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Der SPIEGEL steht vor einem Scherbenhaufen

Keine Frage: Es wirft ein außerordentlich schlechtes Licht auf den „Spiegel“, dass es einem jungen, ehrgeizigen und erfindungsreichen Journalisten gelingen konnte, die Führungsebene und die Kontrollinstanzen des Magazins über eine beträchtliche Zeit hinweg vollständig hinters Licht zu führen.

Immerhin hatte der „Spiegel“ seit Jahrzehnten Übung darin, sich zum alles überragenden Bollwerk der Demokratie zu stilisieren, wofür gerne die wenig zivile Vokabel „Sturmgeschütz“ bemüht worden ist. Er hat einen schneidigen Korpsgeist entwickelt, „Spiegel“-Redakteure sind oft arrogant und blicken auf andere Kollegen herab. Die Hybris gehört zur Grundausstattung des Blattes.
Dennoch ist Schadenfreude nicht angebracht. Denn der tiefe Fall des Claas Relotius ist nur ein besonders bizarres Beispiel für ein Problem, das den Journalismus heute insgesamt betrifft. Der Fall muss jedoch auch für sich betrachtet werden, seine „Spiegel“-spezifischen Quellen müssen ausgemacht werden. Das Magazin, heißt es oft, habe am nachdrücklichsten und folgenreichsten den kritischen Geist in der Bundesrepublik Deutschland heimisch gemacht. Schon da beginnt die Legende der Selbstüberschätzung. Die Demokratie wurde nicht 1962 begründet, als eine Staatsaktion gegen das Blatt die Pressefreiheit plötzlich als ein großes öffentliches Thema aufbrachte. Gewiss, die „Spiegel“-Affäre war eine Wegmarke – die Demokratie wurde aber 13 Jahre zuvor begründet. Und zwar erfolgreich. Von Anfang an zog das Magazin jedoch die Eignung des politischen Führungspersonals grundsätzlich in Zweifel. Fast immer lautete das Urteil: vollkommen unfähig. Der „Spiegel“ maßte sich damit eine unhinterfragbare Richterfunktion an, die der Presse – die nur ein Player unter mehreren ist – nicht zusteht. Ganz abgesehen davon, dass ausgerechnet das so kritische Magazin in seinem Anfangsjahrzehnt etlichen NS-Belasteten Unterschlupf, Brot und Arbeit gab, die zum Teil unter veränderten Vorzeichen im alten Sinne weiterarbeiteten.
Der „Spiegel“ hat ein journalistisches Metier etabliert, in dem er bis heute führend ist: Das Metier der Delegitimierung der Regierenden. So wurde Kritik zur Masche. Kaum zu zählen die Geschichten, die das nahende und unausweichliche Ende der jeweiligen Regierung ankündigten, von Adenauer bis Merkel. Das hat das Publikum auf die Dauer nicht sensibilisiert, sondern abgestumpft. Und im Grunde das anti-republikanische Ressentiment geschürt, „die da oben“ machten sowieso, was sie wollten, und fühlten sich dem Volk gegenüber nicht verantwortlich. Zwischen dieser Haltung und der Systemkritik der AfD gibt es durchaus Berührungspunkte.

Der Scherbenhaufen, vor dem das Blatt heute steht, hat aber neuere Ursachen – obgleich auch hinter dieser Affäre das Gefühl der Auserwähltheit am Werke ist, das den „Spiegel“ auszeichnet. Wie konnte es ein raffinierter Fälscher in dem Magazin so schnell so weit bringen? Die stellvertretende Chefredakteurin hat in einem Interview gesagt: „Wir hatten nicht die Muster, das zu erkennen.“ Das klingt, als sei Qualitäts- und Wahrheitskontrolle ein technokratischer Roboter- und nicht ein kommunikativer und intellektueller Akt. Die Aussage ist eigentlich die Bankrotterklärung eines Blattes, das stets auf seine Dokumentation so stolz war, das immer behauptete, jedes Detail werde minutiös überprüft. Nun ist wohl davon auszugehen, dass auch die Artikel von Relotius nicht wie unantastbare Preziosen durchgewunken, sondern auch sie auf die Wahrheit der Einzelheiten überprüft wurden. Dass er mit seinen Fälschungen dennoch durchkam, hat nicht nur mit seinem frühen Ruhm, sondern auch damit zu tun, dass – nicht nur im Journalismus – die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion fließend geworden ist. Früher galt einmal: schreiben, was ist. Also: gutes Handwerk. Diese Methode ist jedoch in einer Zeit der informationellen Dauerexplosionen ins Hintertreffen gekommen. Sie gilt als langweilig. Die Wirklichkeit ist zumeist grau. Um sie zu einem farbenprächtigen Bild zu formen, braucht es Phantasie, Zugaben, kleine Zuspitzungen und etliche Erfindungen.

Der Kollege von Relotius, der den Schwindel aufgedeckt hat, sagte im Interview mit der SZ zur Erklärung für dessen Erfolg: „Die Reportage hat sich in den letzten Jahren massiv Richtung Kurzgeschichte, Richtung Literatur entwickelt.“ Literatur aber ist Fiktion, ist immer auch Lüge. Und tatsächlich, alles Schreiben ist – da nicht Wirklichkeit, sondern dargestellte Wirklichkeit – der Gefahr der Lüge ausgesetzt. Deswegen ist in Teilen des Journalismus die erkennbare Tendenz, Reportagen unbekümmert zu literarisieren, gefährlich. Als vor Jahrzehnten die Mehrheit der Bevölkerung medial noch unerfahren und arglos war, hatten „Witwenschüttler“ leichtes Spiel. Heute ist fast jedes menschliche Objekt journalistischer Neugier medial bewandert und schlau: Es lässt sich seine Wahrheit nicht mehr so leicht entlocken. Auch das fördert wohl im kollegialen Wettkampf, der Beste, der Hintergründigste, der Überraschendste und der Eleganteste zu sein den Hang, das Fiktionale zu steigern. Anders ist der Konkurrent nicht mehr auszustechen. Nur der Dumme bleibt bei der grauen Wahrheit.

Doch es muss auch von dem Brauch des Preisens gesprochen werden. Bei der Lektüre des „Spiegel“, aber auch anderer Blätter stößt man immer häufiger auf lange Artikel und Reportagen, bei deren Lektüre man spürt, dass sie an ein dreifaches Publikum gerichtet sind: am wenigsten an die Leser, deutlich stärker an Ressortleiter und Chefredaktion, vor allem aber an die Jurys journalistischer Preise. Die aufgeplusterten Texte wirken oft wie ein einziges Buhlen um narzisstische Exzellenz. Wer hat die schönste Metapher? Wer die steilste These? Wer den innigsten Blick auf die Hinterbühne der Macht? Wer versteht es – ohne in den Verdacht der Häme zu geraten – am besten, den eben noch gefeierten Politiker als armes Würstchen erscheinen zu lassen? Der Wettbewerb dieser selbstverliebten Exzellenzdarsteller droht, zu einem selbstreferentiellen Spiel zu werden.

Das führt zu der größten journalistischen Gefahr von allen. Das, was gegenwärtig geschieht, könnte eine Endmoräne der Aufklärung sein. Die Aufklärer sagten: Benutze deinen Verstand, glaube nichts unbesehen, hinterfrage alles. Daraus wurde, vor einigen Jahrzehnten von einigen französischen Denkern forciert, die These, es gebe die Wirklichkeit gar nicht, alle dargestellte Wirklichkeit (und im Medium der Kommunikation gibt es nur dargestellte Wirklichkeiten) sei Fiktion, sei Erfindung. Auf ebenso schamlose wie erfolgreiche Weise folgt auch Donald Trump dieser Idee. Es ist ihm gelungen, Aussage und Wahrheit (fast) vollständig voneinander zu entkoppeln. Wenn gar nichts wahr ist, kann alles zur Wahrheit erklärt werden. Und seine Anhänger lieben ihn dafür, dass er sich um Einzelheiten und Fakten nicht schert. Keinen erbitterteren Feind hat diese Kunst der fake news als die kritischen Journalisten, die sich dem alten Ethos der Aufklärung und der Suche nach der Wahrheit verschrieben haben. Nun sieht es, zumindest im Fall von Claas Relotius, aber so aus, als würden sich die Todfeinde berühren, einander annähern oder gar eins werden: der helle Geist der Wahrheitssuche und der dunkle Geist der willentlichen und wissentlichen Fiktion. Verhielte es sich so, der Schaden für Journalismus, Öffentlichkeit und Aufklärung könnte größer kaum sein. Donald Trump hätte sein trojanisches Pferd in die Festung der kritischen Öffentlichkeit geschoben. Käme es so weit, dürfte diese sich nicht wundern, als „Lügenpresse“ zu gelten.

Vielleicht wirkt der gegenwärtige Fall aber heilsam und wird zu einem Wendepunkt. Vielleicht steigt das berichtende und deutende Gewerbe vom hohen Ross herunter, schminkt sich den hybriden Narzissmus ab und wendet sich wieder verstärkt den alten Methoden der Wahrheitssuche zu. Und akzeptiert: Wer Gott und die Welt unter Beobachtung stellt, muss sich auch selbst der Beobachtung aussetzen. Wie daraus nichts werden kann, hat der langjährige „Spiegel“-Redakteur und Reporter Cordt Schnibben in einem Interview mit der FAZ gezeigt. Er vermochte nur einen bedauerlichen Einzelfall zu erkennen und meinte, dieser werde keine negativen Folgen für das Reportage-Gewerbe haben. Mit anderen Worten: Augen zu und durch.

Quelle: Thomas Schmid

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roger Köppel, Oliver Götz, Ramin Peymani.

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