Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie. Erich Kästner

Den König spielen immer die Anderen

Diese alte Theaterregel sagt was jeder weiß: Bilder, ganz besonders bewegte, sind mächtiger als Worte. Über viele Jahre wurde uns Merkel, die, wie Mr. Chance in Hal Ashbys´ Satire „Welcome Mr. Chance“, meistens wenig kongruente Sätze spricht, als behutsame, allseits geschätzte, gerechte, weise und das Ganze bedenkende Herrscherin präsentiert.

Gezeigt wurde sie mit den Mächtigen dieser Welt, begleitet von einer Heerschar diensteifriger Untergebener. Seht her sagten diese Bilder: Hier ist der König. Laut Forbes war sie die mächtigste Frau der Welt. Für die hiesige freie Presse sogar die „Führerin“ der freien Welt.

Nach 2015 wurde es schwieriger diese Form der Bildgestaltung aufrechtzuerhalten. Frisch gewählte europäische Regierungschefs verweigerten zunehmend die Unterwürfigkeitsgesten bei europäischen oder bilateralen Treffen und zwangen so die Bildgestalter zu immer überzeichneteren Darstellungen. Eine wirkliche Katastrophe, beim „Wir-zeigen-die-Königin“, war jedoch der Besuch beim frisch gewählten Präsident Donald Trump in den USA im Frühjahr 2018. Den auch dort weiß man um die Bedeutung von Bildern. Die deutschen Fernsehanstalten berichteten live und übernahmen, wohl ohne nachzudenken, die amerikanische Übertragung. Das Ergebnis war katastrophal für Merkel. Mit hilflosem Gestammel versuchten die Kommentatoren des öffentlichen und privaten Fernsehens, die um die Unterlegenheit des Wortes wissen, die Aussagen dieser demütigenden Bilder umzudeuten. Sie erreichten das Gegenteil und steigerten so die für Merkel verheerende Wucht des Gezeigten. Der Kontrast zur Darstellung des Besuchs, des wenige Tage vorher wie ein Sonnenkönig empfangenem französischen Präsidenten Macron, potenzierte diese Wirkung.

Die zuletzt gezeigten Bilder von Wahlverlieren der eigenen Partei oder Regierung, die ihren Zorn auf Merkel, als tatsächliche Ursache ihres gerade erlebten Debakels, nur noch für alle erkennbar unterdrücken können, sind nun als die „Den-König-Darstellenden“ nicht mehr zu gebrauchen. Um das Bild der großen und weisen Herrscherin weiterhin glaubhaft zu erzeugen, bräuchte es entsprechend bedeutende Mitspieler. Wenn nur mehr Lakaien dazu bereit sind, schafft es die Handlung nicht mehr, die Aufmerksamkeit des Zusehers zu fesseln. Dann fallen diesem die löchrigen Kulissen auf, und als nächstes die äußerst unerfreuliche Wirklichkeit und er sieht das schlechte Spiel unterdurchschnittlich begabter Komparsen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oskar Lafontaine, Herbert Ammon, Herbert Ammon.

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