Der SPIEGEL steht vor einem Scherbenhaufen

von Thomas Schmid29.12.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Keine Frage: Es wirft ein außerordentlich schlechtes Licht auf den „Spiegel“, dass es einem jungen, ehrgeizigen und erfindungsreichen Journalisten gelingen konnte, die FĂŒhrungsebene und die Kontrollinstanzen des Magazins ĂŒber eine betrĂ€chtliche Zeit hinweg vollstĂ€ndig hinters Licht zu fĂŒhren.

Immerhin hatte der „Spiegel“ seit Jahrzehnten Übung darin, sich zum alles ĂŒberragenden Bollwerk der Demokratie zu stilisieren, wofĂŒr gerne die wenig zivile Vokabel „SturmgeschĂŒtz“ bemĂŒht worden ist. Er hat einen schneidigen Korpsgeist entwickelt, „Spiegel“-Redakteure sind oft arrogant und blicken auf andere Kollegen herab. Die Hybris gehört zur Grundausstattung des Blattes.
Dennoch ist Schadenfreude nicht angebracht. Denn der tiefe Fall des Claas Relotius ist nur ein besonders bizarres Beispiel fĂŒr ein Problem, das den Journalismus heute insgesamt betrifft. Der Fall muss jedoch auch fĂŒr sich betrachtet werden, seine „Spiegel“-spezifischen Quellen mĂŒssen ausgemacht werden. Das Magazin, heißt es oft, habe am nachdrĂŒcklichsten und folgenreichsten den kritischen Geist in der Bundesrepublik Deutschland heimisch gemacht. Schon da beginnt die Legende der SelbstĂŒberschĂ€tzung. Die Demokratie wurde nicht 1962 begrĂŒndet, als eine Staatsaktion gegen das Blatt die Pressefreiheit plötzlich als ein großes öffentliches Thema aufbrachte. Gewiss, die „Spiegel“-AffĂ€re war eine Wegmarke – die Demokratie wurde aber 13 Jahre zuvor begrĂŒndet. Und zwar erfolgreich. Von Anfang an zog das Magazin jedoch die Eignung des politischen FĂŒhrungspersonals grundsĂ€tzlich in Zweifel. Fast immer lautete das Urteil: vollkommen unfĂ€hig. Der „Spiegel“ maßte sich damit eine unhinterfragbare Richterfunktion an, die der Presse – die nur ein Player unter mehreren ist – nicht zusteht. Ganz abgesehen davon, dass ausgerechnet das so kritische Magazin in seinem Anfangsjahrzehnt etlichen NS-Belasteten Unterschlupf, Brot und Arbeit gab, die zum Teil unter verĂ€nderten Vorzeichen im alten Sinne weiterarbeiteten.
Der „Spiegel“ hat ein journalistisches Metier etabliert, in dem er bis heute fĂŒhrend ist: Das Metier der Delegitimierung der Regierenden. So wurde Kritik zur Masche. Kaum zu zĂ€hlen die Geschichten, die das nahende und unausweichliche Ende der jeweiligen Regierung ankĂŒndigten, von Adenauer bis Merkel. Das hat das Publikum auf die Dauer nicht sensibilisiert, sondern abgestumpft. Und im Grunde das anti-republikanische Ressentiment geschĂŒrt, „die da oben“ machten sowieso, was sie wollten, und fĂŒhlten sich dem Volk gegenĂŒber nicht verantwortlich. Zwischen dieser Haltung und der Systemkritik der AfD gibt es durchaus BerĂŒhrungspunkte.

Der Scherbenhaufen, vor dem das Blatt heute steht, hat aber neuere Ursachen – obgleich auch hinter dieser AffĂ€re das GefĂŒhl der AuserwĂ€hltheit am Werke ist, das den „Spiegel“ auszeichnet. Wie konnte es ein raffinierter FĂ€lscher in dem Magazin so schnell so weit bringen? Die stellvertretende Chefredakteurin hat in einem Interview gesagt: „Wir hatten nicht die Muster, das zu erkennen.“ Das klingt, als sei QualitĂ€ts- und Wahrheitskontrolle ein technokratischer Roboter- und nicht ein kommunikativer und intellektueller Akt. Die Aussage ist eigentlich die BankrotterklĂ€rung eines Blattes, das stets auf seine Dokumentation so stolz war, das immer behauptete, jedes Detail werde minutiös ĂŒberprĂŒft. Nun ist wohl davon auszugehen, dass auch die Artikel von Relotius nicht wie unantastbare Preziosen durchgewunken, sondern auch sie auf die Wahrheit der Einzelheiten ĂŒberprĂŒft wurden. Dass er mit seinen FĂ€lschungen dennoch durchkam, hat nicht nur mit seinem frĂŒhen Ruhm, sondern auch damit zu tun, dass – nicht nur im Journalismus – die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion fließend geworden ist. FrĂŒher galt einmal: schreiben, was ist. Also: gutes Handwerk. Diese Methode ist jedoch in einer Zeit der informationellen Dauerexplosionen ins Hintertreffen gekommen. Sie gilt als langweilig. Die Wirklichkeit ist zumeist grau. Um sie zu einem farbenprĂ€chtigen Bild zu formen, braucht es Phantasie, Zugaben, kleine Zuspitzungen und etliche Erfindungen.

Der Kollege von Relotius, der den Schwindel aufgedeckt hat, sagte im Interview mit der SZ zur ErklĂ€rung fĂŒr dessen Erfolg: „Die Reportage hat sich in den letzten Jahren massiv Richtung Kurzgeschichte, Richtung Literatur entwickelt.“ Literatur aber ist Fiktion, ist immer auch LĂŒge. Und tatsĂ€chlich, alles Schreiben ist – da nicht Wirklichkeit, sondern dargestellte Wirklichkeit – der Gefahr der LĂŒge ausgesetzt. Deswegen ist in Teilen des Journalismus die erkennbare Tendenz, Reportagen unbekĂŒmmert zu literarisieren, gefĂ€hrlich. Als vor Jahrzehnten die Mehrheit der Bevölkerung medial noch unerfahren und arglos war, hatten „WitwenschĂŒttler“ leichtes Spiel. Heute ist fast jedes menschliche Objekt journalistischer Neugier medial bewandert und schlau: Es lĂ€sst sich seine Wahrheit nicht mehr so leicht entlocken. Auch das fördert wohl im kollegialen Wettkampf, der Beste, der HintergrĂŒndigste, der Überraschendste und der Eleganteste zu sein den Hang, das Fiktionale zu steigern. Anders ist der Konkurrent nicht mehr auszustechen. Nur der Dumme bleibt bei der grauen Wahrheit.

Doch es muss auch von dem Brauch des Preisens gesprochen werden. Bei der LektĂŒre des „Spiegel“, aber auch anderer BlĂ€tter stĂ¶ĂŸt man immer hĂ€ufiger auf lange Artikel und Reportagen, bei deren LektĂŒre man spĂŒrt, dass sie an ein dreifaches Publikum gerichtet sind: am wenigsten an die Leser, deutlich stĂ€rker an Ressortleiter und Chefredaktion, vor allem aber an die Jurys journalistischer Preise. Die aufgeplusterten Texte wirken oft wie ein einziges Buhlen um narzisstische Exzellenz. Wer hat die schönste Metapher? Wer die steilste These? Wer den innigsten Blick auf die HinterbĂŒhne der Macht? Wer versteht es – ohne in den Verdacht der HĂ€me zu geraten – am besten, den eben noch gefeierten Politiker als armes WĂŒrstchen erscheinen zu lassen? Der Wettbewerb dieser selbstverliebten Exzellenzdarsteller droht, zu einem selbstreferentiellen Spiel zu werden.

Das fĂŒhrt zu der grĂ¶ĂŸten journalistischen Gefahr von allen. Das, was gegenwĂ€rtig geschieht, könnte eine EndmorĂ€ne der AufklĂ€rung sein. Die AufklĂ€rer sagten: Benutze deinen Verstand, glaube nichts unbesehen, hinterfrage alles. Daraus wurde, vor einigen Jahrzehnten von einigen französischen Denkern forciert, die These, es gebe die Wirklichkeit gar nicht, alle dargestellte Wirklichkeit (und im Medium der Kommunikation gibt es nur dargestellte Wirklichkeiten) sei Fiktion, sei Erfindung. Auf ebenso schamlose wie erfolgreiche Weise folgt auch Donald Trump dieser Idee. Es ist ihm gelungen, Aussage und Wahrheit (fast) vollstĂ€ndig voneinander zu entkoppeln. Wenn gar nichts wahr ist, kann alles zur Wahrheit erklĂ€rt werden. Und seine AnhĂ€nger lieben ihn dafĂŒr, dass er sich um Einzelheiten und Fakten nicht schert. Keinen erbitterteren Feind hat diese Kunst der fake news als die kritischen Journalisten, die sich dem alten Ethos der AufklĂ€rung und der Suche nach der Wahrheit verschrieben haben. Nun sieht es, zumindest im Fall von Claas Relotius, aber so aus, als wĂŒrden sich die Todfeinde berĂŒhren, einander annĂ€hern oder gar eins werden: der helle Geist der Wahrheitssuche und der dunkle Geist der willentlichen und wissentlichen Fiktion. Verhielte es sich so, der Schaden fĂŒr Journalismus, Öffentlichkeit und AufklĂ€rung könnte grĂ¶ĂŸer kaum sein. Donald Trump hĂ€tte sein trojanisches Pferd in die Festung der kritischen Öffentlichkeit geschoben. KĂ€me es so weit, dĂŒrfte diese sich nicht wundern, als „LĂŒgenpresse“ zu gelten.

Vielleicht wirkt der gegenwĂ€rtige Fall aber heilsam und wird zu einem Wendepunkt. Vielleicht steigt das berichtende und deutende Gewerbe vom hohen Ross herunter, schminkt sich den hybriden Narzissmus ab und wendet sich wieder verstĂ€rkt den alten Methoden der Wahrheitssuche zu. Und akzeptiert: Wer Gott und die Welt unter Beobachtung stellt, muss sich auch selbst der Beobachtung aussetzen. Wie daraus nichts werden kann, hat der langjĂ€hrige „Spiegel“-Redakteur und Reporter Cordt Schnibben in einem Interview mit der FAZ gezeigt. Er vermochte nur einen bedauerlichen Einzelfall zu erkennen und meinte, dieser werde keine negativen Folgen fĂŒr das Reportage-Gewerbe haben. Mit anderen Worten: Augen zu und durch.

Quelle: “Thomas Schmid”:http://schmid.welt.de/2018/12/21/investigativ-ging-schief-der-spiegel-und-sein-betrueger/?fbclid=IwAR22CnDAgookK6f7EI2NseH7PSTKKigzTO-ychoyRjYFGtBKLQ6Sevt5Tl4

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