China widerstehen

Thomas Schmid6.02.2020

Aus dem Rendezvous von Siemens mit der Friday-for-Future-Bewegung ist nun nichts geworden. Es war zu plump angelegt, zu durchsichtig und von dummer Schein-Schläue. Seitdem will der Spott über Joe Kaeser, den Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG, deshalb nicht abreißen.

Die einen werfen ihm vor, er wolle damit nur verdecken, dass man bei Siemens gar nicht daran denkt, zu einer Klimawende beizutragen. Andere sehen in Kaesers Angebot an Luisa Neubauer einen billigen PR-Gag, mit dem er seinem Unternehmen Anerkennungsaktien bei den Jugendlichen verschaffen wollte, die sich für die Rettung des Klimas engagieren. Siemens kapituliere vor dem Zeitgeist. An beidem ist etwas dran. Doch es geht um weit mehr.

Die Kapriolen des Siemens-Chefs stehen beispielhaft für eine innere Krise der deutschen Wirtschaftseliten. Viele der wichtigsten Manager sind nicht auf der Höhe jener Philosophie der Markwirtschaft, die zu preisen sie in ihren Reden nicht müde werden. Sie versagen gesellschaftlich. Ihnen fehlt der liberale Kompass.

Dieses Versagen hat eine Vorgeschichte. 1917 startete in Russland der Großversuch, die Wirtschaft strikt der Staatspolitik unterzuordnen, sie zum ausführenden Organ der kommunistischen Partei zu machen. Früh war zu erkennen, dass dieser Versuch unausweichlich in die Elendswirtschaft führen würde. Daraus schlossen in den westlichen Industriegesellschaften Viele, am besten sei es, die Wirtschaft sich selbst zu überlassen. Und den Einfluss der Politik auf ein Minimum zu beschränken. Eine gute Wirtschaft, glaubte man, ist eine unpolitische Wirtschaft. Zum Wohl des Gemeinwesens könne sie nur durch ihr Florieren und durch Gewinnerzielen beitragen. Als guter Boss galt daher der Manager, der sich im öffentlichen Raum diskret zurückhält und der – wie das Kapital auch – ein scheues Reh ist.

Doch so scheu ist er gar nicht. Noch immer hängen deutsche Unternehmer und Manager gerne an den Rockschößen der Politik. Sie mögen eine Politik, die ihnen Hindernisse aus dem Weg räumt. Sie mögen den kurzen Draht zur Macht. Und mancher träumt von einer Politik, die sie der Kompliziertheit demokratischer Verfahren enthebt. Wer einmal die Gelegenheit hatte, im Tross der Bundeskanzlerin nach China zu reisen, bekam dafür guten Anschauungsunterricht. Die meisten der anwesenden deutschen Unternehmer, CEOs und Manager hingen begeistert an den Lippen des chinesischen Staatspräsidenten und stellten ausnahmslos sehr freundlich, sehr brav und mitunter auch fast unterwürfig Fragen. Erkundigte man sich später nach dem Grund dieses ungewöhnlichen Verhaltens gegenüber dem Staatschef einer Diktatur, bekam man freimütig Auskunft. Die Herren waren von der Machtfülle des Präsidenten fasziniert. Und es gefiel ihnen ausnehmend, dass in China groß geplant und schnell gehandelt wird, dass Flughäfen und Industrieanlagen in Windeseile fertiggestellt werden können. Keine zeitraubenden Aushandlungsprozesse, keine Zivilgesellschaft, die sich einmischt. Eine Wirtschaft im Schutz des Staates, eine Wirtschaft mit staatlicher Garantie.

China ist heute auf dem Weg in einen monströsen Überwachungsstaat, in dem jeder, der abweicht, auf elektronischen Schandpfählen der Öffentlichkeit zur Abschreckung gezeigt werden soll. Alles spricht zudem dafür, dass sich das machtbewusste und aggressive China unter Xi Jinping im Umgang mit ausländischen Unternehmen nicht dem Prinzip der Fairness verpflichtet. Viele deutsche Manager scheint das wenig zu stören. Joe Kaeser hat im September vergangenen Jahres vor zu harter Kritik an China gewarnt – schließlich hingen Arbeitsplätze in Deutschland davon ab. Er plädierte dafür, unterschiedliche Positionen „überlegt und respektvoll“ vorzutragen und dabei „die kulturellen Besonderheiten im Umgang miteinander zu respektieren“. Da spricht der Siemenschef genau die verlogene Sprache der Verschleierung, in der die chinesische Propaganda daherkommt. Da gelten dann eine undemokratische Politik und unlautere Wirtschaftspraktiken als „kulturelle Besonderheiten“, die man „respektvoll“ hinzunehmen oder zu übersehen habe. Im Fernsehen sprach ein deutscher Unternehmer kürzlich in dankenswerter Offenheit aus, wie er sich im Geschäft mit chinesischen Unternehmen verhalte, die an der Entwicklung und dem Export neuer Überwachungstechnologien arbeiten. Er denke gar nicht daran, sagte er, auf diese gewinnträchtigen Geschäfte zu verzichten, nur weil der politische Hintergrund verdächtig, gefährlich und unsauber ist. Unternehmer, die so denken, verraten das Prinzip der freien, aber nicht bindungslosen Marktwirtschaft. Und die liberale Demokratie.

Dieser dient man auch nicht, indem man dem ökologischen Zeitgeist hinterherläuft. Dass Jugendliche Alarm schlagen, mit dem Kompromiss auf Kriegsfuß stehen und vor dem schwierigen Weg des Pragmatismus zurückschrecken, ist ihr gutes Recht. Es ist aber nicht das gute Recht von Unternehmern und Managern, dazu nur ein betroffenes Gesicht aufzusetzen und den ridays-forFuture-Ikonen ihre Aufwartung zu machen. Sie haben Macht, und sie sollten Erfahrung und Expertise haben. Wenn sie etwas gegen den Klimawandel tun wollen, dann müssen sie Lösungen suchen sowie die dafür nötige Zeit plausibel erklären. Und überhaupt: Sie müssen für Konzepte und Ideen kämpfen, öffentlich.

Dass das, vorsichtig ausgedrückt, nicht ihre Stärke ist, haben sie schon vor Jahrzehnten bewiesen. Damals wurde aus einer anfangs winzigen, fast subkulturellen Initiative, der Anti-Atomkraft-Bewegung, binnen weniger Jahre ein mächtiger Strom. Die Bewegung hatte gute Argumente. Sie betrieb aber auch eine Politik des Angstschürens, arbeitete mit apokalyptischen Bedrohungsszenarien, ging also auch irrational vor. Die deutsche Atomindustrie hat angesichts dieser Herausforderung vollkommen versagt. Sie hat die Öffentlichkeit weitgehend gemieden, ist nicht in die Arena gestiegen. Sie hat ihre Sache plump und polemisch verteidigt. Und am Ende hat sie dem Zeitgeist nachgegeben. Sie hat die Rationalität und die Zukunftshoffnung, die die Atomindustrie einmal verkörperte, erst nicht erstrahlen lassen und dann kalt verraten.

Spätestens seitdem der Klimawandel die oberen Ränge der politischen Agenda erreicht hat, müsste die Atomkraft wieder ein großes Thema werden. Ist sie vielleicht doch nicht des Teufels? Könnte sie nicht einiges zur Verlangsamung der Erderwärmung beitragen? Eine große öffentliche Debatte darüber steht an. Doch nur vereinzelte Stimmen, man möchte sagen: Stimmchen erheben sich, um der Kernkraft das Wort zu reden. Soeben etwa Jürgen Hambrecht, Aufsichtsratsvorsitzender der BASF. Zusammen mit zwei anderen Autoren fordert er im „Handelsblatt“ (20.1.), man müsse „Schluss machen mit Denkverboten und ohne ideologische Scheuklappen über die Nutzung von Kernkraft diskutieren“. Doch das Argument kommt verzagt daher, irgendwo versteckt in einem sturznüchternen Artikel. Kein Schwung, keine Angriffslust, kein fröhlicher Anstiftungsgeist. Sondern eine fast altväterlich anmutende Mahnung. Wenn das das Äußerste ist, was unsere Manager zum Thema zu bieten haben, dann sieht es düster aus.

Wie es enden kann, wenn sich Unternehmer mit Diktatoren einlassen, wissen wir aus dem Nationalsozialismus. Jetzt macht sich eine andere Diktatur, die Chinas, daran, sich andere Wirtschaften zu unterwerfen. Dagegen sind Mut und Intelligenz gefragt.

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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