In Deutschland darf man nicht scheitern

Thomas Ramge2.11.2009Wirtschaft

Thomas Ramge spricht mit Entscheidern. Und freut sich über ihre schönsten Formulierungen. Heute: “In Deutschland darf man nicht scheitern.“

Der Workshop war diesmal richtig gut gelaufen. Er hatte fast Spaß gemacht. Und beim anschließenden Get-together hatten fast alle gute Laune. Wir waren so um die 20. Einige kamen aus Hardcore-IT-Firmen, die meisten hatten selbst irgendwelche Webunternehmen hochgezogen oder machten jetzt irgendwie in Social Media, wobei von letzteren keiner so recht hatte erklären können, wie man zumindest theoretisch Geld verdienen kann, wenn man irgendwie in Social Media macht. Die Meute hatte sich nun auf vier oder fünf Stehtische im Foyer verteilt. Der Typ neben mir, der mit dem Cord-Sakko, war im Workshop durch schnelles Sprechen und leicht aggressive Argumentation aufgefallen. Nicht wirklich schlimm, aber eben jenen Tick dominanter als nötig, zumal ja am Workshop ohnehin keine Frau teilgenommen hatte. Am Stehtisch sagte er dann: “Das Schlimme ist: In Deutschland darf man nicht scheitern.“ Er wiederholte den Satz in den nächsten 15 Minuten mehrfach. “In Deutschland darf man nicht scheitern.“ Das sei der wesentliche Unterschied zwischen Deutschland und Amerika. Das zeige sich ja auch im Insolvenzrecht. Das deutsche ruiniere Menschen. In Amerika, ja, da gebe es Chapter 11. Das schütze mutige Entrepreneure vor ihren raffgierigen Gläubigern, die ja bei Investitionen wissen, dass sie ein Risiko eingehen. Chapter 11 sorge dafür, dass der Amerikaner wieder aufstehen kann, wenn er mal auf die Fresse geflogen ist. Eigentlich gehöre es bei amerikanischen Unternehmen zum guten Ton, mal auf die Fresse zu fliegen und wieder aufzustehen, denn genau darin beweise sich ja der Kampfgeist und das Durchhaltevermögen, also die zentralen Qualitäten eines Unternehmers. Der leicht aggressive Schnellsprecher sagte zum Abschluss: “Das Schlimme ist: In Deutschland darf man nicht scheitern.“ Und ging auf’s Klo. Als er nach längerer Zeit zurück kam fragte keiner, ob er erfolgreich war. Zwischendurch war am Stehtisch die Information kursiert, dass der Cordsakko-Mann in vier Jahren sieben Millionen Euro Venture Kapital mit zwei Communitys durchgebracht habe, die beide zu Rohrkrepierern wurden. Jetzt wolle er irgendwie in Social Media machen, fände aber keine Finanzierung. Schlimm, dachte ich. Dann dachte ich länger darüber nach, worin eigentlich der Unterschied zwischen Social Communitys und Social Media genau besteht. Und dann fiel mir noch der Titel eines Buchs des selbstironischen Unternehmensberaters Holger Regber ein. Das heißt: “Scheitern mit Erfolg.“ Zumindest das scheint auch in Deutschland erlaubt zu sein, denn nächstes Jahr soll “Das Scheitern geht weiter“ herauskommen. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber ich habe mir diesen Literaturtipp am Stehtisch verkniffen. Bingo.

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