Am Ende des Tages

von Thomas Ramge25.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Thomas Ramge spricht mit Entscheidern. Und freut sich über ihre schönsten Formulierungen. Heute: “Am Ende des Tages.“

Wir saßen in einem Workshop in Kreuzberg. Saniertes Fabrikgebäude. Blick auf die Spree. Wir waren acht und sollten dem Venture-Capital-gestopften Gründer einer neuen Social Community sagen, dass sein Launch-Konzept gut ist. Es war nicht so gut, aber das sagte keiner, denn dafür wurden wir schließlich nicht bezahlt. Einer der Teilnehmer kam aus Darmstadt, teilte am Anfang kurz mit, er sei „Marketeer“ und sagte dann den ganzen Tag über ‘am Ende des Tages‘. Zum Beispiel: „Am Ende des Tages kann eine Social Community nur erfolgreich sein, wenn sie am Ende des Tages auch authentisch ist.“ Am Ende des Workshoptages spekulierte der Freund, der mich mitgenommen hatte, ob Darmstädter wegen der räumlichen Nähe zu wichtigen Telekom-Units wie T-Online besonders anfällig für Worthülsen sein könnten. Bis heute fehlen uns diesbezüglich valide Daten.

Am Ende des Tages, in dem Fall ein paar Monate später, stand jedoch fest: Die neue Social Community aus Kreuzberg war am Ende des Tages nicht authentisch. Am Ende des Tages kam irgendwie heraus, dass bezahlte Lockvogel-Studentinnen als erste Mitglieder ihre Profile anlegen sollten und am Ende des Tages fanden das die einschlägigen Blogger gar nicht authentisch und der Launch endete in einer tragischen Todgeburt des eingesetzten Venture Capitals. Womit der Marketeer aus Darmstadt am Ende des Tages mit seinem Am-Ende-des-Tages-Gebrabbel doch irgendwie auch ein stückweit Recht behalten hat. Am Ende des Tages zählt nur am Ende des Tages. Bingo.

Nächste Woche im Bullshit-Bingo: Ein stückweit

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