Erlösungsideologien

Thomas Punzmann30.01.2019Gesellschaft & Kultur, Medien

Igor Schafarewitsch beschreibt in seinem Buch „Der Todestrieb in der Geschichte“ die historische Entwicklung einer sozialistischen, kollektivistischen Selbstlosigkeit, die sich unter dem Deckmantel inhaltsloser Motive tarne. Die Parallelen zu aktuellen Entwicklungen in der EU seien verstörend, meint Thomas Punzmann.

Das Leben ist schön. Aber endlich. Diese Erkenntnis führte sehr früh und zwingend in der Geschichte der Menschheit zur Frage, was denn nach dem Tode wäre. Man half sich, wie eigentlich immer, wenn etwas unklar ist, mit einem gedanklichen Hilfskonstrukt. Das Bekannte nannte man, naheliegenderweise, die materielle Welt und das andere, über das man nur spekulieren konnte, die Geistige. Aber damit begannen die Probleme eigentlich erst. Weiß man in der geistigen Welt, was der Einzelne in der materiellen Welt angestellt hatte? Wie würde das von wem bewertet werden? Wie lange ist unendlich? Fragen über Fragen und die meisten waren dringend und halfen nicht im Geringsten, die Angst vor dem Tode zu mildern.

Der erste Gedanke, den materielle Menschen hier haben, ist der materielle Ausgleich. Doch mit wem sollte man sich wie vergleichen? In einer immer arbeitsteiligeren Welt fand sich jedoch schnell eine Lösung. Bald waren spezialisierte Dienstleister zu Stelle, Seher, Schamanen, Druiden und Priester, die behaupteten über die geistige Welt Bescheid zu wissen. Sie gaben sogar an, mit dieser jenseitigen Welt in Kontakt zu stehen und würden gerne gegen eine Gebühr – eigentlich mehr eine Aufwandsentschädigung – helfend und vermittelnd tätig werden.

Mit dieser individuellen, liberalen Art der Schuldbewältigung waren aber nicht alle zufrieden. Diese Unzufriedenen dachten darüber nach, wie sie ihr Geld sparen könnten und trotzdem in den erhebenden Genuss der moralischen Erlösung gelangen könnten. Sie kamen auf eine Methode, die verblüffend einfach und bis heute erfolgreich ist: Den Kollektivismus. Sie dachten nicht an sich, sondern an alle, genau gesagt an die anderen. Deren Eigentum würde zum gemeinsamen Eigentum, über das sie, die Kollektivisten, selbstverständlich zum Wohle aller, verfügen würden. Familien und Religion würden auch nicht mehr gebraucht, denn auch hier übernähme das Kollektiv, also wieder sie, diese Aufgaben. Geplant würde das alles von einer Elite von Wenigen, niemandem Rechenschaft schuldenden Allwissenden, die im Vorhinein bestimmten, wer wann was bekäme und täte. Das Paradies, die Erlösung war jetzt zum Greifen nahe. Damit waren schon die ersten moralischen Pluspunkte gewonnen. Ein neuer Typus Mensch würde geschaffen werden und mit ihm eine bessere Welt.

Aber wie denkt man nun an andere? Nun man wünscht sich, dass es ihnen gut geht. Gut geht es ihnen aber nur, wenn sie nicht machen, was schlecht für sie ist. Und das erreicht man durch Erklären. Man erklärt es geduldig und immer wieder. Reicht das nicht, erklärt man es noch besser und sollte das auch nicht reichen greift man zum Zwang. Denn der Mensch ist oft beratungsresistent und da gerät auch professionellste Indoktrinierung schnell an ihre Grenzen und das Wohlergehen der anderen ist ja nun alternativlos. Genügt das alles nicht, geht man auch gerne weiter. Bis zum Ende, dem physischen Ende der anderen. Ihr Eigentum hat man ja bereits.

Igor Schafarewitsch beschreibt in seinem Buch „Der Todestrieb in der Geschichte“ die historische Entwicklung dieser sozialistischen, kollektivistischen Selbstlosigkeit. Er beginnt bei den Gnostikern, Manichäern, Paulizianern und Bogomilen, beschreibt die Gewaltorgien der Hussiten, Katharer, Albingenser, sowie der Wiedertäufer und spannt den Bogen bis zu den schrecklichen kollektivistischen Experimenten des 20. Jahrhunderts. Er beschreibt, was all diesen Erscheinungen gemeinsam ist: Kein Eigentum, keine Familie, keine Religion und statt individueller Freiheit, Plan- und Zwangswirtschaft und das alles unter dem wunderbaren inhaltsleeren Motto der Gleichheit.

Für den heutigen Leser sind die offensichtlichen Parallelen zu den aktuellen Entwicklungen in der EU verstörend.

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