen Städten sucht sich Berlin seine Bewohner aus und geht keine Symbiose mit ihnen ein. Jeder versteht, warum Leute in Hamburg, Frankfurt, München, woauchimmer geblieben – oder dorthin geflüchtet sind. Dort gilt: Die Stadt ist die Masse ihrer Bewohner und umgekehrt. Bei uns ist das nicht so, Berlin ist immer stärker als seine Bewohner.

Das beginnt schon damit, dass es unmöglich ist, zu erklären, was Berlin ist. Wer meint, Berlin verstanden zu haben, beweist nur den anderen, dass er es garantiert nicht hat. Das einzige, was die Stadt auszeichnet, ist ihre Undefinierbarkeit. Jeder sieht und projiziert etwas anderes in die Hauptstadt, und niemand kann sich darauf einigen, ob Berlin nun total in, total out oder total egal ist. Das ist auch der wahre Grund für die berühmte Berliner ­Ignoranz. Es schert die Berliner nur deswegen so wenig, was die anderen von ihnen halten, weil sie es selber nicht wissen.

Nur in 90 ­Prozent der Stadt zugezogen

Wenn man sich Berlin nähern will, geht das nur über seine einzelnen Zentren, von denen es viele gibt und – es wird Sie nicht überraschen – keine allgemein anerkannte Einteilung. Berlin ist mit seinen fünf bis sieben zentralen Orten ein Stadtstaat im wahrsten Sinne des Wortes. Der berühmte Berlin-Schriftsteller Wladimir Kaminer beschrieb mir das im Interview so, dass er in Berlin im Prinzip nur auf den fünf Kilometern zwischen Landsberger Allee und Mauerpark heimisch sei. Den Rest der Stadt würde er als Besucher erleben.

Diese Dezentralisierung führt dazu, dass es nicht den einen Berlin State of Mind geben kann. Geht es also um die alles entscheidende Frage, wer denn nun wahrer Berliner ist und wer nicht (ich habe schon unzählige Diskussionen erlebt), kann es nur eine Antwort geben: gar keiner. Der gebürtige Berliner hat ­gegenüber den Neuankömmlingen in der Stadt nur einen Vorteil, er ist nur in 90 ­Prozent der Stadt zugezogen.

Wie jeder Zugezogene hatte auch ich meine peinlichen Momente: Zum Beispiel damals als ich bei The European anfing und statt zu Fuß zur nächsten Post – wie es mir die Kollegen empfahlen – mit der Bahn zur Friedrichstraße fuhr, um ein Paket abzugeben. Sie haben natürlich schon längst erraten, wo besagte Post liegt.

Genau: am Rosenthaler Platz.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Thore Barfuss: Keine Frage der Glaubwürdigkeit

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

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