Wir müssen so etwas wie eine Fehlerkultur entwickeln. Thomas de Maizière

Überlebenskünstler

Ressourcenverbrauch, Klimawandel, wachsende Weltbevölkerung und neue Kundenansprüche stellen die Autoindustrie vor gewaltige Aufgaben. Als ehemaliges Statussymbol wird das Auto allerdings nicht von den Straßen verschwinden.

Für den Deutschen war das Auto seit der Nachkriegszeit Symbol für Individualität und Unabhängigkeit. Es ermöglichte Flexibilität bei der Arbeitssuche und Urlaube mit Sack und Pack und Schlauchboot am Mittelmeer. Doch die individuelle Mobilisierung stößt im weltweiten Maßstab an ihre Grenzen: Bereits die Hälfte der sieben Milliarden Erdbewohner wohnt in Städten und während der Automarkt in Deutschland mittelfristig schrumpfen wird, steht die Zunahme des Individualverkehrs weltweit gerade erst am Anfang.

Mobilität und Städte wachsen

Stadtplaner und Ökologen sehen in der Stadtentwicklung durchaus eine Chance auf effiziente Versorgung von Milliarden von Menschen mit Wohnraum, Energie und Nahrung und wissen: Massenmobilisierung wird hier mit konventionellen Autos nicht machbar sein, weshalb der malaysische Unternehmer Chandran Nair ausrief: „Es gibt kein Menschenrecht auf ein Auto.“ Dabei ist das Auto umweltfreundlicher als je zuvor, die Reichweite pro Liter Treibstoff wächst weiter, während die Schadstoff-Emissionen sinken. Diese Entwicklungen sind nicht am Ende und doch wird das Entwicklungstempo wegen des weiter steigenden Bedarfs, der schrumpfenden Erdöl-Reserven und der drohenden Klimaveränderungen nicht reichen. Wenn es in Zukunft noch bezahlbare und umweltverträgliche Mobilität geben soll, sind radikal neue Lösungen gefragt.

In den Industrieländern nimmt das Interesse am Auto jedoch schon ab. „Wired“-Chefredakteur Chris Anderson betonte auf einem Branchentreff im Vorfeld der letzten IAA in Frankfurt, dass in den USA erstmals weniger junge Menschen den Führerschein machten. Er erklärte dies mit der Zunahme der Bedeutung von Sozialen Netzwerken für junge Menschen, um mit ihren Freunden auch über weite Distanzen in Kontakt zu bleiben – dies ermöglichte bisher das Auto. In Deutschland hat das Auto als Statussymbol ausgedient: laut einer von AutoScout24 in Auftrag gegebenen, repräsentativen Studie sind es in der Stadt weniger als 20 Prozent, die sich noch über ihren fahrbaren Untersatz definieren.

Kein „Weiter so“

Daimler-Boss Zetsche verkündete kürzlich auf der Unterhaltungselektronik-Show CES in Las Vegas eine neue Declaration of Independence mit dem Leitmotiv „life, liberty and the pursuit of mobility“. Dahinter steht die Erkenntnis, dass sich das Auto der Zukunft nicht mehr über PS und Zylinderzahl auszeichnen wird. Die zunehmende Vernetzung des Autos macht daraus vielmehr ein rollendes Internet-Device, das den Transport und Verkehr sicherer, effizienter und nachhaltiger ermöglicht. Auch Audi erforscht den Verkehr und die Stadt der Zukunft, BMW hat die neue Marke BMWi gegründet, um zukunftskompatible Ideen auf die Straße zu bringen. Und gemeinsam arbeiten die Autobauer an der Vernetzung der Fahrzeuge untereinander, sie ist Voraussetzung für automatisches Kolonnenfahren auf der Autobahn: um schneller und effizienter ans Ziel zu kommen und unterwegs Wichtigeres tun zu können, als auf den Verkehr zu achten. Gleichzeitig werden neue Vertriebsmodelle wie Car-Sharing weltweit erprobt, denn auch Autovertrieb und -besitz werden sich in Zukunft wandeln. All das geht weit über die bevorstehende Elektromobilität hinaus.

Das 100-Prozent-Auto für die Stadt, den Urlaub und die Familie wird es in Zukunft schwer haben bei einer Jugend, die andere Statussymbole hat, vielleicht wird sich der Coolness-Faktor eines Autos an einem Smartphone orientieren. Doch reden wir hier über Zeiträume von Jahrzehnten, in denen sich unsere Gesellschaft darauf einstellen muss, dass der Umbau der wichtigsten Industrie im globalen Kontext stattfindet und die Konkurrenz aus China und Indien kommt.

Die Faszination des Autos wird jedoch nicht aussterben. Sie wird nur anders sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Eisenkopf, Felix Creutzig, Andreas Knie.

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