Es bleibt eine Pflicht, den Antisemitismus zu bekämpfen

Thomas Schmid29.01.2020Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Vom Reichstag in Berlin bis zu den vielen Niederlassungen der Rentenversicherungsanstalt hängt Schwarz-Rot-Gold auf Halbmast. Jedes Jahr am Holocaust-Gedenktag ist das so. Ein Zeichen – aber wofür?

Es war gut und richtig, dass die Vereinten Nationen den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor 15 Jahren zu einem offiziellen Tag des Gedenkens erklärten. Ein Tag im Jahr wenigstens, an dem der Mord an den Juden Europas zu einem öffentlichen Thema werden muss. Und doch ist dies kaum mehr als eine Geste, als eine hilflose Geste. Denn dass sie überhaupt nötig ist, zeigt ja, dass das Gedenken nicht selbstverständlich wurde, nicht aus dem Alltag kommt, sondern amtlicher Anordnung bedarf. Bei allem guten Willen, der sicher auch im Spiel ist – ein solcher Gedenktag ist ein Ritual. Und wie alle Rituale trägt es auch zur Entlastung bei. Stolz ist nicht angebracht.

In den Verlautbarungen von Parteien, Politikern und Organisationen heißt es, am 27. Januar gehe es um das Erinnern an die Verbrechen deutscher Nationalsozialisten. Als das Erinnern noch möglich war, fand es kaum statt. Die große Mehrheit wollte sich keineswegs an das erinnern, was vor 1945 im Namen Deutschlands geschah. In Ministerien, Behörden, Gerichten und Zeitungsredaktionen, an Universitäten und Krankenhäusern waren Jahrzehnte danach noch zahlreiche Täter und Mitläufer tätig, unbehelligt.

Und wie steht es heute mit der Erinnerung? Erinnern und immer wieder erinnern müssen sich die wenigen noch überlebenden Opfer, sie haben keine Wahl. Aber wir anderen? Wir können uns nicht erinnern. Wir können bestenfalls versuchen, uns das Unvorstellbare des industriellen Massenmords in seiner Dimension und in seinen furchtbaren Einzelheiten zu vergegenwärtigen.

Das sollten wir tun. Aber ohne eine direkte Linie von damals zum Heute zu ziehen. Natürlich gilt es, allen Formen von Antisemitismus entgegenzutreten und diesen zu einem geächteten Phänomen zu machen. Es ist aber eine Art Missbrauch der Opfer, wenn sie bemüht und vergegenwärtigt werden, um uns mit den richtigen Lehren für die Gegenwart zu versorgen. Es ist eine – selbstverständliche – Pflicht, der Opfer zu gedenken. Und es ist eine – selbstverständliche – Pflicht, den Antisemitismus zu bekämpfen. Beides lebt aus sich heraus. Es gehört sich nicht, es zu Einem zu verbinden. Insofern ist es kurzschlüssig, von „bösen Geistern in neuem Gewand“ zu sprechen, wie es der Bundespräsident in Yad Vashem tat.

Am Morgen des 27. Januar 2020 erreichte mich die E-Mail eines jüdischen Freundes. Darin schrieb er zu Auschwitz: „Ich kann die Hölle nicht einmal mehr lesend ertragen.“ Beim Gedenken an vergangene Verbrechen besteht die Gefahr, dass sich der Gedenkende selbstzufrieden in seinem Gedenken einrichtet. Davor sollten wir uns hüten.

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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