Ein Stück weit

Thomas Ramge5.10.2009Außenpolitik, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Thomas Ramge spricht mit Entscheidern. Und freut sich über ihre schönsten Formulierungen. Heute: „Ein Stück weit.“

Wir haben diesen Freund Frank. Frank sagt auffällig oft und meist ohne erkennbaren Grund „ein Stück weit“. Ein Stück weit soll ja eigentlich eine Aussage relativieren, abmildern, schon mal eine Schneise für ein Rückzugsgefecht schlagen, falls die Aussage im Diskurs als Bullshit entlarvt werden sollte. Nun nutzt Frank seine Lieblingsformel ein Stück weit auch dann, wenn die Aussage gar nicht relativierbar ist. Zumindest nicht von anderen. Denn er sagt nicht nur und in seinem Fall mit besonders begründeter Vorsicht: „Wir sind ein Stück weit besser geworden.“ Er sagt auch: „Ich habe jetzt schon ein Stück weit Hunger.“

Ein anderer Freund, Stefan, hat beobachtet: „Dieses dämliche ein Stück weit wurde von Gerhard Schröder in Umlauf gebracht.“ Es habe sich dann epidemisch von der Politik über die Verbände in die Kreise wirtschaftlicher Entscheider durchgefressen – und zwar besonders zu den Entscheidern, die wenig bis nichts zu entscheiden haben. Das ist insofern plausibel als es sich mit Franks Biografie ein Stück weit deckt.

Frank kommt aus der Politik, irgendwas mit Bundestag, war danach kurz bei einer Lobbyorganisation tätig und ist dann in die „freie Wirtschaft“ gewechselt. Er arbeitet jetzt in einer großen Abteilung, in der er wenig bis nichts zu melden hat, weil sein Chef eher kleine als große Stücke auf ihn hält. Manchmal sagt er, dass der Wechsel in die freie Wirtschaft ein Stück weit eine Fehlentscheidung war. Das kann nur er selbst wissen. Gesichert scheint, dass wir Frank nicht alleine für die Ein-Stück-weit-Epidemie in der freien Wirtschaft verantwortlich machen können. Und auch nicht den Ex-Kanzler Schröder, der heute in Russland ein Stück weit viel Geld verdient. Und auch nicht Claudia Roth, die mal gesagt haben soll: „Das macht mich ein großes Stück weit betroffen.“

Als Hauptschuldiger bietet sich aus unserer Sicht eher Michael Holm an. Der Sänger. Der mit „Tränen lügen nicht“. Seit Jahren tourt der mit seinem ZDF-Fernsehgarten-Smash-Hit „Ein Stück weit“ durch die ZDF-Fernsehgärten der Republik. In dem Lied geht um Gegensätze, die sich ein Stück weit auch anziehen. In der letzten Songzeile heißt es in melancholischem Rückblick: „Wir beide waren ein Stück weit ideal“. Frank wurde kürzlich von seiner Freundin verlassen. Er hätte es kein Stück weit besser sagen können. Bingo.

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