Mein Verhältnis zur französischen Sprache ähnelt dem zu meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht. Hans-Dietrich Genscher

Der Zauber eines Liedes, das die Welt berührt

Es gibt Lieder, gegen die man sich nur schwer wehren kann. „Stille Nacht, heilige Nacht“ gehört zu diesen Liedern. Selbst viele Agnostiker, ja Kirchen- und Christentumsfeinde berührt sein verführerischer Klang. Es weht sie, mit Ernst Bloch zu sprechen, von weit, weit her etwas an, dem sie sich nicht entziehen können.

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Es gibt Lieder, gegen die man sich nur schwer wehren kann. „Stille Nacht, heilige Nacht“ gehört zu diesen Liedern. Selbst viele Agnostiker, ja Kirchen- und Christentumsfeinde berührt sein verführerischer Klang. Es weht sie, mit Ernst Bloch zu sprechen, von weit, weit her etwas an, dem sie sich nicht entziehen können. Das Lied verkörpert eine Heimat, die es nie gegeben hat. Gewiss, einen nüchternen Kitsch-Text würde das Lied wohl nicht bestehen. Und dass es zur Vorweihnachtszeit weltweit aus den Lautsprechern fast aller Kaufhäuser, Malls und Vergnügungszentren erklingt, macht es der Kulturkritik in hohem Maße verdächtig. Es ist, wie es aussieht, zu einem Hintergrundgeräusch, zu einem Unkulturgut herabgesunken, das den Konsum stimulieren und verzuckern soll. Indes: Das Außerordentliche dieses Liedes, das vor 200 Jahren am Heiligen Abend zum ersten Mal erklang und gesungen wurde, besteht darin, dass ihm all der Missbrauch, der mit ihm getrieben wurde und getrieben wird, kaum etwas anhaben konnte. Es ist so frisch wie eh und je. Kein Zweifel, es trieft vor Innerlichkeit, und man braucht nicht viel Phantasie, um zu ermessen, welches materielle oder seelische Elend es in unzähligen Bürger-, Kleinbürger und Arbeiterhaushalten über die Zeiten hinweg in ein süßliches Versöhnungslicht getaucht und überzuckert hat. Das weiß jeder, fast jede hat es erfahren. Die Größe des Liedes liegt aber darin, dass all diese ziemliche vernichtende Evidenz nicht dazu geführt hat, das Lied in die geistige und kulturelle Insolvenz zu treiben. Noch immer strahlt es.

Das hat Gründe. Das Lied ruht nicht wie ein Volkslied in sich, es ist vielmehr widersprüchlich: altertümlich und modern zugleich. Es entstand nicht in einer altväterlichen Friedenszeit, sondern in einer Krisenzeit, die ganz Europa erschütterte. Es ist die Schöpfung von zwei Männern, die von weit unten kamen, deren Lebensläufe aber zu durchaus ungewöhnlichen Aufsteigerbiographien anwuchsen. Das Lied, das so zeitlos daherkommt und an ein Wiegenlied erinnert, enthält einiges an Zeitgeschichte. Es ist, wenn man so will, auf vorsichtige Weise christlich – und, für die Zeit und die Region durchaus überraschend, universalistisch. Es feiert das Leben – und hat einen todessehnsüchtigen Unterton. Es wird wohl diese Mischung aus scheinbarer Harmlosigkeit und Zeitlichkeit sein, die ihm Schubkraft gab. Dieses Lied ruht nicht in sich, es ist ein Lied der Reibungen.

„Stille Nacht, heilige Nacht“ erklingt, als habe es das Lied schon immer gegeben: Volksgut. Als komme es aus einem namenlosen Raum, als sei es vom Himmel gefallen. Tatsächlich aber ist es keineswegs „Tyroler Volkskunst“, zu der es um 1830, in den ersten Jahrzehnten seiner rasch ansteigenden Popularität, erklärt wurde. Es kommt nicht aus irgendwelchen mythischen Bauernstuben, sondern es wurde gemacht. Und es war ein Zufallsprodukt dieser zwei Männer, die kaum mehr verband als die Schaffung dieses einen Liedes. Zum ersten Mal erklang es am Heiligen Abend des Jahres 1818 im österreichischen Oberndorf an der Salzach, das nicht weit von Salzburg entfernt ist. Der Text stammt von dem dort tätigen Priester Joseph Mohr, der 1792, im Jahr Drei der Französischen Revolution, geboren wurde, und 1848, im Jahr der europäischen Revolutionen, starb. Er hatte den Text des Liedes – das einzige Gedicht, das er je verfasste – schon zwei Jahre zuvor, 1816, geschrieben. Und er war es, der den Organisten Franz Xaver Gruber (1787–1863), einige Zeit vor Weihnachten des Jahres bat, eine Melodie zu dem Text zu schreiben. Da in der kleinen Kirche von Oberndorf, so will es die Überlieferung, am Heiligen Abend 1818 die Orgel nicht funktionierte, trugen die beiden das auf zwei gleichwertige Stimmen angelegte Lied mit Gitarrenbegleitung vor: Gruber sang Bass, Mohr, der auch die Gitarre spielte, Tenor. Viele Legenden wurden um diese Aufführung des Liedes geflochten. Etwa die, noch im Moment der Uraufführung in dunkler Nacht habe sich das Lied einem Lauffeuer gleich über Täler und Berge verbreitet. Tatsächlich war der Siegeszug des Liedes aber ein langwieriger.

Das wohl innigste Weihnachtslied stammt von zwei Männern, die gesellschaftlich von ganz unten kamen – gut passend zur ärmlichen Krippen- und Hüttengeburt des Erlösers. Gruber entstammte einer armen Leinenweberfamilie, Mohr – im Armenhaus von Salzburg zur Welt gekommen – kam als uneheliches Kind eines fahnenflüchtigen Füseliers, den er nie kennenlernte, zur Welt. Seine Mutter verdiente ihren schmalen Unterhalt als Strickerin. Und um das Elendsbild zu vervollkommnen: Mohrs Taufpate war der letzte Scharfrichter von Salzburg, der zugleich als „Cloacius“ für das nächtliche Entleeren der Aborte zuständig war. Beiden Autoren von „Stille Nacht, heilige Nacht“ war nichts Gutes in die Wiege gelegt worden. Beide aber hatten, an unterschiedlichen Orten, das Glück, früh Förderern aufzufallen, die ihre Talente erkannten und die ihnen neue Wege eröffneten: Schule und Gymnasium und Studium. Beide nutzten diese Chance, beide wurden Aufsteiger.

Wenn auch nicht so geradlinig, wie es Aufsteigerlegenden gerne wollen. Das galt besonders für Mohr. Zum Priester geweiht, kam er 1817 nach Oberndorf. Die spätere Hagiographie hat ihn gerne als einen outlaw gezeichnet, der in den Kneipen saß, mit den Ärmsten soff, unzüchtige Lieder sang und es gar mit Frauen trieb. Gesichert daran ist nur dies: Er achtete die kirchliche Obrigkeit nicht über alle Maßen – was ihm, mehr als einmal, die Denunziation einbrachte, ihm fehle der „nöthige Subordinationsgeist“. Wahr ist wohl, dass er zu seiner Gemeinde, zu seinen Schäfchen stand. Nachdem er 1819, auch auf kirchlichen Druck hin, Oberdorf verlassen hatte, folgte ein kirchliches Nomadenleben von Gemeinde zu Gemeinde, was wohl darauf hinweist, dass Mohr kein Talent hatte, sich in Hierarchien einzuordnen. Am Ende landete er als Vikar in Wagrain, wo er bis zu seinem Tod 1848 blieb. Und zwar durchaus als das, was man heute einen Modernisierer nennt. Er setze einen Schulneubau in Gang, gründete einen Ausgleichsfonds für Kinder mittelloser Eltern, damit diese die Schule besuchen können. Er förderte die Feuerwehr, rief einen Kirchenchor ins Leben. Ein später gegründetes Armen- und Altersheim ging auf seine Initiative zurück. Joseph Mohr, der es lange schwer gehabt hatte und der wie ein armer Tropf anmutete, war ein früher, sehr aktiver Held der Zivilgesellschaft. Auch Gruber, der weniger Anstößige der beiden, hatte öfters Probleme mit seinem Dienstgebern und wechselte deswegen mehrfach seine Stellen.

Wie die Autoren des Liedes aus den herkömmlichen Rollen fielen, so war auch seine Verbreitung ungewöhnlich – und modern. Nicht Sesshafte, sondern Wandernde brachten es in die Welt. Etwa die Tiroler Geschwister Strasser. Die Familie handelte mit Handschuhen, Bettwäsche, Unterwäsche und „elastischen Leibbinden“. Sie tat das nicht stationär, sondern wanderte mit ihren Waren von Ort zu Ort. Um auf Märkten und Messen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, trugen die Angehörigen der Familie „Tyroler Lieder“ vor. Eines davon war „Stille Nacht, heilige Nacht“. Als sie das Lied 1831 auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt sangen, schlug es das Publikum und die Geistlichkeit der Stadt in den Bann. Das protestantische Leipzig wurde zur Relaisstation, die das im katholischen Salzburger Land entstandene Lied in die Welt schickte. Und für die Familie Strasser wurde aus der Neben- die Hauptsache: Die Geschwister gaben den Handel auf und zogen fortan als erfolgreiche Gesangsgruppe durch ganz Europa. „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde auf dem damals modernsten Wege der Massenkommunikation zum Schlager. Gerade das bereitete wohl seinem unvergleichlichen Erfolg den Weg: Es war und ist auf fast vollkommene Weise archaisch. Und es ist – kaum merklich, aber faktisch – sehr zeitgenössisch.

Das beweist nicht zuletzt der Inhalt. Obwohl in katholischem Milieu entstanden, huldigt das Lied nicht dem Marienkult. Es ist egalitär: Maria und Joseph sind, so die Originalversion, „das traute heilige Paar“: keine Hierarchie zwischen dem Schreiner und der Auserwählten. Auch ist der universalistische Impuls nicht zu übersehen (der im Übrigen die Nationalsozialisten bewog, den Text des Liedes – erfolglos – durch völkische Neudichtungen zu ersetzen): Die heilige Nacht hat der Welt Heil gebracht. Und um dieser Aussage Nachdruck zu geben, heißt es zwei Strophen später, dass der Herr „aller Welt Schonung verhieß“. Das Lied besaß keine Eignung, im Zeitalter des fulminant aufsteigenden Nationalismus zu dessen Zwecken benutzt zu werden. Es war und ist ein Friedenslied, ein Lied der Hoffnung, dass der Krieg nicht das letzte Wort der Geschichte sein müsse. Das reflektiert die Ursprungszeit des Liedes. Als es entstand, waren die napoleonischen Bedrängungen des Salzburger Landes noch nicht lange vorbei. Wie auch nicht die katastrophale Hungerkrise von 1816. Alles war in Unordnung geraten, und „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ist auch ein Ausdruck des sehnlichen Wunsches, es möge eine neue, eine bessere Ordnung kommen.

Diese sollte man sich freilich nicht allzu fortschrittlich vorstellen. Denn im Grunde schlägt das Lied dem damals offiziellen Geist im Fürsterzbistum Salzburg ein Schnippchen. Dort war lange Hieronymus Graf von Colloredo Fürsterzbischof gewesen – ein Reformer, ein Anhänger der Aufklärung, ein erklärter und energischer Feind der alten Volksbräuche. So untersagte er, sehr zum Verdruss der Gläubigen, Wallfahrten, verbot die weihnachtlichen Krippen in den Kirchen und ordnete an, dass die Fronleichnamsprozessionen fortan ohne Prunk durchzuführen seien. Und auch ins kirchliche Liedgut griff er ein. Die in der Kirche gesungenen Lieder mussten fortan deutsche, nicht mehr lateinische Texte haben. Das Volk sollte sie verstehen können, mehr noch: Es sollte sich rational mit dem Glauben auseinandersetzen. „Stille Nacht, heilige Nacht“ folgt diesem Dekret ganz brav. Melodie und Text sind – zumindest auf den ersten Blick – einfach, jeder kann die Aussage verstehen. Doch zugleich gibt es kaum ein anderes Lied, das die Schleusen einer durchaus weltabgewandten Innerlichkeit so weit geöffnet hat wie „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Die bessere Ordnung, die das Lied beschwört, ist keine belebte, sondern eine Ordnung der Ruhe. Das musikalisch einfache Lied ist als Hirten-, als Wiegenlied angelegt. Die jeweils ersten Silben der Zeilen mit der punktierten Achtelnote stoßen gewissermaßen die Wiege an. Der Ton ist der lieblich-wiegende, der aus dem barocken Siciliano stammt. Aber gar so lieblich sollte man sich das Ganze nicht vorstellen. Denn die Ruhe, von der die Rede ist, hat auch etwas Drohendes. „Alles schläft“, „einsam wacht“, „schlafe in himmlischer Ruh“: Das Motiv des tiefen Schlafes, des erlösenden Schlafes, des Vergessen verheißenden Schlafes ist allgegenwärtig. Dieser Schlaf ist ein Schlaf, der nicht enden soll, ein Ausstiegsschlaf. „Stille Nacht, heilige Nacht“ feiert in Text wie Melodie die christliche Rettungsbotschaft, die das Diesseits ebenso würdigt wie das Jenseits. Zugleich ist es aber, wider Willen, ein Lied des Verzweifelns, der Sehnsucht nach dem rettenden Tode, nach dem ewigen Schlaf: ein Todeslied. Gut möglich, dass es wegen beidem – wegen seines Strahlens und wegen seiner Düsternis – bis heute einen so unvergleichlichen Erfolg hat.

Quelle: Thomas Schmid

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Niema Movassat, Andrea Nahles, Peter Hausmann.

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