Redefreiheit ist das Leben. Salman Rushdie

Tödliche Theorien

Verschwörungstheorien sind zumeist spannende Geschichten, deren Wahrheitswert jedoch häufig gegen null tendiert. Manchmal aber entwickeln sie ein blutiges Eigenleben, vornehmlich dann, wenn sie politisch instrumentalisiert werden.

Schon seit biblischen Zeiten sind Volkszählungen nicht unbedingt populär. So ist es auch kein Wunder, dass in den USA die alle zehn Jahre stattfindende Erfassung der Bürger stets umstritten war. Die Vorbereitung der nächsten Volkszählung am 1. April 2010 hat bei der nationalistischen Rechten in den USA eine beispiellose Welle von Verschwörungstheorien ausgelöst. So soll Präsident Barack Obama angeblich die Häuser von politischen Gegnern mit GPS-Geräten erfassen, damit er sie von UN-Truppen festnehmen lassen kann. UN-Soldaten können bekanntlich keine amerikanischen Straßenschilder lesen und brauchen deshalb die GPS-Koordinaten, um ihre Ziele zu finden.

Neben den überzeugten Anhängern solcher Theorien findet man stets eine viel größere Zahl von Menschen, die eigentlich nicht daran glauben wollen, aber dennoch meinen, so etwas könne doch nicht frei erfunden sein.

“Wenn das so viele Menschen glauben, dann muss doch irgendwas dran sein”, höre ich immer wieder, wenn ich als Experte nach einer bestimmten Verschwörungstheorie gefragt werde. Und meine Antwort ist immer gleich: Nein, kein Wort davon muss wahr sein, eine Verschwörungstheorie beruht allein auf dem Misstrauen gegenüber anderen, als feindlich angesehenen Gruppen.

Blutige Legenden

Ein Beispiel: Seit mehr als 850 Jahren ist eine Verschwörungslegende bekannt, nach der Juden zu rituellen Zwecken christliche Kinder umbringen. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Der Benediktinermönch Thomas von Monmouth schrieb damals über den Mord am Kürschnerlehrling Willelm im englischen Norwich. Aus Rache für ihre Verbannung und zum Schimpf des Christentums hätte die jüdische Gemeinde in Norwich den Jungen als Blutopfer dargebracht, erklärte er. Die Behauptung war frei erfunden, trotzdem breitete sie sich aus. In den folgenden Jahrhunderten zog der Vorwurf eine blutige Spur durch Europa: Immer wieder reichte der bloße Verdacht, um ein Pogrom auszulösen. Bei dem letzten Vorfall im Jahre 1946 erschlug eine wütende Menge in Bielce in Polen 42 Juden unter dem Vorwurf, sie hätten einen verschwundenen, aber wieder aufgetauchten Jungen rituell ermorden wollen.

Niemand bezweifelt, dass der Ritualmordvorwurf vollständig aus der Luft gegriffen ist. Er speist sich allein aus dem Misstrauen gegen eine als fremd und unheimlich empfundene Gruppe. Menschen neigen dazu, anderen Gruppen pauschal bestimmte Eigenschaften, sogenannte Stereotype, zu unterstellen. Deutsche gelten als pedantisch und humorlos, Iren als dickköpfig und katholisch, Russen als trinkfest. Mitglieder einer einmal als gegnerisch gebrandmarkten Gruppe werden unweigerlich mit Misstrauen betrachtet. In seinem Buch “Masse und Macht” schreibt der Philosoph Elias Canetti dazu: “Diese können unternehmen, was immer sie wollen … alles wird ihnen so ausgelegt, als ob es einer unerschütterlichen Böswilligkeit entspringe.” Wenn das Stereotyp einer Gruppe die Eigenschaften lügnerisch, intrigant, grausam oder verschlagen enthält, dann steht sie immer unter dem Verdacht der Verschwörung, auch ohne dass konkrete Anhaltspunkte vorliegen. Ist erst ein diffuser Verschwörungsglaube entstanden, wird jedes unerklärte Unglück oder Verbrechen einer gegnerischen Verschwörung zugeschrieben. Es entstehen Verschwörungslegenden. Eine Seuche ist ausgebrochen? Die Juden haben die Brunnen vergiftet! Zur Zeit der Pestepidemien löste dieser Vorwurf in ganz Europa Pogrome aus, auch dort, wo die Seuche überhaupt nicht ausgebrochen war.

Eine Verschwörungstheorie fasst mehrere Verschwörungslegenden zusammen und gibt ihnen ein gemeinsames Gerüst. Sie unterstellt dem Gegner ein perfides Ziel (zum Beispiel die Weltherrschaft, die Unterjochung der freien Welt, die Ausplünderung der Menschheit etc.), erfindet eine geheime und allgegenwärtige Organisation und erklärt Fehlschläge, Katastrophen und Verbrechen zu Auswüchsen der gegnerischen Sabotage. Auch erfundene Bedrohungen schweißen eine Gruppe zusammen. Alle Diktaturen, gleich welcher Weltanschauung, haben sich das zunutze gemacht. Die Nazis beschworen die Bedrohung durch das Weltjudentum, Stalin wetterte gegen die angeblich allgegenwärtige Sabotage durch Trotzkisten, das iranische Regime sieht jeden Gegner als Handlager der Zionisten oder des “großen Teufels” USA.

Furcht schürt Gewalt

Wenn sich eine Gruppe von Verschwörern von Feinden umgeben sieht, rechtfertigt sie jede Restriktion oder Gewaltanwendung als legitime Reaktion auf einen heimlich geplanten Angriff. Spätestens dann werden Verschwörungstheorien gefährlich. Unter den Gruppen der nationalen Rechten in den USA breitet sich derzeit die Vorstellung aus, man müsse gegen die tyrannische Bundesregierung vorgehen – notfalls mit Schusswaffen. Schließlich, so argumentieren sie, erlaube der zweite Verfassungszusatz den Amerikanern ausdrücklich das Tragen von Waffen. Zu Rathaus-Versammlungen zur Diskussion der geplanten Reform des Gesundheitswesens erschienen diverse Männer demonstrativ mit Pistolen und Gewehren. Dieses Verhalten bereitet den amerikanischen Behörden inzwischen einiges Kopfzerbrechen.

Einen freiwilligen Helfer der Volkszählungsbehörde fand man am 12. September 2009 im ländlichen Südosten von Kentucky ermordet auf – mit einem Strick um den Hals an einem Baum aufgehängt. Auf seine Brust war mit rotem Filzstift das Wort “Fed” (für Federal Agent = Bundesagent) gekritzelt. Die Vorbereitungen für die Volkszählung in diesem Distrikt wurden daraufhin ausgesetzt. Der Mordfall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Ist der Glaube an geheimnisvolle Verschwörungen aber in jeden Fall falsch? Keineswegs: Intrigen und geheime Absprachen jeder Größenordnung sind ein normaler Bestandteil des menschlichen Lebens. Verschwörungstheorien aber sind immer ein Konstrukt, geboren aus dem Misstrauen gegenüber anderen, als feindlich empfundenen Gruppen. Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit kommen vor, aber sie sind reiner Zufall.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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