Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernstgenommen. Konrad Adenauer

Feuer Frei

Der UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon muss die zweite Amtszeit besser nutzen als die Erste. Es allen Recht zu machen, ist keine gute Strategie.

Im Januar beginnt die zweite Amtszeit von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon: Die Mitgliedsstaaten werden nicht daran arbeiten, die klaffende Lücke zu schließen, die zwischen den Bemühungen der wachsenden Anzahl von Bedrohungen für die menschliche Existenz (Klimawandel, Terrorismus, Verbreitung von Kernwaffen) und dem hartnäckigen Beharren auf nationalen Interessen als der einzigen Grundlage für die Entscheidungsfindung besteht. Kann dagegen irgendetwas getan werden?

Während sich seine erste Amtszeit durch keinerlei Strategie auszeichnete, könnte und sollte der Generalsekretär nun unbarmherzig gleich zwei Strategien verfolgen: oft und energisch seine Meinung sagen und wirklich unabhängiges Personal einstellen und ihm Spielraum für Erfolg und Misserfolg geben.

Nichts davon erfordert die Erlaubnis der Länder, deren Beiträge die Rechnungen der UNO bezahlen. Tatsächlich wurden beide Strategien von seinen Vorgängern verfolgt, vor allem von Dag Hammarskjöld, dem zweiten Generalsekretär.

UNO-Generalsekretäre als weltliche Päpste

Die Universalität und die Legitimität der UNO sind Hebel, um globale Normen und Prinzipien zu formulieren. Solche sind wichtig, weil Menschen – normale Bürger, Politiker und auch Regierungsangestellte – es wichtig finden, was andere über sie denken. Zustimmung und ihr Gegenteil, Ablehnung, können Verhalten verändern. In ihren besten Momenten sind die Generalsekretäre der UNO „weltliche Päpste“.
Sie können die Agenda bestimmen, auch zum Preis der Verärgerung großer und kleiner Mächte. Eine klare Meinung zu haben und sie auszusprechen bevor große Mächte und regionale Organisationen sich geäußert haben, sollte fettgedruckt in den Stellenbeschreibungen für die First Avenue stehen. Sichtbarkeit ist ein Vorteil, Kontroverse verfeinern nicht.

Nach einem Jahrzehnt der Forschung kam das unabhängie UN Intellecutal History Project zu dem Schluss, dass der wichtigste Beitrag der UNO seit ihrer Gründung 1945 die Gestaltung der weltweiten intellektuellen Agenda war.

Wir sollten dringend die Idee eines autonomen, internationalen öffentlichen Dienstes wiederbeleben, eine andere Passion Hammarskjölds. Nationalität, Geschlecht und Vetternwirtschaft haben Kompetenz und Integrität als Basis der Einstellung, Bewahrung und Beförderung abgelöst. Ban Ki-moon will, dass die UNO ein Ideenkraftwerk ist. Ein wieder „elektrisiertes“ Personal sollte die Ideen formulieren und fördern, die die beste Zeit in der Geschichte der UNO geprägt haben.

Nutzung der geistigen Feuerkraft

Das UN-System sollte versuchen, die Lücke zwischen wissenschaftlicher Expertise und politischer Entscheidungsfindung zu schließen. Das setzt die Fähigkeit voraus, Intellektuelle, Denker und Planer mit Weltklasse auszubilden und zu fördern. Der Generalsekretär sollte den Austausch von Personal mit Universitäten, Think Tanks, Stabsabteilungen von Regierungen und Corporate Research Centern erleichtern. Er sollte die Zusammenarbeit zwischen den wirtschafts- und sozialpolitischen UN-Gremien mit den dafür zuständigen Analyseabteilungen bei der Weltbank und dem IWF erhöhen.

Das Potenzial des UN-Systems für Politikforschung und Analyse ist kaum erschlossen. Nur selten findet eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen UN-Organisationen statt. Analysten bewegen sich nur selten außerhalb ihrer Silos. Regelmäßige obligatorische Treffen zum Teilen von Forschungsergebnissen und Ideen, könnte die Engstirnigkeit reduzieren. Ein neuer Forschungsrat könnte die Zusammenarbeit ausdehnen. Das Modell des Intergovernmental Panel on Climate Change könnte für andere drängende Themen reproduziert werden.

Die Nutzung der geistigen Feuerkraft bedeutet, dass es die UNO unmöglich immer allen UNO-Mitgliedern Recht machen kann. Anstatt zu versuchen, den kleinsten gemeinsamen zwischenstaatlichen Nenner zu befriedigen, haben wir seit 1990 aus den Weltentwicklungsberichten gelernt, dass geistige Unabhängigkeit nicht nur toleriert werden kann, sondern auch gesund ist.

Wir brauchen Inseln oder Sicherheitszonen, in denen ernsthafte und unabhängige Analysen stattfinden können, geschützt vor Regierungen, die androhen, die Veröffentlichung zu blockieren oder Gelder zu streichen. Akademische Freiheit sollte kein Fremdwort sein für UNO-Forscher, die an den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts arbeiten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Josef Hoffmann, Rupert Scholz , Elmar Theveßen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Vereinte-nationen, Uno, Politikkultur

Kolumne

Medium_056fc3650d
von Richard Schütze
31.12.2012

Debatte

Der Berliner Kosmos und die Medien

Medium_dfa822a289

Berliner Volkstheater

Der Berliner Politbetrieb tanzt zu häufig nach der Pfeife der Medien. Wer die Hauptstadt deswegen kritisiert, übersieht den Zeitgeist. weiterlesen

Medium_cf0449fb7d
von Ole von Beust
16.10.2012

Debatte

Die BRD zwischen Identität und Entfremdung

Medium_806b989763

Stadt, Land, Einfluss

Nicht was in Berlin erdacht wird, prägt das Land. Die Städte in der Fläche sind die Brenngläser und Knotenpunkte der Gesellschaft. Hier ist Politik greifbar, nicht in den Prachtbauten an der Spree. weiterlesen

Medium_525c4fad44
von Peter Feldmann
10.10.2012
meistgelesen / meistkommentiert