Kreative Challenge

Thomas Ramge13.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Thomas Ramge spricht mit Entscheidern. Und freut sich über ihre schönsten Formulierungen. Heute: “Kreative Challenge.“

Es war einer der letzten schönen Abende. Unser Journalistenstammtisch hatte draußen vor dem Bötzow Privat, auf jenen deutlich zu schmalen Bänken hinter den schmalen Tischen entlang der Linienstraße Platz genommen. Zugegeben: Unser Journalistenstammtisch ist ein Ort mit mindestens grenzwertig hoher Bullshitquote. Doch an jenem Abend lernten wir unseren Meister kennen, was wir einem Kollegen am Tisch zu verdanken hatten, der den Meister bereits kannte und mit einem „Grüß Dich, mein Lieber“ seines Weges Richtung Oranienburger stoppte.

Der Meister ist im Hauptberuf „Kontakter“, was per se schon hohe Bullshit-Kompetenz signalisiert, aber in dem Fall konnte der Mann noch auf das Backing einer globalen Netzwerkagentur mit Headquarter in Paris zurückgreifen. Es war kurz vor acht, so dass es durchaus angemessen gewesen wäre, den Lieben mit „Na, halben Tag Urlaub genommen?“ zu begrüßen, was in etwa auf Durchschnitts-Humor-Niveau unseres Stammtisches gelegen hätte. Ich bin nicht sicher, ob die Frage nicht in der Tat so gestellt wurde, denn ich informierte mich am anderen Ende des Tisches gerade über die Bildauflösung der Flip-Kamera eines anderen Jungvaters. Zur Tonqualität kamen wir nicht mehr.

Die Stimme des Kontakters war auch draußen auf der Linienstraße raumgreifend, was seine französischen Kollegen vermutlich als déformation professionelle bezeichnen würden, sodass die Aufmerksamkeit wieder sukzessive an das andere Tischende wanderte. Und dann fiel er, der Satz, wie ihn in dieser Präzision nur Werber hinbekommen: „Diese kreative Challenge nehme ich gerne an, mein Lieber.“ Das n von „an“ und das m von „mein“ waren, wie es sich gehört, phonetisch verwoben, doch das ist ja nur so etwas wie ein spritzerfreies Eintauchen nach doppeltem Salto, doppelter Schraube vom Zehnmeterturm. Ein echter Bullshitter konzentriert sich nicht auf die Form, sondern auf die Inhaltsleere.

Es gibt keine Probleme mehr, nur Herausforderungen

Ich habe an dem Abend nicht mehr erfahren, worin die kreative Challenge konkret bestand, die der junge Mann annahm, aber im Grunde ist das auch nebensächlich. Eine kreative Challenge annehmen! Da lässt sich sehr viel Schönes herauslesen. Erstens: Der Mann hat keine Probleme. Denn es gibt bekanntlich im Business-Kontext schon seit rund zehn Jahren keine Probleme mehr, sondern nur noch Herausforderungen, die sich in den letzen drei Jahren durchweg in Challenges aufgelöst haben. Zweitens: Die Sache mit der Kreativität bleibt auch für Kreative eine harte, wiewohl zu knackende Nuss, an der sich auch ein Deutscher in französischer Leibeigenschaft verbeißt. Dieser Punkt bedarf noch einmal der Detailanalyse.

Es muss irgendwann in den 70er Jahren gewesen sein, als Werber keine Werber mehr sein wollten und wenn sie es schon bleiben mussten, dann wollten sie wenigsten nicht mehr so heißen. Sie schauten sich um, welchen aufwertenden Begriff sie für sich vereinnahmen konnten und wurden, weiß der Teufel warum, bei „schöpferischem Denken“, der Kreativität, fündig. Seitdem ist kreativ, wer in dreißig Sekunden bzw. sieben bis neuen Kameraeinstellungen eine Geschichte erzählen kann, die zu einem signifikanten Vetriebsschub bei Bausparverträgen führt. Noch kreativer ist, wer Menschen in wertvollen Hundertstel Sekunden dazu bringt, das Radio auszuschalten. Eigentlich ist es schade, dass sich die schöpferisch Denkenden den schönen Begriff einfach haben entreißen lassen. Und dass die Neo-Kreativen die Kreativität so fest umklammerten, dass diese keine Luft mehr bekam und jämmerlich erstickte. Die Wiederbelebung der Kreativität unter Ausschluss der Kreativen, mein Lieber, das wäre mal eine echte kreative Challenge. Bingo.

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