Die wahre Crux der Thunberg-Festspiele

Thomas Schmid27.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Es spricht nicht für einige politische Größen der westlichen Welt, dass sie Greta Thunberg im zerknirschter Sündergeste die Aufwartung machen.

Die schwedische Schülerin hat wie im Alleingang Gewaltiges bewirkt. Die Bewegung, die sie mit ihrer Ein-Personen-Vorstellung ausgelöst hat, eroberte binnen Monaten die Öffentlichkeit, freilich nur in demokratischen Staaten. Ein unbedingter Wille treibt die 16-Jährige an, ihre Kompromisslosigkeit hat sie zur Ikone werden lassen. Ihr Ein-und-Alles-Thema ist ein sehr wichtiges, wenn auch nicht das einzige große Problem, vor dem die Welt steht. Bis zum Beweis des Gegenteils spricht alles dafür, dass sie es mit ihrem Anliegen sehr ernst meint. Es zeugt daher von Bosheit, sie als unreife Göre, als pathologische Fanatikerin abzutun.

Mit ihrer wütenden Tränenrede vor den Vereinten Nationen in New York hat Greta Thunberg aber eindeutiger als zuvor verdeutlicht, dass ihr rastloses Engagement mit Politik nichts zu tun hat. Demokratische Politik ist immer fehlbar, sie schreitet im Zick-zack-Gang, im Korrekturmodus voran. Dafür hat die Schwedin, die sich im Besitz der einzigen Wahrheit fühlt, keine Spur von Verständnis, auch kein Gespür. Wenn sie die Suche nach „irgendwelchen technischen Lösungen“ verächtlich macht, dann verwirft sie damit alle Möglichkeiten, die wir wirklich haben. Denn wie anders als mit technischen Lösungen, wie anders als mit Erfindergeist kann dem Klimawandel begegnet werden? Auch wenn die Sehnsucht nach Erlösung und nach Rückkehr zu einer ursprünglichen Harmonie zwischen Mensch und Natur, die es angeblich einmal gegeben hat, groß sein mögen: Die Wunden, die die industrielle Entwicklung geschlagen hat, können nicht mit dem Verzicht auf Technik, sondern nur mit mehr, mit besserer Technik geheilt werden. Es gibt keine Alternative zum Fortschritt. Und zu dem gehört auch das, was Greta Thunberg mit Verachtung das „Märchen vom ewigen wirtschaftlichen Wachstum“ nennt.

Im Grunde verwirft die schwedische Predigerin das gesamte Universum der westlichen Welt. Welche Torheit das ist, davon kann der Philosoph Karl Popper eine Ahnung vermitteln, der im Zweiten Weltkrieg erlebte, was es bedeutet, wenn eine Zivilisation in Trümmern liegt. Und der deswegen die ihm folgende Ordnung zu schätzen wusste. 1990 schrieb er gegen den auch damals schon gängigen Geist der Fortschrittsskepsis und Zukunftsangst: „Wir im Westen leben im Himmel, natürlich im ersten Himmel und noch nicht im siebten Himmel. Unser Himmel ist sehr verbesserungsfähig. Wir dürfen unsere Welt nicht länger beschimpfen und schlechtmachen. Sie ist bei weitem die beste, die es je auf Erden, und besonders in Europa, gegeben hat.“

Greta Thunberg ist nicht der Solitär, als der sie auftritt. Sie hat nicht ein fundamental neues Thema in die politische Arena gebracht. Sie ist Teil einer altbekannten Bewegung, die besonders im Innern der westlichen Wohlstandswelt mit ihrer wunderbaren, aber auch gefährlichen Bereitschaft, alles in Zweifel zu ziehen, erblühen konnte. Einer Bewegung, die genau das in toto auf die Anklagebank setzt, dem wir die enorme Verbesserung unserer wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen verdanken: Fortschritt, Technik, Marktwirtschaft, Gewaltenteilung, Fehlerfreundlichkeit, trial and error.

Dass darin die Stärke westlicher Demokratien liegt, davon haben die Staats- und Regierungschefs demokratischer Staaten mehr als eine vage Ahnung. Sie wissen, dass das ihre Geschäftsgrundlage ist. Und sie hätten allen Grund, sich besonders dann so offen wie möglich für die Gangart der westlichen offenen Gesellschaft stark zu machen, wenn ausgerechnet diese ungerechtfertigter Weise für die Übel der Welt verantwortlich gemacht wird. Sieht man von Donald Trump ab, der ja ein schlechter Advokat der offenen Gesellschaft ist, gibt es aber so gut wie keinen Politiker der westlichen Welt, der den Mut hätte, Greta Thunberg in die apokalyptische Parade zu fahren. Stattdessen machen ihr fast alle Komplimente. Man findet sie mutig, konsequent, hält sie für eine zukunftsweisende Lichtgestalt und wird nicht müde, in geheuchelter Demut zu verkünden, Greta Thuberg sei „extremely inspiring“.

Genau das ist sie nicht. Sie regt keine Gedankenflüge an, weckt nicht die Neugier und Lust auf neue Ufer. Sie führt sich als Zuchtmeisterin auf, verbittet sich Widerspruch und setzt erklärtermaßen auf das Anschwellen von Panik. Das hat mit Aufklärung, mit Ratio, auch mit Menschenfreundlichkeit wenig zu tun, so sehr sie sich auch auf die Wissenschaft beruft. Man mag das mit ihrer Jugend, ihrer Psyche, ihrem Umfeld und ihrem Jugendrecht auf Radikalität erklären und verstehen. Es gibt aber keinen Grund, dass erwachsene und über die Komplexität moderner Gesellschaft einigermaßen informierte Menschen vor Greta Thunberg in Ehrfurcht erstarren und zu ihrer Ikonisierung beitragen. Das kommt einer Kapitulation des kritischen Geistes ziemlich nahe.

Hier liegt die wahre Crux der Thunberg-Festspiele. Nicht die junge Schwedin ist das eigentliche Problem, ihre erwachsenen Fans sind es. Greta Thunberg ist mit ihrer Sturheit ins Innerste der demokratischen Öffentlichkeit vorgedrungen. Diese hat sich ihr widerstandslos, widerspruchslos geöffnet. Als gäbe es weder unterschiedliche Meinungen noch eine ausgefeilte politische Debatte über Umweltpolitik noch ein politisches System, das Fehler erkennen und klug korrigieren kann, präsentieren sich viele politische leader der westlichen Welt Greta Thunberg gegenüber, als hätten sie bis zu dem schwedischen Notruf unbehaust und ahnungslos in einem politischen Vakuum gelebt. Sie verteidigen weder sich noch ihre Zweifel noch ihre Gewissheit, dass in demokratischen Gesellschaften Hau-ruck-Reformen (wie etwa die „Energiewende“) gefährlich, eher schädlich, bestimmt aber in ihren Konsequenzen nicht absehbar sind. Sie führen sich wie politische ABC-Schützen auf.

Danach gehen sie gleich wieder zur Tagesordnung über. Sie nehmen damit weder Greta Thunberg noch sich selbst ernst. Fast niemand hat den Mut, der jungen Aktivistin und ihrer Gefolgschaft zu widersprechen. Und die unvollkommene Methode demokratischer Politik zu verteidigen – die beste Methode, die wir kennen. Wenn Politiker das nicht offensiv tun, muss man daran zweifeln, ob sie das Wesen der Demokratie und des Fortschritts verstanden haben.

Und wieder einmal lernt man die vielgescholtene Angela Merkel zu schätzen. Zwar lobte auch sie den schwedischen „Weckruf“. Sie warf Greta Thunberg aber zugleich in ihrer nüchternen Sprache vor, diese habe nicht ausreichend zur Sprache gebracht, „in welcher Weise Technologie und Innovation gerade im Energiebereich, aber auch im Energiesparbereich uns Möglichkeiten eröffnen, die Ziele zu erreichen. Solche Möglichkeiten wollen wir nutzen“. Das holpert zwar etwas und macht nicht unbedingt Lust auf Zukunft. Die Richtung stimmt aber. Immerhin.

Quelle: Thomas Schmid – die Texte

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