Deutschland braucht eine offene, nicht einheitsverschwurbelte Debatte

Thomas Schmid22.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Der Herbst 1989 war ein Herbst, so schön wie lange keiner mehr. Für Polen, Ungarn, Tschechen (die damals noch in einem Staat mit den Slowaken lebten), die Balten. Und für die Deutschen. Das totalitäre Eis, das eben noch ewige Kälte versprach, schmolz schnell dahin. Ein halber Kontinent holte sich die Freiheit und schüttelte den kommunistischen Großversuch ab.

Dreißig Jahre später haben die Bemühungen, sich dieser Erfahrung auf Podien und Volksfesten zu vergewissern, meist etwas Gequältes. Freude will nicht wirklich aufkommen. Es riecht immer nach erinnerungspolitischer Volkshochschule. Jeder spürt die Absicht, viele sind verstimmt. Den Feiern der wiedergewonnenen deutschen Einheit fehlt die Spontaneität, das Selbstverständliche. Es ergibt sich nichts. Anders als der 14. Juli der Franzosen ist der 3. Oktober nicht in die DNA der Deutschen eingeflossen. Er hat immer etwas von einem Appell, einer Aufforderung: Freut euch doch endlich eurer Einheit.

Einigkeit und Recht und Freiheit: Das war, ist und bleibt ein schöner Dreiklang. Nicht einmal die Nationalsozialisten haben ihn vernichten können. Der Dreiklang bleibt schön, weil er das Anliegen der nationalen Einheit an den freiheitlichen Rechtsstaat bindet. Damit sollte man es auch belassen. Aber man beließ es nicht dabei. Kaum war das vereinte Deutschland in einer Berliner Mitternachtsstunde aus der Taufe gehoben, erklang vielerorts der majestätisch-ungeduldige Ruf, nun habe aber der äußeren Einheit zügig die innere Einheit zu folgen. Seit dieser Ruf umging, ist es üblich geworden, den Hinweis auf die realen Unterschiede, die es zwischen D-Ost und D-West gab, gibt und weiterhin geben wird, als einheitsgefährdende Störmanöver von unsicheren, vaterlandsfeindlichen Kantonisten zu sehen. Wer ein Patriot sein will, muss so tun, als kenne er nur noch Deutsche.

Das ist offenkundig Unsinn. Vieles ist, besonders in den größeren Städten, gelungen. Mancherorts ist es so, als habe es die Teilung nie gegeben. Und wo der Eiserne Vorhang durch Deutschland lief, ist mit dem bloßen Auge meist nicht mehr zu erkennen. Und doch, die DDR ist keineswegs verflogen. Das flache Land ist nach wie vor von deren Tristesse geprägt. 30 Jahre haben mancherorts nicht genügt, eine neue Lebenslust aufkommen zu lassen. Gäbe es sie, dann wäre die durchschnittliche Gastronomie im deutschen Osten nicht so, wie sie überwiegend noch immer ist. Dann ähnelten die Dörfer zumindest in Ansätzen denen in Franken oder Hessen, denen man anmerkt, dass ihre Bewohner gerne darin leben. Nicht selten liegt über dem Osten Deutschlands eine Abneigung gegen den western way of life, sofern mit dieser Lebensart nicht nur die Güter gemeint sind.

Seit durch die außerordentlich guten Wahlergebnisse der AfD im Osten Deutschlands auch für den Letzten nicht mehr zu übersehen ist, dass Mauer und Eiserner Vorhang irgendwie doch noch stehen, wird über die Gründe dafür gerätselt. Ein Erklärungsmuster zieht sich durch die meisten Erklärungsversuche: Die Bürger der ehemaligen DDR seien Opfer. Opfer der SED, Opfer der Vereinigung, Opfer windiger Glücksritter aus dem Westen, Opfer einer Staatsüberstülpung. Ihre Lebensleistung und ihre Geschichte seien entwertet worden. Bürger zweiter Klasse. Objekte statt Subjekte.

Diese Erfahrungen gibt es. Sie macht aber nicht den Kern des Sonderbewusstseins aus, das im Osten Deutschlands weit verbreitet ist. Es geht um etwas Anderes. Nicht um ein Gefühl der Unterlegenheit, sondern der Überlegenheit. Nicht um Verzweiflung, sondern um Überheblichkeit, ja Hoffart. Die DDR war zwar von Beginn an ein windschiefer, zum selbstständigen Überleben unfähiger Staat. Aber er war ein besonderer Staat, eine kühne Konstruktion. Das teilte er mit allen anderen Staaten des Warschauer Pakts. Wie in diesen Staaten fand auch in der DDR eine Revolution von oben statt. Diese hatte Verlierer und Gewinner. Zu den Verlierern gehörten Unternehmer, selbstständige Bauern, Gutsbesitzer, Gewerbetreibende, Rechtsanwälte, Ärzte, Wissenschaftler etc. Zu den Gewinnern gehörten die, die nun die „VolkseigenenBetrieb“ (VEB), die Kombinate, die „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ (LPG) leiteten, in den alten Gutshöfen wohnten oder für sie selbst ganz unerwartet an die Stelle vertriebener, verhafteter oder ausgewanderter Amts- und Stelleninhaber in Behörden, Universitäten und Krankenhäusern traten. Die Verlierer gingen. Wer blieb, hatte gute Chancen, zu den Gewinnern zu gehören. Er hatte diesem Staat etwas zu verdanken, und er dankte es ihm oft: mit Loyalität, mit Stolz und manchmal auch mit Spitzeldiensten.

Das schweißte zusammen. Und es schuf ein DDR-spezifisches Sonderbewusstsein der neuen Aufsteiger, die wohl spürten, dass sie allein diesem Staat den Aufstieg verdankten. Und die wussten, oft aber verdrängten, dass ihr Glück auf dem Unglück der Verstoßenen fußte. Und die ebenso wussten, dass der staatsoffizielle Antifaschismus der DDR eine dreiste Lüge war. Es gab einen geheimen Pakt zwischen der Partei und einer sehr großen Zahl von Bürgern: Diese profitierten vom revolutionären Sturz der alten Hierarchie. Und die derart promovierten Bürger dankten es mit Gefügigkeit. Sie waren nicht Opfer, sondern Nutznießer. In Opfer verwandelten sie sich erst, als der Staat, der ihnen ihr Selbstbewusstsein gab, zusammenbrach. Doch ihren alten – man möchte sagen: Klassen- – Stolz haben sie nicht aufgegeben, sind zugleich verbittert. Und halten den Westen für schwach, für weich, für degeneriert. Viele von ihnen wählen im Grunde die ordnungsbewusste und unnachsichtige SED, wenn sie bei der AfD ihr Kreuz machen. Man darf ihre Hartleibigkeit nicht unterschätzen – egal ob sie formelle oder informelle Nutznießer der eisernen SED-Ordnung waren. Daraus folgte vielerorts ein neues ostdeutsches Selbstbewusstsein. Man sonnte sich im Licht der DDR-Leistungen in Sport oder Raumfahrt und hielt diese Gesellschaft, die den Einzelnen schon in der Versorgung große Verrenkungen abverlangte, in ihrer Distanzlosigkeit wirklich für solidarisch. Man tat, wie der Schriftsteller Wolfgang Hegewald gerade in der FAZ (28. September) schrieb, viel um „sich mit den Wonnen der Gewöhnlichkeit und der fürsorglichen Verwahrung in der Diktatur zu arrangieren und daraus einen Imperativ abzuleiten“. Schon damals blickten viele verächtlich auf die Westdeutschen herab, die sich in ihren Augen von den Amerikanern hatten kaufen lassen. Auch die Ostdeutschen spalten. Noch einmal Wolfgang Hegewald: „Meine Vermutung, was das Schlimmste an der DDR gewesen sei, auch im Vergleich zur Nazidiktatur: die schiere Dauer. Von 1933 bis 1989 waren alle Vorstellungen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Zivilgesellschaft im Bewusstsein der Bevölkerung verblasst und ausgelöscht worden; das galt zumindest für das Gros. “ Dieses halbe Jahrhundert wird wohl nicht so schnell vergehen.

Deutschland braucht eine offene, nicht einheitsverschwurbelte Debatte darüber. Wir gehören zusammen. Passen aber nicht zusammen. Wenn das nicht mehr als unpatriotische Provokation gilt, sondern als selbstverständliche Geschäftsgrundlage, dann könnte der alte Dreiklang von Einigkeit und Recht und Freiheit doch noch irgendwann seine Chance bekommen.

Quelle: Thomas Schmid – die Texte

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