Betriebsblind

von Thomas Ramge6.10.2014Gesellschaft & Kultur

Die schönsten Formulierungen aus Gesprächen mit Entscheidern. Teil 9: „Sichtbarer werden“.

Unser neuer Chef, also der alte E3er, hat in nur sechs Wochen „seine Wetterfestigkeit unter Beweis gestellt“. Das hat der Marketingvorstand angeblich genau so gesagt. Und zwar zum CEO. Es ist wirklich erstaunlich, wie sich die Dinge entwickelt haben, seit mein alter Chef, E2, weg ist. Manche sagen auch: weg vom Fenster. Es heißt, er habe seinen Cortisol-Zyklus wieder im Griff. Was wohl heißt, dass sein Körper nicht mehr so viele Stresshormone ausschüttet. Ich finde das immer noch alles höchst seltsam. Dieser Typ machte uns allen ständig Stress. Und dann haut ihn der Stress vom Stressmachen selbst um.

Wir sehen unseren neuen Chef, jetzt also auf dem Sprung zu E2, nicht allzu oft. Aber immer, wenn ich ihm begegne, wirkt er extrem konzentriert. Und gleichzeitig gut gelaunt. „Ein Pessimist sieht in jeder Chance die Schwierigkeiten. Der Optimist erkennt in jeder Schwierigkeit die Chancen.“ Das hat er neulich zu mir zwischen Tür und Angel gesagt. Sicher kein Nietzsche. Bestimmt Churchill. Mir schoss in dem Moment durch den Kopf: Man muss Chancen auch endlich mal als Risiken wahrnehmen!

„Ich sehe dich als klaren Perspektivspieler“

Der neue Chef hat auch gesagt, dass aus seiner Sicht ein Feedback-Gespräch mit mir zum jetzigen Zeitpunkt keine vorrangige Dringlichkeit hat. Weil er mich eigentlich auf einem sehr guten Wege sehe. Und ich ja auch deutlich an Sichtbarkeit gewonnen hätte, seit er mir beim Projekt Crossmedia den Lead übertragen hat.

Eigentlich hätte ich lieber das Projekt TV-Kampagne übernommen. Das macht nun Daniel. Shit, aber der ist nun mal E4 und ich nur E5. Aber der neue Chef hat auch noch gesagt: „Um es mal in der Sportlersprache zu sagen: Ich sehe dich als klaren Perspektivspieler.“ Dann musste er ins nächste E1er-Meeting.

Der letzte Satz klang in meinem Kopf noch eine Weile nach. Ich stand verloren im Flur rum und habe mich gefragt: Was bedeutet es eigentlich, wenn ein vier Jahre jüngerer Mann zu einem sagt, du bist ein Perspektivspieler? Ist das nicht ziemlich nahe am ewigen Talent, was ja die Mutter des vergifteten Lobs ist? „Du hast noch nie eine Chance ausgelassen, eine Chance auszulassen.“ Das hat mein alter Fußballkumpel Jens mal zu mir gesagt, die Sau. Ganz falsch ist das natürlich nicht. Das wird sich ändern! Ich werde meine Wetterfestigkeit unter Beweis stellen. Und dabei werde ich noch sichtbarerer werden! Bingo!

*Thomas Ramge beim TedxBerlin über Bullshit in Unternehmen*

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu