Die Politik und der SPIEGEL

von Thomas Schmid16.11.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Donald Trump als Feuerschweif auf dem Cover, der auf die Erde zurast und sie verschlingt. Apokalyptischer Knalleffekt-Journalismus statt Aufklärung! Der SPIEGEL ein “Sturmgeschütz der Demokratie”? Mitnichten meint Thomas Schmid und seziert den SPIEGEL-Journalismus.

Das aktuelle Cover des „Spiegel“ ist wegen seines apokalyptischen Furors vielen unangenehm aufgestoßen. Zu Recht. Trump als übergroßer Feuerschweif kurz vor dem Aufprall auf dem Globus, vor dem Verschlingen des Globus, der Weltuntergang steht vor der Tür. Mancher, der von dieser Hemmungslosigkeit geschockt war, warf besorgt die Frage auf, ob der „Spiegel“ nun auch vollends auf Knalleffekte setze und damit sein Hauptgeschäft, das Hinterfragen und Aufklären, verrate, zumindest aber hintansetze.

Nein, das ist kein Bruch. Wie es auch nicht angemessen wäre, das Blatt als ein Organ des Hinterfragens und Aufklärens zu verstehen. Das war es noch nie. Zweifellos hat der „Spiegel“ große Verdienste, die nach ihm benannte Affäre ist eines der wichtigsten davon. Rudolf Augstein hat mit der Gründung des Blatts schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Versuch unternommen, den kritischen, respektlosen, vor keinem Thron erzitternden Journalismus angelsächsischer Art in Deutschland zu etablieren. Er hat den Regierenden nicht pauschal geglaubt und war stets bemüht, den Mächtigen dort in die Parade zu fahren, wo sie schummeln, lügen, verbergen und das Publikum hinters Licht führen.

Von wegen “Sturmgeschütz der Demokratie”

Das ist allseits bekannt, und es ist ehrenwert. Soll man deswegen aber das Blatt das „Sturmgeschütz der Demokratie“ nennen? Diese von vielen als Ehrentitel gemeinte Charakterisierung führt in die Irre. Nicht nur deswegen, weil es etwas seltsam ist, eine zivilgesellschaftliche Aufgabe wie die journalistische als militärische Aktion zu beschreiben. In einer Hinsicht trifft die Metapher jedoch einen Kern der Sache. Denn als Dauerbeschuss kann man – zumindest dort, wo es um Politik geht – schon beschreiben, was der „Spiegel“ betreibt und betrieben hat, und zwar von Anfang an. Seit den frühen Tagen, in denen bekanntlich einige nicht gerade niedrigrangige ehemalige Nationalsozialisten in dem Blatt einiges zu sagen hatten.

Politiker stehen unter Generalverdacht

Worum es mir hier eigentlich geht, ist etwas ganz Einfaches. Im „Spiegel“ hat sich die Geste des Politik- und Politikerentlarvens früh verselbständigt – man kann es in den alten Ausgaben Seite um Seite nachlesen. Es herrschte und herrscht ein Generalverdacht gegen Politiker. Nicht nur, dass sie uns hinters Licht führen. Vor allem gilt fast immer und überall: Sie können es nicht. Sie sind unfähig, ahnungslos, tölpelhaft, gierig, korrupt, verschlagen, provinziell: Die Litanei ließe sich fortsetzen. Natürlich git es solche Politiker. Es gibt aber auch andere, bessere, verantwortungsvollere. Letztere stellen die Mehrheit, und nicht zuletzt das hat zum nachhaltigen Erfolg der Bundesrepublik Deutschland beigetragen. Liest man jedoch quer durch die „Spiegel“-Ausgaben der vergangenen sieben Jahrzehnte, dann muss man den Eindruck bekommen, es handle sich um eine beispiellose Geschichte des Misserfolgs, des Scheiterns, des Verfehlens des demokratischen Ziels.

Die Misstandsfokussierung delegitimiert die Politik

Natürlich hat der „Spiegel“ recht, wenn er Missstände aufdeckt. Diese ergeben aber nicht das ganze Bild. Das Blatt macht sie aber notorisch zum ganzen Bild. Das schwierigste journalistische Fach – das Berichten über das Gelingen – findet beim „Spiegel“ kaum statt. Das hat zwei ungute Folgen. Mit seiner Fokussierung auf die Fehler im System trägt das „Sturmgeschütz der Demokratie“ beim Publikum kräftig dazu bei Politik zu delegitimieren. Im Namen der Aufklärung hat der „Spiegel“ den Generalverdacht gegen Politik und Politiker genährt: schmutziges, undurchsichtiges Geschäft. Hohle Phrasen, hinter denen sich dunkle Machenschaften verbergen. Der „Spiegel“ hat seiner Leserschaft die Überzeugung eingeflößt, dass man Politikern im Grunde nie trauen kann. Tatsächlich aber kann man vielen von ihnen trauen. Und sie machen einen guten Job – auch weil sie sich auf eine Heerschar guter Beamter und gut gefügte Institutionen stützen können.

Der SPIEGEL-Stil: Wegbereiter des Selbstermächtigungsjournalismus

Das leitet unmittelbar zur zweiten unguten Folge über. Wenn die Politik so miserabel und die Teufelskerle aus Hamburg so ungeheuer auf Draht sind, dann wissen sie wohl, wie’s besser zu machen wäre. Mehr noch: Im Laufe der Jahrzehnte hat der „Spiegel“ seinen Lesern beigebracht, dass Politik eigentlich etwas ganz Einfaches ist – wenn nur die Fähigen zum Zuge kommen. Der „Spiegel“ betreibt eine konsequente Reduktion von Komplexität. Dass die Politik wie der Mensch ein krummes Holz ist, aus dem kaum etwas Gerades geschnitzt werden kann, dass Politik in der Klemme von Dilemmata, Prioritäten, Zufällen und schlicht Ereignissen steckt – das kommt in der „Spiegel“-Welt nicht vor. Diese ist daher politisch äußerst schlicht. Der Leser muss sich denken: Käme ich nur ran, ich könnte es besser. Ganz unschuldig ist das Blatt nicht daran, dass Elite fast schon zum Schimpfwort geworden ist.
Und schließlich: Der „Spiegel“ hat in jahrzehntelanger Arbeit mit den Boden für das bereitet, was seit ein paar Jahren – auch durch die „sozialen Medien“ – im Kommen ist: für die ungute politische Selbstermächtigung eines Teils des Journalismus selbst.

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