Freiwillige vorgetreten

Thomas Wiegold22.07.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Wer glaubt, die Wehrpflicht sei der Garant für die Verankerung der Streitkräfte in der Bevölkerung, hat die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre ignoriert.

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Es hat inzwischen fast etwas von einer schönen Legende. Wenn der Sohn am Wochenende in überfüllten Zügen oder nach halsbrecherischen Autobahnfahrten aus der Kaserne heimkehrt, so will es die Mär, wäscht die Mutter seinen Feldanzug und erfährt dabei die Sorgen und Nöte ihres wehrdienstleistenden Jungen. Die Gesellschaft, wie schön, nimmt Anteil an den Männern, die für sie den Dienst mit der Waffe leisten. Und das Ganze heißt “Verankerung in der Bevölkerung”, die erst gewährleiste, dass die Armee eines demokratischen Staates auch eine demokratische Armee bleibe.

Die Wehrpflicht zum Garant der Demokratie hochzustilisieren, geht an der Wirklichkeit vorbei

Mit der Realität hat das wenig zu tun. Ganze 15 Prozent eines Geburtsjahrgangs rücken inzwischen in die Kasernen ein, um sechs Monate zum Anfangssoldat mit begrenzten Kenntnissen ausgebildet zu werden. In den Auslandseinsatz, für den eine Anteilnahme der Bevölkerung viel wichtiger wäre als für den Wehrdienst, gehen diese Grundwehrdienstleistenden nicht. Die Halbierung der Kalten-Kriegs-Bundeswehr mit ihrer halben Million Soldaten – im Frieden – hat ganze Landstriche soldatenfrei gemacht. Formal ist bald die Hälfte der gemusterten jungen Männer untauglich – weil die Truppe ihre Ansprüche hoch geschraubt hat, um nicht mehr Wehrpflichtige einzuziehen, als sie auch unterbringen und ausbilden kann. In dieser Situation die in Deutschland bald 200 Jahre alte Wehrpflicht, eingeführt von einem damals nicht gerade demokratischen Staatswesen, zum Garant der Demokratie hochzustilisieren, geht an der Wirklichkeit vorbei. Dass die Truppe auf ihre Wehrdienstleistenden nicht verzichten will, hat vor allem mit dem nötigen Nachwuchs zu tun. Schließlich scheiden jedes Jahr 20.000 Berufs- und Zeitsoldaten aus und müssen ersetzt werden. Und wer schon in der Uniform steckt, ist leichter zu motivieren, das weiter zu machen – vielleicht kurzzeitig bis zu 23 Monaten, Auslandseinsatz zum Beispiel in Afghanistan inklusive. Oder sich gleich auf etliche Jahre zu verpflichten.

Freiwilliges Soziales Jahr, aber in Uniform

Das jetzt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg akzeptierte Spardiktat, bis zu 40.000 Stellen der Zeit- und Berufssoldaten abzubauen, bringt Schwung in die Debatte: Selbst für nur 15 Prozent eines Geburtsjahrgangs hat die Truppe dann nicht mehr die Kapazitäten, die Wehrpflichtigen anständig auszubilden. Wer diese Zwangspflicht erhalten wollte, müsste deshalb sehr gute Gründe haben. Jenseits des Wunschdenkens, nur so sei die gesellschaftliche Verankerung zu erhalten. Die sind für eine Armee, deren Aufträge jetzt und vermutlich auch in Zukunft außerhalb der Bundesgrenze liegen, so leicht nicht zu finden. Ein Modell, wie es weiter gehen könnte, hat zu Guttenberg bereits in den Überlegungen untergebracht, die er diese Woche der Kanzlerin präsentierte: So was ähnliches wie ein Freiwilliges Soziales Jahr, aber in Uniform. Mit Soldaten, die von sich aus kommen, aber sich nicht auf Dauer verpflichten wollen. “Dienst für die Gesellschaft” nennt das der CSU-Politiker. Jetzt müsste die Gesellschaft nur noch akzeptieren, dass junge Männer (vielleicht auch Frauen?) diesen Dienst für sie leisten. Wie sie es beim Freiwilligen Sozialen Jahr auch tut.

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