Spiel, Spaß, Karriere

von Thomas Gensicke12.08.2011Gesellschaft & Kultur

Die Jugend hat die verloren geglaubten Sekundärtugenden reanimiert. Fleiß und Strebsamkeit sind aber nicht Mittelpunkt des Lebens, vielmehr geht es um eine lebenswerte Kombination aus Karriere und Lebenslust – und vielleicht in Zukunft auch mehr Idealismus.

Ist es zumeist üblich, die Jugend als genuss- und spaßsüchtig einzustufen, so hört man heute manchmal die gegenteilige Meinung. Die jungen Leute wären zu leistungs- und karriereorientiert und opferten dafür die Freiräume der Jugendzeit. Ist es wirklich so, dass sie sich, wie gesagt wird, heute der „Diktatur des Lebenslaufes“ unterwerfen? Dreht sich alles nur noch um die Schnelligkeit (der Ausbildung, des Weiterkommens) im Interesse der beruflichen Karriere? Zweifellos hat sich die Mentalität der Jugend (vor allem der westdeutschen) seit den 1980er-Jahren deutlich verändert. Leistung steht heute wieder wesentlich weiter oben auf ihrer Agenda. Aber was war die Ausgangssituation und wo stehen wir heute? Der Vorteil der empirischen Sozialforschung besteht darin, dass sie nicht nur Trends abbilden kann, sondern auch Niveaus. Dadurch können die Dinge zueinander ins Verhältnis gesetzt werden.

Das Blatt wendete sich

In den 1980er-Jahren zeigte die Jugend der Bundesrepublik eine Lebenseinstellung, in der der Genuss der guten Dinge des Lebens und der Spaß weit vor der Leistung kamen. Von den zumeist älteren Verantwortungsträgern wurde mahnend darauf hingewiesen, dass das nicht lange gut gehen kann. Nichts zeigt die alte Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung und dem Globalisierungsschub so deutlich als eine Insel der Seligen wie die jugendliche Mentalität. Dann wendete sich das Blatt. Der deutsche Osten war zu versorgen und von dort kamen junge, gut ausgebildete und hoch motivierte Konkurrenten um Arbeitsplätze. In Osteuropa und immer weiter nach Osten gab es Heere von Arbeitern, die mit geringen Löhnen zufrieden waren. Auf die sozialen Probleme reagierte die Politik mit Sozial- und Bildungsreformen, denen oft der Sinn, vor allem aber der Verstand fehlte. Das war keine angenehme Agenda für die neue Generation der seit Mitte der 1990er-Jahre geprägten Jugendlichen. Die von Leuten wie Lafontaine totgesagten „Sekundärtugenden“ kamen in der Jugend wieder auf die Tagesordnung. Fleiß, Ordnung, Sicherheit wurden plötzlich wieder wichtig genommen, in den Beziehungen die Treue. Der Wert der Familie erlebte eine Renaissance. Auch die schon angegrauten Alt-68er und ihre Nachfolger, jetzt Eltern von Jugendlichen, konnten ihr eigenes Konservativwerden nicht verleugnen, aber von der Jugend (mit Walter Ulbricht zu sprechen) wurden sie darin „überholt, ohne eingeholt zu werden“. Aber was will die Jugend von heute? Bedingungslos Karriere machen? Hört man ihnen zu, ist das allenfalls die Einstellung einer Minderheit. Zwar meinen 64 Prozent der Jugendlichen ganz bestimmt, dass man heutzutage wissen müsse, was man will, um im Leben erfolgreich zu sein. Allerdings wollen nur 22 Prozent mit bedingungslosem Erfolgsstreben alles der Karriere und dem Beruf opfern. Das Novum gegenüber den 1980ern ist vor allem, dass von der Jugend Leistung und Genuss heute etwa gleich bewertet werden.

Blick gen Osten

Was macht man in einer solchen Situation? Wenn es zwei Grundbedürfnisse gibt, die allzu schnell miteinander in Konkurrenz geraten können? Man ist pragmatisch. Pragmatische Generation, so nennen die Shell Jugendstudien diese Jugend, seit wir in München 2002 bei TNS Infratest Sozialforschung die Berichterstattung übernommen haben. Pragmatisch sein ist eine sinnvolle Reaktion in Zeiten der Unsicherheit und der Notwendigkeiten des Ökonomischen. Das wird jetzt aber anders. Eine neue Generation wird kommen. Der Blick in die Glaskugel sieht jedoch nicht einen neuen Hedonismus, sondern einen neuen Idealismus kommen. Dahinter stehen handfeste Gründe. Die Wirtschaft läuft wieder und die Jugendlichen werden immer weniger. Das entspannt. Es ist nur die Frage, ob die Jugend auch anderer Länder uns darin folgen kann. Die Lage und die Aussichten sind hier ja viel besser als in Süd-, West- und Osteuropa oder gar in US-Amerika. Vielleicht kommt ein Teil der Jugend, die in Europa keine Arbeitsplätze findet, auch zu uns, die wir sowieso einen Jugendmangel haben. Und vielleicht strahlen unsere sozialen und ökologischen Tugenden und unsere gemäßigten Sitten in der Welt wieder mehr, wenn wir ökonomisch (und auch ganz allgemein) so angesehen sind wie nie zuvor. Unsere Tugenden der Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und der Kooperation sollten wir gegen die Unarten der Selbstherrlichkeit und der Dominanz selbstbewusster in die Waagschale legen. Und der Blick sollte noch stärker in die östliche Richtung gehen, denn hier schlägt schon jetzt der Puls der Weltgeschichte.

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