Der Amokläufer von Hanau

Thomas Schmid26.02.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Monströse Verbrechen machen fassungslos. Es gibt kein Maß, mit dem sie zu messen wären. Man kann sie nicht verstehen, kann sie auch nicht erklären. Die Ratio prallt an ihnen ab. Sie sind eine Provokation des gesunden Menschenverstands, die schwer erträglich ist. Deswegen ist das eilige Bemühen, Ursachen und Erklärungen zu finden, nur allzu verständlich.

Weil der Hanauer Attentäter wahllos ihm unbekannte Menschen nicht-deutscher Herkunft ermordete und weil er in einem irren Manifest die Vernichtung ganzer Ethnien und Völker forderte, schien eine schlüssige Erklärungsformel gefunden zu sein: Der Mörder war ein Rassist, er gehörte zu jener Zone am rechtesten Rand, die in den organisierten oder den Individualterrorismus ausfranst. Dieser Erklärungsversuch hat paradoxerweise einen beruhigenden Effekt. Denn er scheint das Geschehen „erklären“ und gesellschaftlich verorten zu können. Doch hilft dieses Bannen des Ereignisses wirklich weiter? War die Tat rassistisch oder Symptom einer paranoiden Psychose? Bei etlichen Amoktätern waren es psychische Erkrankungen.

Nach allem, was bisher bekannt wurde, war er nie politisch aktiv gewesen, gehörte keiner politischen Organisation an. Er war ein Einzelner. Seine Verschwörungstheorie hat er sich ganz allein konstruiert, er brauchte keine AfD-Anregung dazu. Doch er hat sich auch nicht in einem Niemandsland bewegt. Es gab einen Humus, auf dem sein Wahn wachsen konnte. Seit Jahren ist, nicht nur in Deutschland, eine Weltdeutung im Vormarsch, die für alle Probleme und Malaisen einen Schuldigen gefunden haben will. Die Stichworte: „Umvolkung“, „links-grün versiffte“ Volksverräter, „Fatima Merkel“, „Vogelschiss“. Dieses Vokabular und die dahinterstehende Denkweise haben sich Zugang zum öffentlichen Raum geschaffen. Der Hanauer Mörder hat sich dadurch vielleicht ermutigt gefühlt.

Wenn es blutig wird, will die AfD nie etwas damit zu tun gehabt haben. Das ist von kühl kalkulierter Scheinheiligkeit. Über Jahre hinweg hat die AfD alles getan, um die angebliche unkontrollierte Einwanderung als Deutschlands Hauptübel darzustellen. Wenn dann Migranten gehetzt und geschlagen werden, wenn in Hanau neun Menschen ermordet werden, nur weil sie nicht deutscher Herkunft sind – dann müsste es für die AfD ein Gebot minimalsten Anstandes sein, innezuhalten und sich zu fragen, ob sie geistig mitschuldig ist. Doch das kommt ihr, von einer Ausnahme abgesehen, nicht in den Sinn. Sie dreht sich feige aus dem Wind.

Dass der Täter von Hanau eine tickende Bombe war, ist bis zum Tag der Morde kaum jemandem aufgefallen. Das typische Bild: unauffällig, freundlich, unscheinbar. Dass er unerkannt blieb, dass er sich verpuppen konnte, hat sicher auch mit der Liberalisierung der Gesellschaft zu tun. Das Netz sozialer Kontrolle, das vor 60, 70 Jahren noch vergleichsweise straff war, ist viel weitmaschiger geworden. Die Pluralität der Lebensstile gilt als eine Errungenschaft, und sie ist auch eine. Es gehört sich nicht mehr, kontrollierende Blicke über Nachbars Zaun zu werfen. Die Kehrseite: In diesem Milieu der Freiheiten können auch giftige Pflanzen wachsen und gedeihen. Ein paranoider Brief an den Generalbundesanwalt wird als Kuriosität abgeheftet. Die Behörde sieht keinen Anlass, den Verfasser zu überprüfen. Es fehlen die Mikrophone, die das Ticken der Bombe in die Institutionen übertragen könnten.

Die Polizei soll häufiger vor Synagogen, Moscheen, multikulturellen Zentren stehen: Das ist alles richtig. Wie auch der Rechtstaat wehrhafter werden muss, als er es heute ist. Aber auch damit wird man eine Mordtat wie die von Hanau nicht verhindern können. Die meisten Amokläufer und Massenmörder bilden sich im Stillen heran. Sie sitzen in ihren Kammern, klauben sich die Versatzstücke ihrer Ideologie aus dem Netz zusammen, in dem das Kluge, das Wahre und das Böse, Wahnhafte wie gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Der Einsame, der Täter werden will, kann sich im Netz als Teil einer world wide community fühlen. Will man ihm rechtzeitig in den Arm fallen, braucht es mehr und Anderes als nur Polizei, Geheimdienste und Justiz.

Es muss für potenziell Kranke sogenannte niedrigschwellige Angebote geben: Sozialmedizinische Anlaufstellen, die ausdrücklich der Erkennung und Verhinderung von Wahntaten dienen. Und deren Mitarbeiter auf gefährdete Menschen zugehen. Es gibt diese Anlaufstellen nicht.

Mancher potenzielle Täter fällt durch seltsames Verhalten und verquaste Reden auf. Es ist nicht höflich, sondern fahrlässig, darüber hinwegzusehen. Der Mental-Trainer, dem der Täter von Hanau eine wirre E-Mail schickte, hätte gut daran getan, den Hilferuf darin zu erkennen. Die Gesellschaft muss aufmerksamer werden.

Wegzusehen, weil man Privatsphären nicht verletzen will, kann furchtbare Konsequenzen haben. Das gilt für den Generalbundesanwalt ebenso wie für den Nachbarn. Nicht wegsehen und tätig werden: Das ist eine schwierige Gratwanderung, bei der stets zwischen Privatsphäre und allgemeinem Sicherheitsinteresse abgewogen werden muss. Sicher ist aber: Der allzu lässige Umgang mit offensichtlich wirren Menschen und deren erklärten oder versteckten Hilferufen ist keine zivilgesellschaftliche Tugend.

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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