Ich habe erkennbar keine Mehrheit"

Thomas Schmid9.01.2018Politik

Cem Özdemir hat dieser Tage aufs Schönreden verzichtet. Er hat zugegeben, dass er aus strömungsgeographischen Gründen keine Chance hat, das Amt des grünen Fraktionsvorsitzenden zu bekommen, das ihn gereizt hätte.

Es gehört zur Jobbeschreibung von Politikern, dass sie die Fähigkeit besitzen müssen, Fehlschläge und Niederlagen wenn nicht in Erfolge umdeuten, so doch schönreden zu können. Das wird gerne kritisiert, ist aber unvermeidlich. Da Politiker heute nun einmal unter ständiger öffentlicher Beobachtung stehen, scheint es ihnen aus guten Gründen ratsam zu sein, keine Schwächen erkennen zu lassen. Denn der souveräne und auch der aufgeklärte Wähler hängt oft genug noch immer an der alten, aus monarchischer Zeit übrig gebliebenen Vorstellung an, ein Politiker müsse alle Dinge stets im Griff haben. Etliche Politiker übertreiben es gewiss mit dem Schönreden. Dass sie aber schönreden, sollte man ihnen nicht allzu lauthals vorwerfen. Das Schönreden gehört zum bitteren Brot der Politik.

Cem Özdemir hat dieser Tage aufs Schönreden verzichtet. Er hat zugegeben, dass er aus strömungsgeographischen Gründen keine Chance hat, das Amt des grünen Fraktionsvorsitzenden zu bekommen, das ihn gereizt hätte. Er sagte im Interview mit der FAS ohne Schnörkel: „Ich habe erkennbar keine Mehrheit. Das muss ich akzeptieren.“ Das ist in dieser Eindeutigkeit, die keine Hintertüren offen lässt, eine für einen Politiker ungewöhnliche Äußerung. Es geht eine Gelassenheit im Verlieren von ihr aus, die aufhorchen lässt.

Der scheidende Parteivorsitzende hat einen langen Weg hinter sich. Noch jung, hat er – passend zu den grellen Zeiten der Grünen – ziemlich dick aufgetragen und die deutsch-türkische Karte, die er als einziger der Partei in der Hand hielt, ziemlich hemmungslos ausgespielt. Und dabei lustvoll, fast prahlerisch sein Schwabentum ins Schaufenster gestellt. Türkischstämmig und Schwabe und links und realpolitisch und hübsch: Das war schon etwas. Scheinbar mühelos wurde er prominent. Dann kam ein zeitweiliger Absturz, der wohl vor allem damit zu tun hatte, dass er sich an sich selbst begeisterte und es demonstrativ toll fand, oben angekommen zu sein. Er beging den Fehler, sich mit einem windigen finanziellen Unterstützer einzulassen, der nicht aus Freundlichkeit half, sondern solche Zuwendungen als Gaben verstand, die Reziprozität erheischen.

Für manchen Politiker hätte so etwas das Aus bedeutet. Özdemir aber war entschlossen, nicht im Aufzug wieder nach unten zu fahren. Er ging ins Ausland und in sich. In gewisser Weise erfand er sich neu. Auch wenn er das Bedeutungsgehabe nie ganz aufgab, wurde er präziser und gab die allwissende Anklagegeste, die vielen Grünen zur Natur geworden ist, weithin auf. Er setzte sich der Tatsache aus, dass die Bundesrepublik – anders als es grünen Programmen zu entnehmen ist – ein ziemlich gut eingerichtetes Gemeinwesen ist. So wurde er zu einem realen „Realo“.

Dass er jetzt vorerst den politischen Löffel abgeben muss (es sei denn, in seiner Heimat blüht ihm eine Zukunft), ist schade. Es gibt wenige Politiker, die so nachhaltig gewachsen und – die altväterliche Vokabel passt in diesem Fall dann doch – gereift sind. Dennoch ist es vielleicht sein Glück, dass er jetzt an die gläserne Decke gestoßen ist. Als über Jamaika verhandelt wurde, trat sein Ehrgeiz wieder mächtig zu Tage. Nicht so krass zwar, wie in den Tagen von Stuttgart 21, als er sich aufgeregt als Protestler einfliegen ließ. Aber man merkte eben doch, dass sein Griff aufs Auswärtige Amt von haptischem Verlangen, vom Gefühl, es stehe ihm, dem arrivierten Deutsch-Türken, nach all den Mühen ein Staatsamt nun endlich zu, nicht frei war. Er sollte womöglich auch ein wenig froh sein, dass Christian Lindner ihn von der Versuchung befreit hat, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Denn als er sich auf den letzten Metern zum Staatsamt fühlte, hat er doch wieder zu selbstgewiss, zu dozierend, zu sehr als Deutschlands türkischstämmiger Oberlehrer agiert. Zu sehr als der, der sich beauftragt fühlt, den Deutschen die staatspolitischen Leviten zu lesen. Das Amt des Außenministers hätte es ihm leichtgemacht, in dieser Disziplin zu brillieren – Sigmar Gabriel führt ja zurzeit fast stündlich vor, dass man auf diesem Gebiet allzu schnelle Siege erringen kann.

Vielleicht ist es eine kleine List der Geschichte, dass Cem Özdemir die Erfüllung seines Traums diesmal verwehrt wurde. Man darf gespannt sein, welchen Weg er nun einschlagen wird. Es könnte, wie es aussieht, einer ins Offene werden. Am nachhaltigsten wächst man an Niederlagen.

Quelle: “Thomas Schmid”:http://schmid.welt.de/2018/01/08/cem-oezdemir-oder-das-glueck-des-scheiterns/

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