Faszinierendes Europa

Thomas Schmid22.11.2019Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Kürzlich hielt Ursula von der Leyen, wenige Wochen vor dem offiziellen Beginn ihrer Tätigkeit als Präsidentin der EU-Kommission, am Pariser Platz in Berlin eine programmatisch gedachte Europa-Rede. Es wurde eine Enttäuschung.

“Die Rede war intellektuell anspruchslos, umschiffte fast alle der nicht wenigen Konfliktfelder der EU und schlug nicht den krisenbewussten und krisenfesten Ton an, der heute geboten wäre. Überdies war die Rede – es sprach ja die künftige Frau Europa – in ihrem durchgängigen Lob auf die EU im Grunde ein großes, peinliches Selbstlob.

Genau eine Woche später, am 15. November, sprach der irische Schriftsteller Colm Toibín im Pierre Boulez Saal der Barenboim-Said Akademie, nur einen guten Kilometer Luftlinie vom Pariser Platz entfernt, ebenfalls programmatisch über Europa und die Europäische Union. Toibín enthielt sich fast ganz der unter Intellektuellen beliebten Kritik an der halbherzigen Politik der EU-Institutionen. Er tat keinen Moment so, als besäße ein Schriftsteller einen privilegierten, geradezu intimen Zugang zur Essenz Europas, als sei er der Politik qua intellektueller Existenz überlegen. Toibín hielt einen Vortrag in Geschichten. Sie handelten von einem Ehepaar in Tallinn, das ihm vor Jahrzehnten im Gespräch seine ganze leidenschaftliche Zukunftssehnsucht nach dem Ende des Ostblocks offenbarte – ihn aber irritierte, als es den in Estland lebenden Russen Estnisch als die Sprache diktieren wollte, die sie fortan zu sprechen hätten. Oder sie handelten von einem hochintelligenten, vielsprachigen Rumänen, den er als Obdachlosen in Budapest traf und dem er ein Visum für Großbritannien verschafft. Jahre später begegnet er dem Rumänen wieder, ihm sind immer wieder Geld und Pass gestohlen worden, er hat überall in Europa in Pensionen und öffentlichen Unterkünften gelebt, überqualifiziert in vielen elenden Jobs gearbeitet. Wohlhabend ist er nicht geworden, im Gegenteil. Und doch: Er hadert nicht mit seinem europäischen Nomadenleben. Er will, trotz aller Erfahrungen des Scheiterns, Bürger Europas sein.

Oder da ist – im Europa der wieder oder neu erwachenden Mininationalismen – das Ehepaar aus Madrid, dem Toibín vor Jahren in dem Kloster Santa Maria de Montserrat begegnete, zu dem viele Spanier wallfahren, um die Schwarze Madonna Unserer lieben Frau von Montserrat zu verehren, die Schutzheilige Kataloniens. Das Ehepaar ist halb verwundert, halb verärgert, dass die Messe in Katalanisch gehalten wird und selbst die Bildkarten mit der Madonna, die zum Verkauf angeboten werden, nur katalanisch beschriftet sind. Die beiden verstehen nichts. Und fragen sie: Wie kann das sein, dass sie als Spanier in Spanien mit der spanischen Sprache nicht weiterkommen.

Toibín erzählte Geschichten aus einem irritierten, zerfransten, seiner selbst nicht gewissen Europa, aus einem Europa von „imaginärer Hilflosigkeit“, das mit Phantomen ringt, die ganz flüchtig, aber doch sehr real sind. „Verwirrtheit“, sagte er, „ist keine Schande.“ Er spürte den autonomistischen Nationalismen seiner Iren, ebenso wie denen der Schotten, Esten, Katalanen, Basken nach. Dass diese quer liegen zum post- oder wenigstens nicht-nationalistischen Europa der EU disqualifiziert sie für ihn nicht, so schmerzhaft sie für ihn auch sind. Irgendetwas muss in ihnen am Werk und auf der Suche sein, eine Kraft, ein Begehren, das sein Ziel nicht findet. Wenn die EU darauf nicht anders reagiert, als mit Kritik und Verachtung, wird es nicht besser werden. Der Ire Toibín ist mit seinem großen Gespür für die Vielfalt und vor allem die gegenseitige Durchdringung der Kulturen alles andere als ein Verteidiger von Identitäten. Doch auch er kommt in der Rede nicht darum herum, mit dem altertümlichen Begriff „Identität“ zu hantieren. Es ist ja tatsächlich ein Dilemma Europas: Obwohl Identitäten nie fixiert, sondern immer fluide sind, gibt es ein populäres Bedürfnis nach der einen, nach der Identität. Man hat keine Freude daran, muss aber damit rechnen und umgehen, irgendwie.

Europa – das sind nicht nur seine Staaten. Sondern auch seine Landschaften – und seine Städte, seine großen Städte. Nicht selten stellen sich diese auffällig klar gegen gegen jene, die ethnisch und kulturell unter sich bleiben wollen. Londons Bürgermeister zum Beispiel ist ein Muslim, der fest zur EU steht. Budapest hat seit kurzem einen Bürgermeister, der Viktor Orbáns penetranten Magyarismus ablehnt. Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando, zum vierten Mal im Amt, weist im Angesicht der italienischen Flüchtlingsdebatte gerne darauf hin, dass der im Altgriechischen wurzelnde Name der fünftgrößten Stadt Italiens ursprünglich bequemer Ankerplatz oder Hafen bedeutete. Barcelonas linke Bürgermeisterin Ada Colau ist eine Katalanin, die für den Verbleib Kataloniens in der spanischen Nation ist und die nun eine Stadt zu managen hat, welche eine Hochburg des Separatismus und zugleich eine Metropole der Vielfalt ist, der ethnischen wie der kulturellen. Und schließlich wird auch Istanbul, ebenfalls eine europäische Stadt, von Ekrem İmamoğlu regiert, einem Bürgermeister, der sich in der Wahl gegen den Kandidaten der nationalradikalen AKP durchgesetzt hat. Schöne Geschichten, von Toibín bedächtig und manchmal fast zu schön zu glatt erzählt. Aber dennoch sind das mehr als kleine Leuchtfeuer, die dem stur-pessimistischen Blick auf Europas regierende wie oppositionelle Populismen leicht entgehen können.

Eines vor allem aber hat Colm Toibín auf unangestrengte, ideologisch nicht überfrachtete und vom Multikultur-Moralismus freie Weise sicht- und spürbar gemacht: Die Augen aller, die heute hier leben und auf Europa blicken, zählen, sie fallen ins Gewicht, ihre Blicke können uns nicht gleichgültig sein. Selbst wenn wir Einwanderer prinzipiell willkommen heißen, neigen wir oft noch dazu, die alteuropäische Wahrnehmung für die im Grunde verbindliche zu halten: Chartres, Rom, Prag, Leonardo, Cervantes, Kant, Mozart, Dickens, van Gogh, Habermas… Toibín erzählte eine simple andere, eine ergänzende und zugleich umwertende Geschichte. Da leben ausgerechnet in Barcelona, der Hauptstadt Kataloniens, in der viele Bürger mit Spanien brechen und unter sich bleiben möchten, viele Pakistani. Sie stehen quer zur kulturkämpferischen Front Kataloniens, sie sind ganz fremd und gehören doch irgendwie dazu. Sie leben unter sich, auch aus Bequemlichkeit, denken oft, wohl zu oft an ihre Heimat. Der großen Straße, die durch ihr Viertel geht, haben sie den berührenden Namen „Rambla der Traurigkeit“ gegeben. Dort treffen sie sich am Abend, und wer heimatversunken trauernd auf einer Bank am Rande der Rambla sitzt, findet Landsleute, die ihn trösten, zumindest ansprechen. Sie sind angekommen und doch ferngeblieben, und das ist ebenso ihre wie die Schuld der Bürger Barcelonas. Es wird wichtig werden, dass die Wahrnehmungen Europas, die Blicke, die gerade oder länger schon zugewanderte Migranten auf Europa werfen, wahrgenommen werden und ihren Niederschlag finden. Fern von aller Multikulti-Seligkeit.”

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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