Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge. Henry Ford

„Informationen ohne Filter sind bloß Lärm“

Thomas Goetz, Leitender Redakteur beim IT-Portal Wired, will mit Feedback Loops unser Leben optimieren. Mit Lars Mensel und Florian Guckelsberger sprach er über die Grenzen des Alters, den perfekten Zeitpunkt zum Aufstehen und die wahren Kosten medizinischer Produkte.

The European: Herr Goetz, welches Alter möchten Sie einmal erreichen?
Goetz: Das ist eine gute Frage. Tatsächlich habe ich viel darüber nachgedacht und ich glaube, ich möchte 100 Jahre alt werden. Das ist eine gute, runde Zahl. Für mich ist es die Kombination eines erfüllten Lebens mit dem Fehlen endloser lebensverlängernder Maßnahmen, die unser Dasein in einem Zustand fortführen, welchen wir nicht fortführen wollen.

The European: Es besteht die realistische Möglichkeit, dass Sie wesentlich älter werden. Wir verunfallen seltener, leben gesünder und optimieren unseren Lifestyle. Wie wird sich unsere Gesellschaft verändern, wenn wir Ihre Idee der „Feedback Loops“ weitestgehend implementieren?
Goetz: In den meisten unserer Lebensabschnitte machen wir Fehler. Uns bieten sich all diese Möglichkeiten und wir treffen Entscheidungen – kleine Entscheidungen: wo wir unser Auto parken, wie weit wir laufen. In all diesen Entscheidungen machen wir Fehler, denn wir stützen sie auf kurzfristige Erwägungen anstatt auf langfristige Evaluationen. Ich denke, die Idee des „Feedback Loop“ ist es, uns an die Langfristigkeit zu erinnern. Es erinnert uns an die großen Ziele, die wir verfolgen, die Ziele, die einen längeren und besseren Ertrag für unser Leben bieten. Ich hoffe, dass es sich eines Tages auszahlen wird und wir nicht nur längere, sondern gesündere Leben führen werden, wenn wir all die Konsequenzen unserer kleinen, umsichtigen Entscheidungen addieren.

„Wir müssen uns Entscheidungen bewusster machen“

The European: Wir machen regelmäßig Fehler und entscheiden uns dann für einen Ansatz zur Lösung eines Problems. Brauchen wir diese Versuchs- und Irrtumsmethode?
Goetz: „Feedback Loop“ und Trial and Error sind ein und dasselbe. Trial and Error bedeutet: etwas ausprobieren, aus der Entscheidung wie dem Ergebnis lernen, und dann erneut etwas ausprobieren. Und die Idee des erneut Ausprobierens ist ein „Feedback Loop“. Beides ähnelt sich also sehr, aber das Ziel ist es, tatsächlich aus unseren Fehlern zu lernen. Wenn wir es nur andauernd versuchen, ohne Evaluation oder gründliche Beachtung möglicher Handlungsalternativen, so werden wir keine Resultate erreichen. Wir müssen uns solche Entscheidungen bewusster machen. Das ist nicht notwendigerweise gleich eine andere Denkart, sondern vielmehr ein leicht gesteigertes Handlungsbewusstsein.

The European: Sie haben eine Reihe von Geräten vorgestellt, die durch datenbasierte Analyse unseres Alltags darauf abzielen, unseren Lebensstandard zu verbessern. Etwa das Wecker-Armband, das uns im günstigsten Zeitpunkt weckt. Wer setzt den Standard für derartige Gesundheitsempfehlungen?
Goetz: Ich denke, es geht nicht darum, einen allgegenwärtigen Standard zu diktieren, sondern es Leuten zu ermöglichen, personalisierte Entscheidungen zu treffen, die für sie funktionieren. Dies sind Mittel, die es uns ermöglichen, bewusster hinsichtlich dessen zu sein, was wir tun und warum etwas für uns funktioniert oder nicht, als eine standardisierte generische Antwort. Bei medizinischer Forschung, die sich auf den arithmetischen Mittelwert bezieht, arbeitet man mit einem statistischen Durchschnitt. Und sehr wenige Menschen treffen tatsächlich diesen Wert.

Was wir verstehen wollen, ist, wo wir uns in der Fläche befinden und wo auf der Glockenkurve hinsichtlich jeder denkbaren Entscheidung oder Kombination. Obgleich sich in Sachen Schlaf zeigt, dass Menschen, die behaupten, mit vier oder fünf Stunden Schlaf auszukommen, tatsächlich mehr brauchen. Wenn man diese Leute in ein Schlaflabor bringt und testet, wie ihre Schlafdauer von anderen Leuten abweicht, so stellt man kaum einen Unterschied fest. Unter perfekten Bedingungen ohne Außenlicht oder Uhren liegt sie zwischen achteinhalb und neuneinhalb Stunden. In einer perfekten Welt ist die Abweichung also sehr gering.

„Konstante Informationsflut ist bloß Lärm“

The European: Es ist überraschend, wie wenig Konsumenten über die Kosten von Medikamenten wissen. Daher ist der Konsum von Pharmazeutika alles andere als rational. Wie können Ihrer Meinung nach „Feedback Loops“ in unser Gesundheitssystem integriert werden?
Goetz: Der Umstand, dass Leute nichts über die Kosten medizinischer Produkte wissen, ist gut und schlecht. Er ist gut in dem Sinne, dass Preisstützen dazu beitragen, dass Menschen Pillen konsumieren, die sie brauchen, sich aber sonst nicht leisten könnten. Global betrachtet fällt auf, dass Pharmazeutika, etwa in den USA, wesentlich teurer sind als in Entwicklungsländern, da wir diese Länder subventionieren. Einige Menschen, die sich über die Kosten medizinischer Behandlung im Westen beschweren, fühlen sich ausgebeutet. Es stellt sich jedoch heraus, dass Menschen in Entwicklungsländern überhaupt keine Medikamente erhielten, wären sie nicht entsprechend teuer in westlichen Ländern. Daher ist es immer schwierig, die wahren Kosten von Medikamenten festzustellen. Transparenz ist wichtig.

Was mir Sorgen bereitet, sind nicht nur Pharmazeutika, sondern wie ignorant Menschen hinsichtlich der Kosten und Ergebnisse von Behandlungen, Untersuchungen und Operationen sind – nicht im Sinne von „Funktioniert es?“, sondern im Sinne von „Was wird diese Prozedur von mir abverlangen im Zuge von Rehabilitation und Therapie?“ Über diese Fragen wird selten nachgedacht und selten gesprochen. Je mehr wir über solche Dinge wissen, desto seltener entscheiden sich Menschen für Operationen, denn sie begreifen, dass frühe Verhaltensänderungen besser geeignet sind, um Missstände zu beheben, als eine spätere OP. Ich denke, das ist eine weitere Transparenzebene, die wir etablieren müssen. Und es geht alles zurück auf die Idee, dass wir Individuen dazu bringen müssen, ihre Lebensführung Schritt für Schritt selbst zu ändern, anstatt die Änderung einem Dritten zu überlassen.

The European: Datensammlungen können in diesem Prozess ohne Frage hilfreich sein. Aber kommen wir irgendwann an den Punkt, an welchem wir zu viele Daten haben und nicht mehr unserem Instinkt vertrauen?
Goetz: Wenn man über Daten spricht, will man nicht konstant mit Information überschüttet werden, denn das wäre nur Lärm. Man braucht daher gute Filter. Das gilt besonders für Gesundheitsvorsorge, aber auch für Information im Allgemeinen. Wir brauchen effektive Filter, die Informationen für uns personalisieren, damit wir die Menge und Art der benötigten Informationen kalibrieren können. Datensammlungen sind nur der erste Schritt. Der zweite ist es, Relevanz zu finden und darzustellen. Ohne Relevanz ist ein Beweis sinnfrei. Daher ist das Design oder Interface, in dem Daten dem Nutzer präsentiert werden, wahrscheinlich der wichtigste Teil. Menschen müssen verstehen, was eine Information für sie bedeutet. Hierin müssen wir viel besser werden, wir stecken noch in den Kinderschuhen.

Dieses Interview entstand im Rahmen der DLD-Konferenz 2012 in München. The European ist Medienpartner der Veranstaltung.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Medizin, Demografischer-wandel, Gesundheit

Debatte

Nahles: Wir müssen uns um die Sachfragen kümmern

Wir verbessern die Terminvergabe bei Ärzten

Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz beschließen wir diese Woche eine wichtige Verbesserung zum Abbau der Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. Wir haben erreicht, dass die Terminvergabe ver... weiterlesen

Medium_5a46773880
von Andrea Nahles
14.03.2019

Debatte

Fortschritt für Wissenschaft und Gesellschaft

Medium_2da511b0fe

Die erste Frau Europas, die ein Kunstherz implantierte

Fleiß, Können und Leidenschaft – diese Trias vereint mit einer großen Portion Glück zeichnet die Lebensgeschichte von Dilek Gürsoy aus. Sie ist die erste Frau in Europa, die einem Patienten ein Kun... weiterlesen

Medium_bbf1b7cfdf
von Dilek Gürsoy
08.09.2018

Debatte

Autonom fahren mithilfe Künstlicher Intelligenz

Medium_6bf14bfb89

Das Potenzial künstlicher Intelligenz

Künstliche Intelligenz findet zunehmend kommerzielle Anwendungen. Unter anderem in den Bereichen Medizin, Fahrzeugsteuerung, Logistik oder der Sprachsteuerung. Während zwischen den USA, China, Russ... weiterlesen

Medium_be3c0a00b0
von Maximilian Thaler
28.04.2018
meistgelesen / meistkommentiert