Der Mythos staatlicher Souveränität hilft Unternehmen, uns zu bescheißen. Thomas Piketty

Wer geben soll, will nehmen dürfen

Wer reich werden will, wird Bankier oder Rüstungshändler – nicht Politiker. Die meisten Menschen in der Politik sind also ehrlich, nicht geldgeil. Fünf Gründe, warum Korruption dennoch ein weit verbreitetes Phänomen ist.

Die meisten Politiker sind ehrlich. Geldgier führt eher zum Bank- oder Rüstungskonzern als in die Politik. Aber sie tut sich wirklich schwer – aus einer unguten Motivmischung. Erstens ist die Politik in ihre eigene Deregulierungsfalle gegangen. Sie hat über 20 Jahre Einkommens- und Vermögensspreizung begünstigt, aber die Politiker stehen immer noch relativ frugal da. Das wurmt heimlich, wie der Fall Wulff zeigt. Die Reichen werden zur Aspirationsgruppe – da wollen viele mitspielen. Das dürfen sie aber nur verschämt, denn es riecht nach Verrat und Hartherzigkeit, schließlich ist die Politik für das Sozialgefälle wesentlich verantwortlich.

Die Gefühlsarbeit ist erbarmungslos, die Belohnung ist brüchig

Zweitens leben viele Politiker in einer verstetigten Gratifikationskrise. Ihre Arbeitsbedingungen kosten enorm Kraft. Sie reisen und pendeln, Freundschaften und Familie leiden, sie sollen stets lächeln, souveräne öffentliche Auftritte hinlegen, immer neu Unbekannte für sich einnehmen, sich menschlich rückhaltlos offenbaren und dabei doch geschickt überzeugen – ein Widerspruch in sich. Nebenher arbeiten sie noch die Aktenberge ihres Fachgebiets und die Kontaktpflege in Wahlkreis und Partei ab. Die Gefühlsarbeit ist erbarmungslos, die Belohnung ist brüchig – Adrenalin und Einsamkeit, Anerkennung und Angst. Das wird bei vielen emotional eng. Sie verschieben die hohen Gehälter auf die Zeit nach ihren Ämtern und bereiten sie durch allerlei Beraterverträge vor. Sie erleben das als legitime Nutzung und Belohnung ihrer Kompetenzen.

Drittens behindert die Fehlmoralisierung der Medien eine nüchterne Diskussion. Das modische Borgia-Genre gruselt so nett und liefert anekdotische Vorwände zur nörgeligen bourgeoisen Apathie. Viele Politiker haben das Gefühl, das Klischee vom Schmutzigen Geschäft klebt sowieso ewig.

Viertens erleben wir den schleichenden Übergang zur Post- oder Konsumdemokratie. Der Spaß-Bourgeois bringt sich, falls überhaupt, in Form lockerer Rackets ein, programmatisch ungreifbar. Er hält die Opportunitätskosten für Engagement niedrig, dann kann er schnell wieder abtauchen, ohne Verluste, ohne Reue. Der Traum von der einfachen, lustvollen Gestaltbarkeit der Welt wird zum emotionalen Konsumartikel neuer Parteien.

Erfolg um fast jeden Preis ist ein Leitwert

Fünftens ist unsere Kultur erfolgsambivalent. Einerseits erwarten soziale Gruppen, dass ihre Führung Normen und Werte vorbildlich vorlebt. Andererseits verehrt unsere Dominanzgesellschaft Sieger – Erfolg um fast jeden Preis ist ein Leitwert. Daher haben auch die Bürger ein ambivalentes Verhältnis zur Rechtlichkeit. Steuerhinterziehung und Versicherungsbetrug sind verbreitete Alltagsdelikte. Die Politik spiegelt also Werte der Gesellschaft. Viele Menschen nehmen Unehrlichkeit ohne nachhaltige Empörung mit viel Ambivalenz hin – sie wollen selbst gern anständig sein, schämen sich aber heimlich und verlangen projektiv von der Führung besondere moralische Qualität. Wenn das scheitert, genießen sie, dass ihr pessimistisches Menschen- und Weltbild mal wieder stimmt und sie deshalb selbst auch nicht immer integer handeln müssen.

Eine drastische Diätenerhöhung wäre also sinnlos. Sie würde die Konkurrenz um Posten anheizen und der Politik weder neue Zugänge noch neue Menschen gewinnen. Menschen sollen Entscheidungspositionen anstreben, weil unser Vertrauen und die Verantwortung vor Gott und unseren Kindern die größte Ehre sind, die jemand erreichen kann. In der Konsumdemokratie bekommen wir dagegen zunehmend Politiker, die opportunistische, passive Mehrheiten emotional ruhigstellen können.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Pyka, Michael A. Genovese, Jens Ivo Engels.

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