Ausgerechnet Karl Lauterbach passiert ein nicht unbeträchtlicher Fehler | The European

Die Irrungen und Wirrungen des Karl Lauterbach

Thomas Schmid9.02.2022Medien, Wissenschaft

Es gibt Menschen, für die immer Ernstfall ist. Sie sind oft päpstlicher als der Papst. Karl Lauterbach scheint einer von ihnen zu sein. Wie kein anderer warnt er seit zwei Jahren vor jeglichem infektionspolitischen Schlendrian. Man durfte erwarten, dass er als Minister transparent und verfahrenssicher handeln würde. Von Thomas Schmid.

Der Politiker und Arzt Karl Lauterbach. Er ist Mitglied der SPD und seit 2005 Mitglied im Deutschen Bundestag, Quelle: Shutterstock

Doch ausgerechnet ihm ist ein nicht unbeträchtlicher Fehler unterlaufen. Einen Tag, nachdem er den Bundesländern versichert hatte, sie würden über alle Covid-Maßnahmen des Ministeriums vorab informiert, verkürzte er plötzlich die Gültigkeit des Genesenen-Status von sechs auf drei Monate. Ohne jede Vorankündigung.

Alle machen Fehler. Keine Ministerialbürokratie läuft fehlerlos, jedem Politiker kann es im alltäglichen Nahkampf unterlaufen, ein wichtiges Detail zu übersehen. Ob aus dem Fehler aber ein Problem wird, entscheidet erst der Umgang damit. Redet der Betroffene ihn klein oder leugnet ihn, riskiert er womöglich Schlimmeres. Gibt er ihn zu und erklärt, wie es dazu kommen konnte, mag er Anerkennung finden. Man verzeiht ihm. Fehler sind Weggabelungen.

Der Gesundheitsminister hat seinen Fehler nicht geleugnet, ist aber schnell darüber hinweggehuscht. Wie schwer es ihm fiel, über seinen Lapsus zu sprechen, verrät die umständliche Wendung, mit der er sich anschließend zu erklären versuchte: Er sprach von einer „persönlichen Unvorbereitetheit“. Ausgerechnet er, der unbestrittene Covid-Erklär- und Warn-Star, legte eine ungewohnte kommunikative Sparsamkeit an den Tag.

Fehler sind unvermeidlich. Weil der Mensch nun einmal ein fehlbares Wesen ist. Und auch, weil alles Handeln grundsätzlich ein Handeln ins Unbekannte ist, ins Ungewisse hinein. Die Geschichte der Menschheit ist eine große Kette von Fehlern, aus denen gelernt oder nicht gelernt wurde. Das Lernen aus Fehlern heißt Fortschritt. Andererseits sind Fehler ärgerlich und oft peinlich. Vielen fällt es aber schwer, sie umstandslos zuzugeben. Sei es aus Scham, sei es, um nicht als Versager dazustehen. Das gilt erst recht für alle, auf die die Augen der Öffentlichkeit gerichtet sind. Ihre Fehler haben eine größere Reichweite als die Fehler Unbekannter. Auch deswegen können Politiker nur schwer zugeben, dass sie sich vertan haben. Denn sie wissen: Wenn sie fehlen und dies publik wird, ist es immer sofort ein Ereignis, das über ihren Status und ihre Zukunft entscheiden kann.

2011 war der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg ein politischer Popstar. Der Verteidigungsminister verkörperte einen neuen Typus von Politiker: jung, klug, alert, elegant und ein Liebling der yellow press. Dann kam peu à peu heraus, dass er sich bei seiner Dissertation reichlich mit fremden Federn geschmückt hatte. Mit den Vorwürfen konfrontiert, stritt er alles ab. So lange, bis es einfach nicht mehr ging. Daher trat er zurück, legte alle politischen Ämter nieder. Es war das Ende einer kurzen politischen Dienstfahrt. Die Sache hätte vielleicht auch anders ausgehen können. Hätte zu Guttenberg den Plagiats-Stier bei den Hörnern gepackt und zerknirscht seinen Fehler zugegeben – er wäre womöglich Verteidigungsminister geblieben, in jedem Fall politisch nicht ganz aus dem Spiel gewesen. Wahrscheinlich war er auf das Bild, das er von sich entworfen hatte und das ihm die Öffentlichkeit beflissen zurückspiegelte, selbst hereingefallen. Und hielt sich – manche sahen in ihm schon den nächsten Bundeskanzler – für einen, der übers Wasser gehen, dem nichts mehr etwas anhaben kann. Er hatte sich selbst in einen Größenwahn hineingeschmeichelt.

Im Januar 2000 trat Helmut Kohl von einem Amt zurück, das heute nicht mehr hoch im Kurs zu stehen scheint: von dem des Ehrenvorsitzenden der CDU. Zuvor gab er zu, was er bisher abgestritten hatte, dass er nämlich 2,1 Millionen D-Mark illegaler Parteispenden an den Büchern der Partei vorbei angenommen hatte. Der ehemalige Bundeskanzler weigerte sich aber beharrlich, die Namen der Spender zu nennen. Mit der Begründung, er habe ihnen sein Ehrenwort gegeben, die Namen im Dunkeln zu lassen. Sollte das stimmen, wäre Kohls Verhalten zumindest teilweise nachvollziehbar. Wenn es auch ein Makel bleibt, dass er die Belange seiner bedrängten und ihn drängenden Partei so hartleibig seinen eigenen unterordnete. Doch auch er hätte sich als Ehrenvorsitzender womöglich halten können, wenn er sich für sein Dilemma bei der Partei glaubhaft entschuldigt hätte. Warum tat er das nicht? Weil der Modus Selbstkritik wahrlich nicht der seine war. Und weil ihn seine Machtjahre offenbar glauben gemacht hatten, er stehe ein wenig über dem Gesetz, er sei der Staat.

Als der Kalte Krieg nach 1989 vorbei war, wurde Egon Bahr nicht müde, dieses Glück der sozialdemokratischen Entspannungspolitik zuzuschreiben. Tatsächlich aber hatte sich die SPD längst mit der Zweiteilung des Kontinents abgefunden und hielt den Status quo für wichtiger als dessen freiheitliche Veränderung. Wohl um das vergessen zu machen, steigerte er sich immer mehr in seine ganz persönliche Erzählung hinein: Es sei ihm stets nur um die deutsche Vereinigung gegangen. Das stimmte nachweislich nicht. Warum gab Bahr nicht zu, dass es falsch gewesen war, die Vereinigung abzuschreiben? Vermutlich aus einem starken, tief empfundenen Impuls heraus. Die neue Ostpolitik, von der Opposition damals rüde und voller Ressentiments angegriffen, war sein Lebenswerk und sein Gefährte Willy Brandt verkörperte für ihn das Beste, wozu Deutschland nach dem Krieg fähig war. Darauf durfte nicht der kleinste Schatten fallen.

Viele politische Fehler bleiben uneingestanden. Zuletzt der erste der Regierung Scholz. Im Überschwang eines Anfangs, der zauberhaft sein sollte, traf sie die falsche Entscheidung, die epidemische Lage von nationaler Tragweite kurzerhand per Beschluss abzuschaffen. Um wenig später genau dahin zurückzukehren. Die neue Regierung, die sich ja auch der Transparenz verschrieben hat, bemühte sich während und nach ihrem abrupten Wendemanöver nicht, dieses Vorgehen als Fehler zu benennen oder dem besorgten Publikum zu erklären. Das lag ganz auf der Linie des Bundeskanzlers, der Fragen bevorzugt damit beantwortet, dass er sie nicht beantwortet.

Obwohl heute demokratisch gewählt und abwählbar, stehen manche Politiker noch immer ein wenig in vordemokratischer Tradition: in der der absoluten Macht – deren Inhaber im Traum nicht daran dachten, sich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Mancher, der über einen Zipfel Macht verfügt, versteht dies als Lizenz, sein Handeln dem Zwang zur Begründung zu entziehen. Vielleicht denkt mancher Politiker, eine Macht, die sich fehlerfreundlich gibt, entmachte sich selbst. Dann wäre nicht Überheblichkeit, sondern Angst das Motiv.

Manchmal ist aber ganz einfach nassforsche Anmaßung am Werk. Zum Beispiel im Fall von Franziska Giffey. Sie hatte sich zu Unrecht mit einem Doktortitel geschmückt. Als das bekannt zu werden begann, verlegte sie sich zuerst aufs Leugnen. Dann tat sie so, als trete sie in tätiger Reue von ihrem Ministeramt zurück. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich sofort um ein neues Amt, das der Regierenden Bürgermeisterin Berlins, zu bewerben. Ihre Partei, die SPD, sah darin kein Problem. Ungerührt und ohne Gewissensbisse verzichtete sie auf einen Doktortitel, den sie für ihre Karriere nun nicht mehr brauchte. Sie wusste ja auch, dass ihre Wähler, Berlinerinnen und Berliner, sowieso auf Titel und Formen pfeifen. Ihr Kalkül ging auf.

Sogar die Unfehlbaren können fehlen. Und sich im Umgang mit ihren Fehlern kaum anders verhalten als jedermann. Zum Beispiel der emeritierte Papst Benedikt. Aber das ist ein anderes, traurigeres Kapitel.

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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