Vom ewigen Ende der Welt

von Thomas Punzmann2.03.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Das Ende der Welt fasziniert und ängstigt die Menschen, seit sie auf der Erde leben. Aber erst mit der Möglichkeit, es auch zu formulieren, konnte ein Geschäft daraus werden.

Durch gigantische Fenster, in den spektakulär terrassierten Sälen des Restaurants am Ende der Welt, in Douglas Adams´s Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, konnte man, mittels Zeitreise, das Ende der Sonnensysteme beobachten. Auch das des Eigenen. Die Plätze waren jeden Abend ausgebucht und auf den unterirdischen Parkplätzen standen Raumschiffe von jedem Ort und aus jeder Zeit des Kosmos. Der Clou des Geschäfts war, dass man das erregende Schauspiel der explodierenden Supernovas, der Zeitmaschine sei Dank, jeden Abend neu erleben konnte.

Das Ende der Welt fasziniert und ängstigt die Menschen, seit sie auf der Erde leben. Vielleicht auch schon früher, aber erst mit der Möglichkeit, es auch zu formulieren, konnte ein Geschäft daraus werden. Die Vorstellung des Endes war und ist unerfreulich. Dafür eventuell verantwortlich zu sein, ist noch unerfreulicher. Aber genau dieser direkte Zusammenhang zwischen dem Fehlverhalten Einzelner oder dem von Gruppen wurde von selbsternannten Vermittlern behauptet und sophistisch bewiesen. Höhere Wesen, vom Menschen enttäuscht, so die damalige Darstellung (heute ist das höhere Wesen die Natur), hätten jetzt die Faxen dicke und würden den Spaß deshalb beenden. „Willst Du diese gewaltige Schuld etwa auf Dich nehmen?“ werden die Übeltäter von den sich moralisch “Überlegend-gebenden” gefragt. Das schlechte Gewissen ist erzeugt und den Zerknirschten werden Wege aufgezeigt, wie das Unheil in letzter Sekunde doch noch abzuwenden wäre. Buße muss sein und als Zeichen, dass man es wirklich ernst meint, sollte die Buße materiell unterlegt sein.

Im Abendland übernahmen das Erzeugen von schlechtem Gewissen bald, als Träger des Wissens und der Kultur, die Mönche mit ihren Institutionen, den Klöstern. Idealistischem Beginnen folgten durch die große Nähe zur Macht pragmatische Anpassungen. Junge Idealisten kamen nach und forderten vehement Reformen, meist mit der Begründung, die überlieferten, unangreifbaren göttlichen Texte als Erste richtig gelesen und daher natürlich auch als als Erste richtig verstanden zu habn. Den Clunizensischen Reformern des 10. Jahrhunderts folgten im 11. und 12. die Zisterzienser, diesen wiederum im 13. Jahrhundert die Bettelmönche der Franziskaner, Dominikaner und Augustiner. Während die ersten beiden noch, direkt oder indirekt durch Ausbeutung von Bauern, selbst für sich sorgten, war das bei den Bettelmönchen, die sich in Städten niederließen, nicht mehr möglich.

Abhilfe schuf hier die Abrundung des Geschäftsmodells: Das kommende Ende der Welt wurde in schreienden Farben an die Wand gemalt, Änderungen des Verhaltens angemahnt und die Möglichkeiten geschaffen, sich durch Zahlung angemessener Beträge von dieser Schuld temporär, ganz oder teilweise freizukaufen. Der Ablaßhandel war institutionalisiert. Die Verbindung von Idealismus und Zynismus hatte, wie schon so oft, triumphiert. Auch hier stand aber idealistischem Beginnen ein pragmatischer Verlauf gegenüber, (Zahlung wurden bald nicht nur für dieses Leben angeboten, sondern, auch, und hier muss man die Innovationskraft bewundern, für das Kommende) die dann junge Idealisten wieder zum drängenden Ruf nach „Reformen“ veranlasste.
Einer dieser jungen Reformer war der Augustiner Martin Luther, der eigentlich, nur zeitlich verzögert, zum Kampf gegen seinesgleichen aufrief. Seine alles überstrahlende Po
pularität und seinen Ruhm verdankt er allerdings weniger der Tatsache, Reformen gefordert und durchgesetzt zu haben, sondern der, dass eine bedeutende Partei in einem kontinentalen Machtspiel in ihm eine äußerst wirksame Waffe erkannte, um den Feind, hier die Habsburger, richtig zu ärgern. Der Aufwand an Werbung, der damals betrieben wurde, um dieser Waffe die nötige Schärfe zu verleihen, wirkt noch heute nach.

Aber auch in der Welt des Ablasses gelten die Regeln des Kapitalismus von Angebot und Nachfrage. Zwar muss nichts materiell erzeugt oder geschaffen werden, ideell jedoch sehr wohl. Und so müssen sich Institute,wie die Kirchen, die schon länger hier sind, immer wieder gegenüber neuen Wettbewerbern, die noch nicht so lange hier sind, behaupten. Diese wollen agressiv mit innovativen Weltuntergangsfantasien neue Zielgruppen schaffen bzw. alte erobern. Neue Methoden der immer beliebten und bewährten Endzeitbegeisterung sind z.B. Waldsterben, Ozonloch, CO2, Klimawandel, Folgen des Imperialismus und im deutschen Sonderfall (den es für Deutsche selbstverständlich immer geben muss) die Wiedergutwerdung. Angeboten werden Aufschub, Abmilderung, eventuell sogar Verhinderung. Die Zahlung erfolgt auch heute noch direkt durch Spenden und Überschreibungen oder indirekt durch Akzeptanz von Steuern und Preisaufschlägen (EEG, CO2-Aufschläge). Die meisten Institutionen auf dem Ablassmarkt werden aber direkt vom Staat (Kirchen und deren Organisationen) oder durch Forschungsgelder (Klimainstitute) bezahlt. Für andere (oft Vereine) hat der Staat zur Finanzierung spezielle Abmahnmodelle erfunden, um nicht freiwillig Zahlungswillige dazu zu zwingen.

Das Geschäft wird heute industriell betrieben. Es ist ein einträgliches Geschäft. Stars wie Margot Käßmann, die eine Moraldichte und Moralreinheit erreichen, um die sie selbst Savonarola beneidet hätte, leisten im Erzeugen von schlechtem Gewissen zusammen mit einer perfektionierten Propaganda Unglaubliches.

Wer hier an vorderster Front des moralischen Kampfes steht, wird mit nur einer Moral nichts ausrichten. Die Doppelmoral ist hier zwingend.

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