Da bin ich leidenschaftslos

Thomas Ramge23.10.2009Wirtschaft

Thomas Ramge spricht mit Entscheidern. Und freut sich über ihre schönsten Formulierungen. Heute: “Da bin ich leidenschaftslos.“

Wir hatten den Pitch gewonnen. Das Geld war okay. Alle waren motiviert, ein gutes Ding abzuliefern. Der Auftrag kam von einer öffentlichen Institution. Soviel darf man wohl sagen: Es war ein Ministerium. Ob Bund oder Land lassen wir lieber offen. Es ging um eine längere Broschüre. Eine Kreativ-Agentur hatte die Konzeption übernommen, ich war als Texter gebucht und nun sollten wir drei Vorschläge ausarbeiten.

In den drei Dummys steckte am Ende ordentlich Aufwand. Die Grafikerin sprach gar von Herzblut, was sie oft macht und was in ihrem Fall auch oft vorhanden ist. Ein Konzept war infografiklastig, eines textdominiert, eines mit emotionalen Fotos. Der Geschäftsführer der Agentur präsentierte selbst, zumal vom Referenten, mit dem wir bis dato immer zu tun gehabt hatten, angekündigt wurde: “Der Referatsleiter will persönlich entscheiden.“

Der Geschäftsführer legte genau die richtige Mischung aus Kompetenz und Begeisterung in die Präsi. Er schloss mit: “Unsere Empfehlung ist, da es echtes Emotionalisierungspotenzial gibt, in dem Fall auch mit emotionalen Motiven zu arbeiten und diese durch einen eher plakativen Text zu stützen.“ Der Referatsleiter blätterte noch einmal kurz durch einen der drei Print-Outs und sagte mit genau der richtigen Mischung aus Freundlichkeit und Autorität: “Ich bin da leidenschaftslos.“ Er wollte damit eigentlich sagen: “Ich verstehe davon nichts und tue deshalb so, als ob das nicht wichtig ist.“ Beziehungsweise: “Weil ich davon nichts verstehe, könnte ich eine falsche Entscheidung treffen. Da delegiere ich lieber.“ Beziehungsweise: “Ich habe hier eine echte Ausnahmestellung. Das zeigt sich unter anderem darin, dass ich priorisieren kann, also Wichtiges von Unwichtigem unterscheide. Will heißen: Ich bin, obwohl im öffentlichen Dienst, ein echter Manager. Ihr Typen seid echt unwichtig. Viel zu unwichtig, als dass ich auch nur ein Milligramm meiner wertvollen Emotionen in Eure Broschüre investieren könnte oder wollte.“ Beziehungsweise: “Lasst mich doch einfach in Ruhe mit eurem Scheiß!“ Das hat er alles, bleiben wir fair, nicht gesagt. Er sagte zum Referenten: “Entscheiden Sie das bitte. Ich muss los zum Staatssekretär.“ Es wurde die Variante mit den Infografiken. Wir haben den Job dann runtergerockt. Da waren wir ganz leidenschaftslos. Bingo.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu