Armin Laschet hat in einem unpassenden Moment gelacht | The European

Als charakterlos hat sich der Kanzlerkandidat nicht erwiesen

Thomas Schmid19.07.2021Medien, Politik

Armin Laschet hat in einem unpassenden Moment gelacht. Während eines Auftritts des Bundespräsidenten in Erftstadt, mit der er den Flutopfern wie den Helfern im Namen des Staates seine Anerkennung zollte, stand der Kanzlerkandidat der Union im Hintergrund, unterhielt sich mit einem neben ihm Stehenden – und plötzlich lachte er auf. Von Thomas Schmid.

Armin Laschet (2. v.l., CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, lacht während Bundespräsident Steinmeier (nicht im Bild) ein Pressestatement gibt, Foto: picture alliance/dpa | Marius Becker

Einen größeren Fehler, kann einer kaum machen, der gerade ein hohes Staatsamt anstrebt, von dem das Publikum aber noch nicht weiß, was er wirklich will, welchen Weitblick er wirklich hat und nicht zuletzt: wie belastbar er im Falle einer Katastrophe wirklich wäre. In Sekundenschnelle wurde aus dem umtriebigen Anwärter mit Staatsgesicht der Aachener Karnevalist, der er auch und mit Herzen ist. Und das sah sehr gewöhnlich aus: kein großer, sondern ein kleiner Mann. Gut fürs Reihenhaus – aber auch fürs Kanzleramt? Der Kandidat hat sich danebenbenommen.

Es mag ja eines seiner Anliegen sein, mehr Freude und Humor in die Politik zu bringen und Berlin etwas zu verrheinländern. Aber er muss als ambitionierter Politiker in der Lage sein, zwischen öffentlicher und privater Figur, zwischen öffentlichem und persönlichem Raum jederzeit zu unterscheiden. Obwohl es seit Jahrzehnten üblich ist, den Politikern in ihr Heim zu folgen und ihnen in den Kochtopf zu sehen und das auch noch als Fortschritt im Geiste der Transparenz gepriesen wird – tatsächlich ist ein Politiker dort, wo er zu sehen ist, nie ein Privatmann. Er steht da dem König von einst näher als dem Taxifahrer oder Büttenredner von heute. Das mag Armin Laschet, durchaus ein Machtmensch, auch wissen – verinnerlicht hat er es, wenige Meter vor dem erhofften Einzug ins Kanzleramt, nicht. Das beschädigt ihn. Er wird seinen Lacher so schnell nicht loswerden. Die politische Konkurrenz wird das nutzen, sie tut es ja schon. Zu Recht. Und Laschet darf nicht darauf hoffen, dass Grüne und SPD mit ihm ähnlich zurückhaltend umgehen, wie er es getan hat, als Annalena Baerbock ins Trudeln kam.

Die Sache wird für Laschet auch dadurch nicht besser, dass der Bundespräsident auf derselben Veranstaltung wenig später selbst zu lachen anfing. Die eine Taktlosigkeit wird durch die andere nicht neutralisiert. In seiner bald darauf auf Twitter veröffentlichten Erklärung schrieb Laschet dann, er bedauere den Eindruck, der durch die Gesprächssituation entstanden sei. Eine richtige Entschuldigung ist das nicht.

Andererseits sollte man die Kirche aber auch im Dorf lassen. Kann man ernsthaft verlangen, ein Politiker dürfe angesichts einer Katastrophe nicht lachen? Sicher nicht. Auch deswegen nicht, weil damit – Menschen sind nun einmal so, wie sie sind – der Bigotterie Tür und Tor geöffnet wäre. Als charakterlos hat sich der Kanzlerkandidat nicht erwiesen. Er lacht nun einmal gern, das Publikum weiß das. Der Vorwurf, er habe die Opfer verhöhnt, ist maßlos. Niemand sollte behaupten, Laschet habe sich über die Opfer lustig machen wollen.

Außerdem weiß man ja, dass die bundespräsidialen Feldgottesdienste durchaus etwas Steifes, etwas allzu Ritualisiertes haben. Da ist immer Ausnahmezustand, es gilt stets der hohe, getragene Feierstundenton. Immer wird dabei deutlich, dass diese Republik bis heute keinen Gedenk-, Trauer- und Feierstil gefunden hat, der zu ihrer Bescheidenheit und Zivilität passt – sich aber auch deutlich von dem Lorbeerbaumstil vergangener Zeiten abhebt. Das Gedenken scheint sich mit Alltag nicht zu vertragen.

Offensichtlich wiegt Würde so schwer, dass sie auch von Profis des Repräsentierens bisweilen als Bürde empfunden wird. Wohl auch deswegen haben der Präsident und der Kandidat wie befreit gelacht, als nicht mehr alle Kameras auf sie gerichtet waren.

Quelle: Thomas Schmid – Die Texte

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