Karl Poppers Plädoyer für die offene Gesellschaft

Thomas Schmid11.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Karl Popper war einer der genialsten Denker des 20. Jahrhunderts. In seiner Welt-Kolumne analysiert Thomas Schmid den Meisterdenker.

Er war keine 19 Jahre alt, als er einen moralischen Schock erlitt, der ihn vollständig aus der Fassung brachte. „Während einer Demonstration machten junge, unbewaffnete Sozialisten, angespornt von den Kommunisten, den Versuch, einige Kommunisten zu befreien, die in der Wiener Polizeidirektion unter Arrest waren.“ So erinnert sich Karl Popper später, und er fährt fort: „Mehrere junge sozialistische und kommunistische Arbeiter wurden erschossen. Ich war erschüttert: entsetzt über das Vorgehen der Polizei, aber auch empört über mich selbst. Denn es wurde mir klar, dass ich als Marxist einen Teil der Verantwortung für die Tragödie trug – wenigstens im Prinzip.“ Popper stieß spät zu der Demonstration, und er blieb Zuschauer. Welche Verantwortung trägt er dann?

Die Verantwortung der unkritischen Bequemlichkeit. Popper ist von der marxistischen Theorie fasziniert, die die dauernde Verschärfung des Klassenkampfes propagiert und dafür Menschenopfer in Kauf nimmt, ja provoziert. Popper fragt sich: Kann eine solche Theorie zur Verbesserung der Welt beitragen? Und er fragt weiter: Warum konnte ich mich dieser Theorie blind anvertrauen statt sie genau zu prüfen? An diesem Tag, dem 15. Juni 1919, wendet sich der junge Karl Popper für immer vom Marxismus ab. Mit einer Akzentuierung, die er fortan nie mehr aufgibt: Jeder Mensch ist urteilsfähig, also für sein Tun und Denken verantwortlich. Er hat die Begabung zur Freiheit. Nur, wenn er diese nutzt, kann er helfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Poppers wichtigstes, zumindest erfolgreichstes Werk ist die zweibändige Untersuchung „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Es stellt die vielleicht gründlichste Auseinandersetzung mit den geistigen Wurzeln des Totalitarismus dar. Es hat lange gedauert, bis das 1945 erstmals erschienene Werk die verdiente Anerkennung halbwegs erhalten hat. Eine ganze Weile lang galt es als eine ungehörige Provokation, dass Popper hier mit dem Kommunismus und seinen geistigen Wegbereitern genauso scharf ins Gericht geht wie mit Faschismus und Nationalsozialismus. Popper galt deswegen als Reaktionär – eine bösartige, durch nichts begründete Unterstellung.

Karl Raimund Popper wird 1902 in Wien geboren, 13. Bezirk, Am Himmelhof – was den Agnostiker später zu der Parodie veranlasste: „Vom Himmelhof, da komm ich her.“ Weil sie es für geboten halten, sind die jüdischen Eltern vor der Geburt ihrer drei Kinder zum protestantischen Glauben konvertiert. Der Vater ist ein liberaler Rechtsanwalt, der früh mit seinem Sohn politische und philosophische Fragen diskutiert. Das Elternhaus ist, wie Popper später dankbar anmerkt, ein Bücherhaus. Die Mutter gibt dem Jungen die lebenslange Liebe zur Musik mit. In den Wirren nach dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie verarmt die Familie.

Karl Popper, der gelangweilt die Schule verlässt, wird Hilfsarbeiter. Später absolviert er eine Tischlerausbildung, die er 1924 mit der Gesellenprüfung abschließt. Es ist nicht nur die Not, die den Erkenntnishungrigen dazu bringt, den Lebensunterhalt mit seiner Hände Arbeit zu bestreiten. Als Sozialist, der er immer noch ist, hat er wenig Achtung vor jenen Bürgersöhnen, die aus sicherem Hort radikale Reden schwingen und die Arbeiter zur Revolution aufrufen. Er will wissen, wie es ist, Arbeiter zu sein. Und er will – eine Haltung, die sich durch sein ganzes Leben zieht – helfen. Popper engagiert sich in der Arbeiterbildung, wird Lehrer, arbeitet mit randständigen Jugendlichen: nicht Dienst am Proletariat, sondern praktische Hilfestellung.

Dann holt er die Matura nach und studiert, so breit wie irgend möglich: Mathematik, Geschichte, Psychologie, theoretische Physik, Philosophie. In mehreren dieser Disziplinen publiziert er später, der junge Mann tauscht sich mit großen Koryphäen wie Albert Einstein oder dem Physiker Erwin Schrödinger aus, zu denen er offenbar mühelos Zugang findet. Auch weicht er, wenn es ihm nötig scheint, keinem Konflikt aus – zum Beispiel mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, den er, wie später auch manche Denker der Kritischen Theorie, für einen Scharlatan hält, der Gedankentiefe nur vortäuscht.

Politisch ist Karl Popper in den 20-er Jahren ein Suchender. Der Bürgersohn hat die Augen vor dem Arbeiterelend im Wien der Vorkriegszeit nicht verschlossen. Lange nach seinem Bruch mit dem Sozialismus schreibt er 1974 in seiner Autobiografie, „wenn es so etwas gäbe wie einen Sozialismus verbunden mit persönlicher Freiheit, dann wäre ich auch heute noch Sozialist“. Er wird ein Liberaler und ein Feind des sozialistisch motivierten Totalitarismus, aber kein Feind des sozialistischen Motivs.

Und er hatte – auch seiner jüdischen Herkunft wegen – ein überwaches Gespür für die gefährlichen politischen Tendenzen der Zeit. Schon 1927, sechs Jahre vor Hitlers erfolgreichem Griff nach der Macht, ist er überzeugt, „dass die demokratischen Bastionen in Mitteleuropa fallen werden und dass ein totalitäres Deutschland einen neuen Weltkrieg beginnen wird“. Eine glasklare Einsicht. Auch weil er die Schwäche des österreichischen Staates und die Attraktivität der nationalsozialistischen Gewaltpropaganda genau erkennt, ist er lange vor 1938 überzeugt, dass es zum „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland kommen würde.

Er sucht einen persönlichen Ausweg. Er will in das bewunderte England. Doch dazu kommt es nicht. Stattdessen erhält er Ende 1936 ein Angebot, am anderen Ende der Welt, am Canterbury University College im neuseeländischen Christchurch, eine Dozentur für Philosophie zu übernehmen. Er akzeptiert, bis 1945 lebt er unter den freundlichen, aber politisch meist ahnungslosen Neuseeländern. Ein Brief aus Europa braucht drei Wochen. Die Arbeit ist schlecht dotiert, die Universitätsleitung rät dem dahergelaufenen Europäer dringend, nichts zu publizieren: Das sei Diebstahl an seiner Arbeitszeit.

Karl Popper, der inzwischen schon einige philosophische Bücher veröffentlicht hat, hält sich nicht daran. Er will und er kann es nicht. Denn als sich NS-Deutschland 1938 Österreich tatsächlich einverleibt, entschließt er sich augenblicklich, seine Studien „Das Elend des Historizismus“ und „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ zu schreiben. Gegen den faschistischen Nationalismus – und den damals noch recht gut beleumundeten Kommunismus. So greift er – 1938 – weit über den Kampf gegen das NS-Regime hinaus, in die Nachkriegszeit: „Ich dachte, dass das Problem der Freiheit vielleicht wieder zu einem zentralen Problem würde, besonders unter dem erneuten Einfluss des Marxismus“. Ein armer Philosophiedozent sitzt fernab des Weltgeschehens und fordert seine Zeit heraus. Die Arbeit, sagt er, „explodierte, ohne jeden Plan und gegen alle Pläne“.

„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ wird ein gründlich argumentierendes Manifest für die Möglichkeit der Freiheit. Gegen die düstere Lehre des Nationalsozialismus, aber ebenso gegen die scheinbar helle Befreiungslehre des Kommunismus. Die Persönlichkeiten, die im Fokus seiner Kritik stehen, sind aber keineswegs die Diktatoren und Massenmörder Hitler und Stalin, sie werden in dem ganzen Werk kein einziges Mal erwähnt. Sondern die Philosophen und Gesellschaftsdenker Platon, Hegel und Marx. Die große Stärke von Poppers Argumentation besteht darin, dass er – von dem zutiefst verachteten Hegel abgesehen – diese Denker nicht verurteilt, sondern ihre Motive versteht. Hinter Platons Plädoyer für den autoritären Staat, in dem ein Philosophenführer Ordnung schafft und eine angebliche Urordnung wiederherstellt, spürt er Platons Beunruhigung durch die stürmische Zeit der Herausforderungen, die das athenische Gemeinwesen damals erlebte.

Noch größere distanzierte Sympathie empfindet Popper für Karl Marx. Er bewundert die Hartnäckigkeit, mit der dieser auf den Skandal der Arbeiterausbeutung verwies. Er würdigt seine Aufrichtigkeit, seinen Wirklichkeitssinn. Er versteht, dass Marx angesichts eines brutalen Frühkapitalismus die liberale Idee von Wettbewerb und Chancengleichheit verwarf. Doch er hält ihm vor, falsche Schlüsse daraus gezogen zu haben. Die Geschichte, sagt er, ist auch, aber nicht nur eine Geschichte von Klassenkämpfen. Und vor allem: Die Geschichte hat kein Ziel. Auch in Zukunft wird es keinen glücklichen Urzustand geben. Popper schreibt: „Von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste.“ Wir müssen das Unvollkommene akzeptieren. Obwohl, aber auch weil es unvollkommen ist.

Was Marx kategorisch bestreitet, verteidigt Popper mit Leidenschaft: Politik ist möglich. Das Verfahren kann nur die endlose Kette von trial and error, von Versuch und Fehler und erneutem Versuch sein. Die moderne Gesellschaft ist eine abstrakte Gesellschaft, „die dauernd von uns verlangt, vernünftig zu handeln“. Das geht auf Kosten emotionaler Urbedürfnisse. Doch das „ist der Preis für die Humanität.“ Karl Poppers Grunderfahrung: Die Barbarei immer droht, dass man stets mit dem Schlimmsten rechnen muss. Dagegen gibt es nur ein Mittel, das so wirksam wie unvollkommen ist: „In einer Demokratie besitzen wir die Schlüssel zur Kontrolle der Dämonen.“ Es gilt, den Schwachen zu helfen. Wir brauchen Versicherungen, Arbeitszeitregeln, einen politischen Moralkodex und vieles mehr. Wir brauchen einen entschieden tätigen Staat, den die Menschen zugleich aber am Interventionismus hindern müssen. Popper zwingt sich hier zur Nüchternheit und nennt das, was modernen Gesellschaften politisch weiterhilft, Sozialtechnik. Vielleicht ein unglücklicher Begriff. Seinen Gegnern hat es Popper damit gewiss leichtgemacht, ihn als herzlosen Gesellschaftsklempner zu diffamieren. Doch das war der Agnostiker, der hohe Stücke auf das christliche Ideal der Brüderlichkeit hielt und den arroganten Atheismus verachtete, ganz und gar nicht. Er konnte schneidend werden, wenn er auf Intellektuelle traf, die – wie etwa der Sozialist Ernst Bloch – dunkel raunend daherredeten. Aber er war nicht hoffärtig. Sein Erlebnis von 1919 stets im Sinn, bleibt er ein bescheidener Mensch. Die Fehlbarkeit war seine Grunderfahrung.

Karl Popper beendete „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ im Februar 1943 – genau in dem Monat, in dem mit der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad Hitlers Ende eingeleitet wurde. Lange fand Popper keinen Verleger, man sagte ihm, sein Umgang mit den Geistesgrößen der Vergangenheit sei frech und respektlos. 1945 geht Popper dann doch nach England, das Buch erscheint im gleichen Jahr, Schritt für Schritt wird Popper eine weithin anerkannte intellektuelle Autorität. Man beruft ihn an die London School of Economics, bis ins hohe Alter hinein publiziert er beständig. 1965 erhebt ihn die Queen in den Adelsstand.

Sir Karl Popper starb am 17. September 1994 in London. Seine Urne wurde auf dem Lainzer Friedhof beigesetzt, im 13. Wiener Bezirk. Drei Jahre vor seinem Tod beendete Popper einen Vortrag über „Freiheit und intellektuelle Verantwortung“ mit diesen Worten: „Wir müssen kritisch tastend, ähnlich wie es Käfer tun, in aller Bescheidenheit die objektive Wahrheit suchen. Wir dürfen nicht länger die allwissenden Propheten zu spielen versuchen. Aber das heißt: Wir müssen uns ändern.“

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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