Meaning ist das neue Money

Thomas Ramge28.07.2014Gesellschaft & Kultur

Die schönsten Formulierungen aus Gesprächen mit Entscheidern. Teil 8: „Up or out!“

Mein Freund Jan-Friedrich ist Strategieberater. Principal. Es geht ihm nicht gut. Wir sitzen im Green Door. „Ich habe es satt, Blitzableiter zu sein. Oder Eseltreiber. Oder am Ende sogar ein Krankheitsüberträger“, sagt Jan-Friedrich. Da steht sein Drink noch nicht einmal vor ihm. Der Barkeeper schüttelt ihn gerade.

Oha. Beziehungsweise: Wow. McKinsey-Berater können auch bei der Selbstanalyse gnadenlos sein. Ich habe zwar eine vage Ahnung, warum Jan-Friedrich ausgerechnet mich als Sparringspartner für die Suche nach mehr „Meaning“ ausgesucht hat. So wird er es zumindest nach vier Whiskey Sour nennen. Aber dass er so schnell zum Punkt kommt.

300.000 im Jahr

„Äh, wie meinst du das?“, frage ich. Der Barkeeper stellt das Kristallglas mit dezent geschliffenem Karomuster hin. Jan-Friedrich leert die Hälfte in einem Zug.
„Gegenfrage: Was macht ein Berater?“
„Die landläufige Vorstellung wäre: Er berät, weil er sich in bestimmten Dingen besser auskennt.“
„Falsch! Er sucht nach Zahlen, die Entscheidungen schlüssig begründen. Damit meine ich Entscheidungen, die das Management bereits getroffen, aber noch nicht verkündet hat. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, beide sind scheiße. Wenn auch in unterschiedlichem Grad.“
„Nämlich?“
„Option A: Die Entscheidung ist inhaltlich richtig. Aber der Vorstand braucht einen Blitzableiter, an dem sich alle Aggression entlädt. Kein gutes Gefühl, aber damit kann man noch leben und sich denken: ‚Schade, dass der Vorstand kein Rückgrat hat, aber immerhin wird hier nicht grundsätzlich gegen wirtschaftliche Prinzipien verstoßen.‘ Der Berater hat eine Funktion, wenn auch nicht die, für die er offiziell eingekauft wird. Wir kassieren dann im Grunde ein Schmerzensgeld.“ Mein Mitleid ist begrenzt. Jan-Friedrich hat mir mal nach acht Whiskey Sour erzählt, dass er 300.000 im Jahr macht. Ohne Bonus. Ich verkneife mir eine Bemerkung, sondern frage:
„Und was ist Option B?“
„Wenn die Entscheidung inhaltlich falsch ist, bekommen wir eine schlüssig klingende Begründung zwar auch immer irgendwie hingebogen. Aber dann sitzt du im Flieger nach Hause und denkst: ‚Warum bezahlt dich einer dafür, dass du einen Scherbenhaufen hinterlässt?‘ “

Das Leben in drei Dimensionen optimieren

Wir nehmen einen Schluck. Jan-Friedrich fährt fort: „Und außerdem kennen wir uns auch nicht besser aus.“
„Nicht?“
„Nein. Wir haben nur eine aus-geprägte Inkompetenz-Kompensationskompetenz.“
„Hehe.“
„Wir sind verdammt gut darin, uns schnell in irgendein Thema ein-zuarbeiten, und dann Expertentum zu simulieren.“

Er macht sein Glas leer. Ich auch. Jan-Friedrich geht kurz pinkeln. Auf dem Rückweg von der Toilette signalisiert er dem Barmann mit zwei Fingern, dass wir noch sehr durstig sind. Mit etwas Mühe, rutscht er auf den Barhocker, findet sein Gleichgewicht. Sein äußeres. Mit dem inneren sieht es nicht so gut aus: „Verdammte Scheiße. Wir Berater sind doch nur hochbezahlte Klugscheißer. Und das bei maximaler Verantwortungslosigkeit.“
„Und was folgt daraus?“, frage ich.
„Ich muss mein Leben in drei Dimensionen optimieren: Work-Life-Balance, Perspektive und Meaning!“
„Meaning ist das neue Money“, sage ich. Habe ich irgendwo gelesen.
Jan-Friedrich nickt. Dann stürzt er seinen neuen Whiskey Sour runter und legt 100 Euro auf den Tisch. Er steht up. Und sagt: „I am out!“

Bingo!

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