Anvisiert

von Thomas Ramge10.01.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die schönsten Formulierungen aus Gesprächen mit Entscheidern. Teil 10: Targeting.

„So langsam wird es ernst“, sage ich zum Geschäftsführer Kreation der Agentur, die bei digital im Lead ist. Und bemühe mich, nicht zu ernst dabei zu klingen. „Genau. Und wir sind gut aufgestellt“, sagt der Geschäftsführer Kreation. „Wir können mit der Kampagne sozusagen von heute auf morgen live gehen.“

„Was heißt sozusagen?“, frage ich. „Es fehlt noch die Einbindung des Contents, vor allem der TV-Ads“, sagt er. „Aber wir haben ausreichend Media dafür geblockt.“ Er schaut sich um. Offenbar sucht auch er nach Kaffee. Er findet keinen und wendet sich mir wieder zu. „Aber offen gesagt: Beim Bewegtbild-Content ist Ihr Unternehmen noch in der Bringschuld. Das können wir erst machen, wenn die TV-Ads vorliegen und entschieden wurde, wie viel Budget wir haben, um sie auf Seiten mit hohem Traffic aus der Zielgruppe auszuspielen.“

Da hat er recht. Leider. Mir fällt auf die Schnelle auch kein Weg ein, wie ich den schwarzen Peter zurück an die Agentur spielen kann. „Lassen Sie uns doch bitte alles noch einmal systematisch durchgehen. Entlang der klassischen Costumer Journey“, sage ich. „Gerne.“ Er streichelt das iPad vor ihm auf dem weißen Konferenztisch. Der Flatscreen an der Wand auf der gegenüberliegenden Seite springt an und wir sind direkt auf dem Übersichts­chart zur Kampagne. Mist, der ist besser vorbereitet als ich. Wenn die Agentur versagt, fällt es diesmal auf mich zurück.

Es wird langsam ernst.

Das Chart zeigt einen klassischen Salesfunnel. Und daneben die Marketingmaßnahmen, die wir in den ersten Runden bereits abgestimmt hatten. „Bei der Brand-Awareness müssen wir uns bei der Dachmarke der Konzern AG keine ­Sorgen machen. Eher mit den Marken-Sympathie-Werten“, setzt der ­Geschäftsführer Kreation an. „Konsens“, sage ich nickend. „Völlig unabhängig davon, wie viele Branding-Spill-over-­Effekte wir aus Klassik bekommen: Wir werden auch mit reinen Online-Branding-Maßnahmen weit kommen. Sie kennen unsere Empfehlung!“

Ich nicke. „TV-Spots halbieren. Auf Print und Radio ganz verzichten. Alle frei werdenden Budgets in Display-Werbung, AdWords und Social Media“, wiederholt er zur Sicherheit. Ich nicke immer noch und sage: „Das ist bei uns inzwischen ebenfalls Konsens.“ „Sehr fein“, sagt er. „Dann gehen wir also wie folgt vor. Wir binden die TV-Ads als Content großflächig in die Banner auf allen wichtigen Nachrichten- und Lifestyle-Plattformen ein, allen voran Bild.de, SpOn und Gala.de.“ Sehr gut. Vorstandsbuchungen. Dann sieht das auch die Frau vom CEO, denke ich.

Er nimmt den Laserpointer, der neben der Tastatur liegt, und kreist mit dem roten Punkt rund um das gelbe Dreieck mit Leads. „Hier auf den mittleren Ebenen der Customer Journey werden wir natürlich stark mit Preis-Suchmaschinen-Optimierung arbeiten. Und auch mit Targeting und Retargeting. Ein Großteil auf Real-time-bidding-Basis.“

Ich nicke. Und sage: „Target the target!“ Ich muss los. Schließlich wird es langsam ernst. Ernsthaft. Bingo.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu