Unsere Debatten sind viel zu schlicht

Thomas Schmid20.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Die helle Aufregung, die soeben das Lied eines Jugendchores über die Oma als „Umweltsau“ auslöste, mag man mit dem ungestillten Erregungsbedarf erklären, der sich im Winterloch auftut. Also ungefähr in der Zeit zwischen dem 3. Advent und dem 2. Januar des neuen Jahres. Doch das kann nicht alles sein.

“Wenn ein derart kleines, für sich völlig unbedeutendes, ja lächerliches Ereignis derart heftige Emotionen verursachen kann, dann muss mehr im Spiel sein. In beträchtlicher Geschwindigkeit haben sich klare Fronten herausgebildet. Hier die grimmen Verteidiger des Weltkulturerbes „Deutsche Oma“, dort die erregten Klima- und Umweltaktivisten, die in dem Lied einen frischfrommfröhlichen Beitrag zu ihrer guten Sache sehen. Hier die verbitterten Kulturkonservativen, die jeder Gelegenheit entgegengieren, wieder einmal darüber zu klagen, dass die finsteren Kräfte des Fortschritts alles deutsche Erbe, alle Herkunft, alle Traditionen in den Schmutz ziehen. Und dort die spottende Klasse, für die sich – wie zu Dieter Hildebrandts besten Zeiten – Tradition noch immer auf Stumpfsinn, Familie, Faschismus reimt.

Sie alle sind schnell auf ihre Zinnen geklettert und haben verbal aufeinander eingeschlagen. Es gab und gibt nur Contra und Pro. Gewissheit hier, Gewissheit dort. Die Episode wird bald und zu Recht vergessen sein. Was bleibt, ist die Frage, warum solche Erregungsexplosionen möglich sind. Warum nichtigste Anlässe ausreichen, dass alle ideologischen Formationen pflichtgemäß aufmarschieren. Und ihr Programm ohne jede Neugier, ohne jede Rücksicht auf die Mehrheit der konsternierten wie gelangweilten Bürger oder gar auf die andere Seite abspulen.

Wer sich durch Petitessen wie das Kölner Lied auf Hochtouren bringen lässt, kann getrost dort schweigen, wo es um Größeres und Bedeutenderes geht. Das Lied lenkt ab. Über Putin, Assad, Erdogan, die südamerikanische Misere, das bewegungslose Elend in etlichen afrikanischen Staaten und Gesellschaften, ja selbst über Trump wird nie mit gleicher Leidenschaft gestritten wie über das Kölner Lied. Die Streithähne, die rechts und links, oben und unten sitzen, entlasten sich damit. Sie alle fliehen vor den wirklichen Problemen. So leidenschaftlich politisch sie sich geben – sie sind doch ganz unpolitisch. Sie flüchten vor der Politik, vor der Wirklichkeit. Ihr Erregungsgetue ist ein Kult der Innerlichkeit, des Rückzugs, der Einkapselung. Das betrifft die selbsternannte Antifa und ihre intellektuellen Vorredner ebenso wie „Identitäre“ und andere National-Nostalgiker, die ihr eingebildetes Weh pflegen. Es stimmt nicht, dass das Aufkommen der AfD als Herausforderung die Debatten neu beflügelt hätte. Sie hat vielmehr veröden und noch weiter versimpeln lassen. Die klippschulhafte Schlichtheit, mit der von beiden zumeist noch immer über Migration geredet wird, legt dafür ein beredtes Zeugnis ab.

Klimawandel, neue Formen der Mobilität, Alt versus Jung, die Renten, die europäische Einigung – es gibt viel, über das es lohnte, sich sachkundig und an Lösungen interessiert zu streiten. Es findet aber jenseits des Plakativen kaum statt. Die Diskutanten dringen kaum je in die Sphäre des Kleingedruckten vor. Das gilt auch für die politische Verfassung des Gemeinwesens, die Demokratie, den freiheitlichen Rechtsstaat. Die Veränderung der deutschen Parteienlandschaft, die sich noch zwei Jahrzehnte nach Gründung der Grünen in diesem Ausmaß noch niemand hätte vorstellen können, ist zweifellos ein Beweis dafür, dass die Parteiendemokratie lernfähig ist und eine neue Tektonik hervorbringen kann. Ebenso unzweifelhaft ist sie aber auch mehr als ein Indiz dafür, dass etwas nicht mehr stimmt im politischen Gefüge. Das Lehrbuch sagt: In der repräsentativen Demokratie regiert das Volk nicht direkt, sondern vermittelt – bleibt aber durch den millionenfachen Gang an die Wahlurnen der eigentliche, der entscheidende Souverän. Doch stimmt das wirklich noch? Kann eine Bürgerin zu Recht glauben, mit ihren Kreuzen mache sie Politik? Passen Souverän, Parlament, Parteien und Regierung noch gut zusammen?

Zweifel sind angebracht. Die liberale Orthodoxie, die heute gerne wie ein magisches Mantra beschworen wird, hilft da wenig. Interessanter wäre, eben diese Orthodoxie – also die alten Sozialkundebücher wie auch deren Quellgeister, die liberalen politischen Denker des 18., 19. Und 20. Jahrhunderts – einer Prüfung, einer neuerlichen Lektüre und Diskussion zu unterziehen. Das findet auch statt, aber nur in akademischen Publikationen oder so massenwirksamen Zeitschriften wie dem „Merkur“, dessen Begründer ihm im Jahre 1947 den schönen, heute leider irgendwie aus der Zeit gefallenen Untertitel „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ gaben. Fragen wie diese sind es, die über die Zukunft der deutschen Demokratie entscheiden.

Doch das Erregungspersonal, das immer in Kampf-, Angriffs- und Verteidigungsbereitschaft ist, macht einen großen Bogen um solche Themen. Denn diese kann man nicht in kleine polemische Münze wechseln, mit der man dagegen lustvoll um sich werfen kann, wenn man Politik, Behörden und sonstige Institutionen in Schweinchen-Schlau-Manier generell ein Unfähigkeits-Gen attestiert. Man kann, will man sich mit der schwierigen Verfassung unserer Demokratie auseinandersetzen, auch nicht leicht Recht haben. Man wird in Widersprüche verwickelt, muss sich auch mit sich selbst anlegen, kann allenfalls vorläufige Gewissheiten haben. Mit Pro und Contra ist hier so wenig zu gewinnen wie mit Lautstärke. Jürgen Habermas’ Idee von der Demokratie als einer kommunikativen Dauerveranstaltung ist sicher hypertroph und im schlechten Sinne idealistisch. Aber es stimmt doch auch, dass eine gute, produktive Öffentlichkeit nicht unwesentlich von den mittleren Tonlagen und den leiseren, aber eindringlichen Stimmen lebt.

Vor allem: Öffentlichkeit, die den emphatischen Namen aufklärerischen Ursprungs verdient, sollte viel ertragen können. Sie darf die Oma respektieren, aber auch attackieren. Sie darf Gendersternchen benutzen, sich aber auch über sie lustig machen. Sie darf Traditionen schätzen, verteidigen, angreifen und verspotten. Sie darf den halb gepflegten, halb aufgeplusterten parlamentarischen Rede-Ton goutieren, aber auch für schwer erträglich halten. Sie darf die Weltläufigkeit schätzen, kann aber nicht so tun, als gäbe es jenseits der Welt der tatsächlichen oder eingebildeten Kosmopoliten keine von Menschen bewohnbare Sphäre mehr. Sie darf die Welt der bayerischen Krimis im 3. Programm, in denen die Provinz noch immer nach Schweinestall riecht, nicht ganz für voll nehmen und doch goutieren, denn auch diese Filme erzählen Geschichten, die auf ihre Weise eine Wirklichkeit abbilden. Und vor allem sollte sie sich möglichst hüten, die Welt, ihre Bewohner, ihre Ereignisse in klare Fronten aufzuteilen. Dafür ist sie viel zu unübersichtlich. Kurz, ein Gutteil unserer gegenwärtigen Debatten- und Streit-Unkultur ist auf fast beschämende Weise unterkomplex.”

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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