Ausgeträumt

Thomas Weber6.03.2014Politik, Wissenschaft

Mit Blick auf das internationale System ist es höchste Zeit, die richtigen Schlüsse aus dem Jahr 1914 zu ziehen. Ein Deutscher und sein polnischer Konterpart gehen bereits mit gutem Beispiel voran.

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„Kann man aus der Geschichte lernen?“ – Diese auf etwa 265.000 Websites und auch wieder rechtzeitig zum Jahrestag des Ersten Weltkriegs gestellte Frage ist in etwa so ergiebig wie die Frage, ob es sinnvoll ist, zu atmen. Da jedes menschliche Handeln notwendigerweise ausschließlich auf Erfahrungen der Vergangenheit beruhen kann, egal ob sie nun hundert Sekunden oder hundert Jahre alt sind, haben wir überhaupt keine andere Wahl – ob wir es wollen oder nicht –, als aus der Geschichte zu lernen.

Da daher die Frage, ob man aus der Geschichte lernen kann, sinnvollerweise nur bejaht werden kann, ist ein eifriger Wettbewerb darüber ausgebrochen, wer die meisten Parallelen zwischen 1914 und 2014 aufzählen kann. Momentan scheint jeder Kolumnist in seiner Lieblingskrise Strukturähnlichkeiten zur Julikrise 1914 zu entdecken, um dann in dramatischer Manier die Lösung eben dieser Krise anzumahnen. Schließlich wissen wir ja alle, was ansonsten passiert – siehe Juli 1914. Das Einzige, was hier jedoch oftmals wirklich gesagt wird, ist, dass Krisen eskalieren und außer Kontrolle geraten können. Dies ist genauso richtig wie es banal und irreführend ist. Irreführend, da beinahe alle der eskalierten Krisen der Vergangenheit eben nicht zu kataklystischen Zusammenbrüchen des internationalen Systems oder von Gemeinwesen geführt haben.

Den Blick nach Asien richten

Am ehesten einleuchtend ist noch der Vergleich des europäischen Staatensystems der Welt vor 1914 mit der heutigen Situation in Südostasien. Die Bedingungen, unter denen Deutschland anno dazumal emporkam und unter denen China heute aufsteigt, sind tatsächlich strukturähnlich. Wir wissen aber spätestens seit Paul Kennedys „The Rise and Fall of the Great Powers“, dass die Art, wie der Aufstieg von Großmächten gemanagt wird und wie konfliktreich er ist, von der Staatskunst der Handelnden abhängt.

Daher ist die These, dass „wir gerade im Ost- und Südchinesischen Meer“, “so ein „Spiegel Online“-Kolumnist()”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kolumne-augstein-ausblick-auf-2014-a-941212.html, „ein regelrechtes Reenactment der europäischen Welten-Krise erleben“, fragwürdig. „Im Pazifik“, so die Behauptung, „lässt sich China von derselben Verblendung leiten, die einst die Deutschen zugrunde richtete.“ Daher werde „die Geschichte […] in die eigene Wiederholung getrieben“. Diese Behauptung ist ziemlich hanebüchen, da die Staatskunst Chinas und der Weltkriegsakteure auf völlig unterschiedlichen strategischen Traditionen beruhen.

Während die 1914 in Europa vorherrschende Tradition an eine Lösung strategischer Probleme durch ein allentscheidendes, heroisches Kräftemessen in einem einzigen Zusammenprall glaubte, beruht chinesische Staatskunst auf indirekter, geduldiger, jahrelanger Raffinesse. Bei ihr geht es darum, den Gegner strategisch zu umzingeln und einzuschließen, um so allmählich relative Vorteile zu bekommen, ohne den Gegner völlig zu vernichten. Daher wird eben nicht die Geschichte in eine Wiederholung in den Meeren Chinas getrieben.

Natürlich kann es dort zu einer, auch militärischen, Eskalation kommen. Schließlich erinnert uns der Chinaexperte Iain Johnston daran, auch auf kriegerische Traditionen und nicht nur auf die Einflüsse von Konfuzius und Mengzi im strategischen Denken Chinas zu schauen. Die Form der Eskalation würde aber nicht von europäischen strategischen Traditionen des 19. Jahrhunderts getrieben und wohl kaum zu einem Kataklysmus führen.

Die neue Unübersichtlichkeit

Dennoch gibt es viele gute Gründe, von der „unheimlichen Aktualität des Ersten Weltkriegs“ („Spiegel“) zu sprechen, denn auch wenn eine neue Julikrise in der Form einer gesamtsystemgefährdenden Krise zwar möglich, aber äußerst unwahrscheinlich ist, ähnelt die Welt nach Ende des bipolaren Kalten Krieges immer mehr der multipolaren Welt von vor 1914.

Auch hat sich der Traum der 1990er-Jahre, dass nun ein Zeitalter eines funktionierenden institutionalisierten, auf allgemein anerkannten Normen und Werten basierenden internationalen Systems anbrechen würde, als Illusion erwiesen. Die Probleme des 21. Jahrhunderts erfordern daher viel mehr als erträumt realpolitische Antworten. Auch daher ist die realpolitische Welt des Vorabends des Ersten Weltkriegs aktueller denn je.

Sie hilft uns, die größte strategische Herausforderung unserer Tage zu meistern. Diese besteht darin, eine funktionierende Balance von Idealismus und Realismus, von einer auf Frieden durch Stabilität und einer auf Werten beruhenden internationalen Politik zu finden. Wie eine solche Balance aussehen könnte, wird im Moment allerorts diskutiert, sei es bei der „Zeit“ zwischen dem stabilitätsorientierten Herausgeber Helmut Schmidt und dem werteorientierten Außenpolitikchef Jörg Lau, oder sei es auf den Gängen der UN über die auf Michael Ignatieff zurückgehende „Responsibility to Protect“(R2P)-Doktrin.

So lebhaft auch diskutiert wird, die Amerikaner stehen heute ohne eine funktionierende _grand strategy_ dar, die Europäer haben nicht einmal eine. Auch mit der Ikone von _humanitarian interventionism_ Samantha Power als Obamas UN-Gesandte werden „rote Linien“ in Syrien und anderswo munter und ohne wirkliche Konsequenz überschritten.

Daher ist es höchste Zeit, die realpolitischen Lehren der Zeit vor 1914 ernst zu nehmen, ohne dadurch zu blinden Machtpolitikern zu werden.

Interessanterweise kam erst Bewegung in die Krise der Ukraine, als mit Radosław Sikorski und Frank-Walter Steinmeier die beiden Außenminister aktiv wurden, die weltweit wohl am besten verstehen, dass werteorientierte Außenpolitik nur möglich ist, wenn sie mit Realpolitik in Balance gehalten wird.

Es ist kein Zufall, dass erst seit der Rückkehr Steinmeiers ins Auswärtige Amt die Bundesregierung den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs ernst nimmt.

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