Donald Trump: Der gescheiterte Populist | The European

Sturm auf das Kapitol: Trump wollte einen Putsch

Thomas Schmid20.01.2021Medien, Politik

Die Washingtoner Ereignisse vom Dreikönigstag 2021 scheinen nur eine Deutung zuzulassen: Donald Trump rief seine Anhänger zum Sturm auf das Kapitol auf, sie sollten ihm seinen angeblichen Wahlsieg gewaltsam „zurückholen“. Er wollte einen Putsch, meint Thomas Schmid.

US-Präsident Donald J. Trump, Foto: imago images / MediaPunch

Und der Mob, dem es erstaunlich leicht gelang, ins Kapitol einzudringen, ließ drinnen keinen Zweifel daran aufkommen, dass er für das gewaltenteilige politische System der USA nur aggressive Verachtung übrighat. Die Aufforderungen zum Lynchmord ausgerechnet an Trumps Vizepräsident Mike Pence, die Rufe danach, die „Verräter einen nach dem anderen“ zur Rechenschaft zu ziehen und zum Tode zu verurteilen: Dies alles vermittelte den Eindruck, der Umsturz stehe kurz bevor.

Vielleicht war es so, vielleicht hat die kriminelle Energie Trumps und eines Teils seiner Anhänger tatsächlich die Schwelle zur Insurrektion überschritten. Nun aber, wo Trump vermutlich Geschichte wird, gewinnt eine andere Lesart der Ereignisse von Washington Plausibilität. Das lange Video, das der Reporter Luke Mogelson vom „New Yorker“ vor und im Kapitol aufgenommen hat, zeigt eine wüste Menge, fast ausschließlich Männer, die zu allem entschlossen zu sein scheinen, die eine rasende Schrumpfsprache sprechen, kaum ein Ausruf kommt ohne „fuckin’“ aus. Doch es ist zugleich nicht zu übersehen, dass die Mehrzahl der Eindringlinge in gewisser Weise ratlos war und blieb. Sie haben längst nicht so gewütet, wie sie es gekonnt hätten. Und das nicht aus Respekt vor dem Ort. Sie wussten vielmehr einfach nicht weiter. Sie hatten keinen Plan.

Das verbindet sie mit Donald Trump. Auch er hatte letztlich keinen Plan. Zwar hat er seine Präsidentschaft weidlich genutzt, um die demokratischen Institutionen zu beschädigen. Er hat aber seinen Aufenthalt im Weißen Haus nicht nutzen können, um einen wirklichen Umbau oder Rückbau der amerikanischen Demokratie einzuleiten. Er wird wenig Spuren hinterlassen.

In tausenden von Kommentaren ist Trump als Populist beschrieben worden. Das trifft insofern zu, als er wohl in die Kategorie der charismatischen Führer fällt und das „wahre Volk“ gegen die „falschen Eliten“ in Stellung brachte. Doch Trump war ein schlechter Populist. Er trat im Wahlkampf von 2016 als Fundamentaloppositioneller an – hat nach seinem Wahlsieg diese Rolle aber nie modifiziert, geschweige denn abgelegt. Welcher Fehler das war, wird deutlich, wenn man ihn mit einem anderen – und anders als Trump – erfolgreichen Populisten vergleicht, mit Recep Tayyip Erdoğan, dem Staatspräsidenten der Türkei.

Auch dieser ist ganz und gar ein Egopolitiker. Er sieht sich als jemand, der über allen und allem steht und der einen Staat will, der vollkommen auf ihn ausgerichtet ist. Auch er lebt zum Teil davon, dass er Feinde hat. Auch er hält Kritik an sich und seiner Politik für ein Sakrileg, das geahndet werden muss. Doch anders als Trump hat er einen Sinn für praktische Machtpolitik. Er wusste, dass er – einmal Staatspräsident geworden – nicht länger allein von der populistischen Phrase leben kann. Er wusste, dass er beides sein muss: Populist und Realpolitiker. So teilte er sich gewissermaßen in zwei Personen auf: in den Volkstribunen, der die Massen aufstachelt. Und in die des Machtarchitekten. Dieser baute, von der Öffentlichkeit weithin abgeschirmt, den Staatsapparat gezielt um. Er hat ein Werk geschaffen: Er hat die Türkei in eine gelenkte, plebiszitär abgesicherte Demokratie verwandelt. Und das konnte ihm nur gelingen, weil er offenbar mehr ist als nur ein Populist.

Donald Trump dagegen ist nur Populist. Und es geht ihm immer nur um sich selbst. So wurde er selbst als Präsident nicht zum Politiker. Es ist oft beschrieben worden, dass er regierte, als sei er ein Oppositioneller, dass er im Grunde immer nur Wahlkampf betrieb. Und dass er im Weißen Haus nie ankam. Sein schräg gelegter Kopf, seine Gebärdensprache, sein halbstarker Ton gelten als Ausdruck egomaner Aggressivität. Man kann das alles aber auch anders deuten. Denn tatsächlich hatten seine lautstarken Auftritte immer etwas Weinerliches, auch Weiches, Verschwommenes. Es kann sich aber einer nicht dauerhaft als verfolgte Unschuld geben, ohne irgendwann lächerlich zu werden. Fast sieht es so aus, als sei Trump seine Wahlniederlage vom vergangenen November gelegen kommen. Um unter Gepolter das ihm fremd gebliebene Weiße verlassen zu können. Und um sich als martyr in chief (Timothy Snyder), als oberster Märtyrer eines gegen ihn verschworenen Systems zu zelebrieren. Donald Trump hat es gottlob nicht verstanden, die Macht zu nutzen, die er in seinen Händen hielt.

Dass die Trumpisten das Kapitol nicht gänzlich verwüstet und in Brand gesetzt haben, mag auch damit zu tun haben. Wie Trump fühlten auch sie sich als Opfer einer Verschwörung, eines deep state. In Trump sahen sie einen, der ihnen ein starkes, weißes Amerika schenken und ihnen sagen würde, dass sie allein es sind und bleiben, die Amerikas Größe ausmachen. Im Kapitol angekommen merkten sie aber, dass ihnen ihr commander in chief keinen Plan, keine Idee mit auf den Weg gegeben hat. Trump, der für einen Teil der Amerikaner nun vielleicht zu einer mythischen Figur wird, hat seinen Anhängern nicht helfen können. In seiner egomanen Verfasstheit vielleicht auch gar nicht wollen. Er hat sie angestachelt, ließ sie dann aber allein zurück. Daher vielleicht die Ratlosigkeit der Kapitol-Besetzer (was nicht ausschließt, dass Einzelne den Tag von Joe Bidens Amtseinführung für gewaltsame Aktionen nutzen könnten).

Der 6. Januar, der Tag des Sturms aufs Kapitol, war auch ein Endpunkt. MAGA, make America great again: Nun war es mit Händen zu greifen, dass Trump, das ewige Opfer, das gar nicht bewerkstelligen konnte. Die Aggressivität der Besetzer hatte auch etwas Verzweifeltes. Sie erlebten den Moment, in dem ihr großes Idol seine Schwäche offenbarte. In der ihm eigenen Feigheit ließ er sie mit seinem halben Widerruf des Sturmbefehls fallen wie heiße Kartoffeln.

Vier Jahre Trump haben der Weltöffentlichkeit die Lektion erteilt, dass das Amerika der Gründungsväter nicht das ganze Amerika ist. Genauer: dass dem Amerika der Gründungsväter immer schon ein – lange übersehenes – rabiates Amerika innewohnte. Ein rabiater Geist lebt in allen modernen Gesellschaften. Man erfährt das bei jeder dritten Taxifahrt. Dieser grobe Geist hat, wenn es gut geht, bestimmte Orte, an denen er aufwallen darf. Im Bierzelt zum Beispiel oder am Stammtisch oder – schon problematischer – auf Twitter. Meist aber bleibt er eingehegt.

Trump ist etwas Außergewöhnliches gelungen. Er hat den Geist des radikalen Anti-Institutionalismus ins Zentrum der amerikanischen Macht getragen. Jeder kennt ein, zwei, drei Menschen, die mit allem über Kreuz sind. Die sich stets übervorteilt fühlen und überall Verschwörungen wittern. Die aggressiv grummelnd durch die Welt ziehen. In Gestalt von Donald Trump gelang es diesem Wüterich next door, Präsident der USA zu werden. Er hinterlässt eine zertrümmerte Republikanische Partei. Und eine Anhängerschar, die nun wieder allein ist. Sie wird weiter grollen, ein Teil wird sich womöglich noch weiter radikalisieren. Ihr Idol aber hat sie verloren.

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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